Schimpanse Charly im Kreuzfeuer

Tierschützer: - Tiere waren im Fernsehen schon immer Stars. Einst tapsten, tauchten oder trabten "Lassie", "Flipper" und "Black Beauty" in die Herzen der Zuschauer, heute bringen der lustige Schimpanse in "Unser Charly" (ZDF) oder der kluge Schäferhund in "Kommissar Rex" (SAT 1) Quote - oft mehr und konstanter als manch menschlicher Schauspielerkollege. Doch tierische Serien wie diese sind nicht der einzige TV-Tummelplatz für Bello und Konsorten.

Die neue Erzählform "Doku Soap" hat jüngst die haarigen, gefiederten oder dickhäutigen Darsteller für sich entdeckt, und so überschwemmt derzeit eine wahre Flut davon zum Thema Alltag im Zoo, Tierarzt im Dienst oder gar Erziehungshilfe für gestresste Hundebesitzer die Kanäle.

Klassische Tierdokumentationen à la "Expeditionen ins Tierreich" sind heute fast gänzlich vom Bildschirm verschwunden. "Solche Naturdokumentationen hatten einfach rückläufige Zuschauerzahlen," erläutert ARD-Sprecher Bernhard Möllmann: "Vielleicht ist dieses ,Ein-Tier-frisst-das-andere’ einfach nicht mehr das, was die Leute sehen wollen." Der Blick hinter die Kulissen reize den Zuschauer viel mehr, das Leben der Tiere im Zoo beispielsweise, wie ihn ARD-Formate wie "Elefant, Tiger & Co." werktäglich (16.10 Uhr) zeigen. "Es gibt einfach eine Tendenz zum harmonischen Fernsehprogramm", so Möllmann: "Es muss nicht immer das Dramatische, Blutige sein."

Informativ, spannend und berührend seien die neuen Formate, "die Geschichten könnten nebenan stattfinden, und tun es oft genug auch. Das fasziniert", bestätigt Chantal Guerrerro, Sprecherin des Kölner Privatsenders Vox, der mit "Menschen, Tiere & Doktoren", "Wildes Wohnzimmer", der "Tier Nanny" und - frei nach "DSDS" - der Hundecastingshow "Top Dog - Deutschland sucht den Superhund" die meisten Tierformate erprobt hat. ",Top Dog’ war Boulevard", räumt Guerrerro ein, "aber artgerecht, tierfreundlich und mit vielen Elementen, die heute Standard in der modernen Hundeerziehung sind."

Tierschützer haben daran allerdings ihre Zweifel. "Tiere dürfen nicht eingesetzt werden, um der Sensationsgier der Zuschauer zu genügen", warnt Jörg Styrie, Geschäftsführer des "Bundes gegen Missbrauch der Tiere" in Berlin. Natürlich seien Hunde gelehrig, doch sie dürften weder psychisch noch physisch überfordert werden. "Da muss man manchmal schon ganz genau hinsehen, um zu erkennen, ob das eine oder andere Kunststück noch freiwillig oder doch eher unter Zwang erlernt wurde." Noch problematischer seien Formate wie "Wildes Wohnzimmer", die Menschen porträtieren, die sich mit ihrer Giftschlange das Sofa teilen oder abends mit der Vogelspinne kuscheln. "Wenn solche Sendungen vorgaukeln, wilde Tiere seien im heimischen Wohnzimmer zu halten und als Prestigeobjekt geeignet, dann ist das kaum zu verantworten", kritisiert Styrie.

Und selbst der so harmlos wirkende Affe Charly gerät ins Kreuzfeuer der Tierschützer: "Da wird ein Bild von einem Affen vermittelt, das keinesfalls der Realität entspricht." Schimpansen könnten zuhause überhaupt nicht gehalten werden, sagt Styrie. "Und sobald ein Affe in die Pubertät kommt, nimmt seine Dressierbarkeit ab. Deshalb wurde der Original-Charly ja auch schon mehrfach ausgetauscht. Aber was ist aus den fünf, sechs oder sieben Vorgängern des heutigen Charly geworden?"

Eine Frage, zu der das ZDF offiziell keine Stellung nehmen möchte. Nach jahrelangem Streit mit diversen Tierschutzverbänden wolle man sich dazu nicht mehr äußern, heißt es beim Mainzer Sender. Warum auch - alle Kritik an einer Vermenschlichung des Schimpansen und der fragwürdigen Praxis, einen "ausgedienten" Charly durch den nächsten zu ersetzen, hat dem Erfolg der bereits über zehn Jahre alten Serie bisher keinen Abbruch getan. Tiere sind scheinbar tatsächlich nach wie vor ein Quotengarant. "Ob dieser extreme Boom von Tieren im Fernsehen allerdings auf Dauer anhalten wird, bezweifle ich", sagt Styrie. "Meiner Meinung nach ist auch das, wie so vieles in unseren Medien, einfach ein Trend, der irgendwann wieder abebbt.

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