Die schleichende Entfremdung

- Mit dem ZDF-Zweiteiler "Papa und Mama" kehrt Regisseur Dieter Wedel am 2. und 4. Januar nach vier Jahren Pause auf den Bildschirm zurück. Der 63-Jährige, der mit Mehrteilern wie "Der große Bellheim" (1993), "Der Schattenmann" (1996) oder "Der König von St. Pauli" (1998) große Erfolge feierte, widmet sich diesmal dem Thema Scheidung.

Filme zu diesem Thema gibt es viele. Warum wollten auch Sie noch einmal eine Geschichte dazu erzählen?

Dieter Wedel: Die Idee hatte ich schon in den Neunzigern, als ich den "Schattenmann" gemacht habe. Bei den Recherchen stieß ich auf ein Interview, das meine Assistentin mit einem Scheidungskind geführt hatte. Das Mädchen war damals 15 Jahre alt und durch die Trennung der Eltern schwer geschädigt. Das hat mich tief getroffen.

Sie haben die Idee dann aber doch erst einmal nicht umgesetzt. Was gab schließlich den Ausschlag, "Papa und Mama" zu drehen?

Wedel: Nach der "Affäre Semmeling" wollte ich einfach mal nicht wieder das Königsdrama machen, mal nichts, was mit der Welt der Politiker, der Konzernlenker oder des organisierten Verbrechens zu tun hat. Als ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke mich fragte, was denn mit dem Thema Scheidung wäre, erinnerte ich mich wieder an dieses Mädchen.

Der Film erzählt Geschichten von Trennung und Scheidung aus der Sicht der Kinder. Warum haben Sie sich für diese Perspektive entschieden?

Wedel: Weil die Kinder hin- und hergerissen werden und am meisten unter einer Scheidung leiden. Sie empfinden es als eine Art Vertreibung aus dem Paradies. Wir haben zum Beispiel diese damals 15-Jährige wieder ausfindig gemacht - eine inzwischen 28-jährige, attraktive Frau mit schweren Beziehungsängsten.

Was hat Sie bei Ihren Recherchen zum Film am meisten überrascht?

Wedel: Der Trennungsgrund. Ich hatte immer gedacht, Gründe wären meistens ein Seitensprung oder eine neue Verliebtheit. Aber es ist die schleichende Entfremdung, der Mangel an Kommunikation, die Sprachlosigkeit. Das führt dann dazu, dass sich vor allem Frauen fragen: War das schon alles?

Auch Ihr Film beginnt damit, dass ein Mann von seiner Frau verlassen wird. Ihn trifft es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Können die Wahrnehmungen der jeweiligen Partner so verschieden sein?

Wedel: Bei unseren Recherchen haben wir mit Geschiedenen gesprochen, unabhängig voneinander mit beiden Partnern. Und sie haben vollkommen verschiedene Geschichten erzählt. Aber keiner hat gelogen, sie nehmen die Wirklichkeit nur verschieden wahr.

Auch bei Ihnen ist die Frau diejenige, die den entscheidenden Schritt macht . . .

Wedel: Es ist ja statistisch nachweisbar, dass häufiger die Frauen gehen. Männer arrangieren sich, sie haben eine Freundin, gehen mal fremd. Frauen sind da rigoroser, vielleicht auch, weil sie dieses Gefühl, dass die Uhr tickt, stärker empfinden.

Welche Kritik üben Sie am Scheidungsrecht?

Wedel: Ich bin kein Jurist, und ich habe den Eindruck, dass der Gesetzgeber inzwischen versucht, vieles abzufedern. Ich glaube, dass vor der Reform des Scheidungsrechts im Jahr 1977 die Frauen benachteiligt waren, danach die Männer. Manches hat sich heute verändert, aber es ist immer noch so, dass der Besserverdienende beinahe jeder Erpressung durch denjenigen ausgesetzt ist, der schlechter verdient und die Kinder hat.

Was sollte aus Ihrer Sicht geändert werden?

Wedel: Geht man in Rente, wird man krank oder entlassen, dann wird man von einem sozialen Netz aufgefangen - aber nirgendwo steht, dass man seinen Lebensstandard weiter halten darf. Diese Garantie hat man nur als Ehepartner, wenn man die Kinder behält. Außerdem es ist doch absurd, dass der Besserverdienende plötzlich zwei Haushalte finanzieren und dazu noch höhere Steuern zahlen muss. Da sind Konflikte doch vorprogrammiert.

Bei der Besetzung der Hauptrollen haben Sie diesmal auf prominente Namen verzichtet . . .

Wedel: Zum einen wollte ich keine Gesichter von Schauspielern, die mit ihren Beziehungsproblemen schon selbst in der Boulevardpresse standen. Aber nicht nur wegen der Glaubwürdigkeit der Geschichte wollte ich eher unbekannte Gesichter haben, sondern vor allem, weil es im fiktionalen Bereich des Fernsehens eine entsetzliche Verengung gibt - thematisch und personell. Das darf nicht sein.

Heißt das, das Fernsehen in Deutschland braucht neue Gesicher?

Wedel: Ja, man hat den Eindruck, es gibt nur noch Krimis oder Süßholzgeschichten - und die werden gespielt von 25 Schauspielern in Deutschland. Regisseure besetzen doch kaum noch selbst, sondern der Produzent und der auftraggebende Sender bestimmen. Da wird danach ausgewählt, welcher Schauspieler gute Quoten gebracht hat - egal, ob das für die Rolle passt. Es kann nicht sein, dass es in diesem Land nicht mehr gute Schauspieler gibt.

Sie selbst sind ja für Ihre Mehrteiler im Fernsehen bekannt. Haben Sie sich diesmal bewusst für nur zwei Folgen entschieden?

Wedel: Ja, aus meiner Sicht haben die beiden Teile für diese Geschichte ausgereicht. Wenn der Zuschauer sich einen dritten wünschen würde, wäre mir das lieber, als wenn er sich gelangweilt fühlt.

Was haben Sie selbst durch die Arbeit an diesem Film für Ihr Privatleben gelernt?

Wedel: Ich hab' angefangen, mich zu zwingen, nach einem anstrengenden Drehtag abends zu Hause trotzdem zu reden. Das heißt nun um Gottes willen nicht, dass ich Menschen auffordern will, Familienkonferenzen abzuhalten und alles zu zerreden. Sondern einander einfach auch mal zuzuhören, mal über den Alltag zu reden. Darauf achte ich jetzt mehr, weil ich begriffen habe, dass das Versiegen des Gespräches der Beginn der Erosion ist."

Das Gespräch führte Dorit Koch.

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