"Es war schlimmer, als wir denken"

München - In der polnischen Großstadt Breslau (Wroclaw) ist ein Teil des Warschauer Ghettos wiedererstanden. Weil es in Warschau kaum noch historische Spuren des Ghettos gibt, dient das ehemals deutsche Breslau als Kulisse für einen Fernsehfilm über Deutschlands bekanntesten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der den Holocaust überlebte.

Eine kleine Gasse unweit des Alten Marktes verwandelte sich in eine Straße im Ghetto, die Universitätsbibliothek in den Sitz des Judenrats. "Fleckfieber. Betreten strengstens verboten", steht auf Plakaten an einem nachgebauten Holzzaun.

Eine Kolonne aus Hunderten abgemagerten Ghetto-Insassen, bewacht von SS-Leuten und jüdischen Ordnungspolizisten, bewegt sich langsam zum "Umschlagplatz". Von dort waren im Sommer 1942 mehrere hunderttausend Juden ins Vernichtungslager Treblinka deportiert werden. Dieses Schicksal teilte auch die Mutter von Reich-Ranickis Ehefrau Teofila. In einer Szene können die Tochter, gespielt von Katharina Schüttler, und Marcel (Matthias Schweighöfer) nur machtlos aus der Ferne beobachten, wie sie abgeführt wird.

Persönlichen Erfahrungen der Holocaust-Überlebenden gerecht zu werden, ist für den israelischen Regisseur Dror Zahavi die größte Herausforderung. Reich-Ranicki selbst gab ihm den Hinweis mit auf den Weg, alles sei schlimmer gewesen, als wir denken. Das sei für ihn eine große Last, bekennt Zahavi. Doch Reich-Ranicki habe äußerst positiv auf die ersten Szenen reagiert. Sie hätten ihn "sehr berührt". Angesichts des geringen Wissens über die Zeit des Nationalsozialismus bei jungen Menschen sei es "sehr gut und erfreulich, dass der Film gemacht wird".

Die Dreharbeiten hatten am 3. Juli in Nordrhein-Westfalen begonnen. Drei Wochen später zog das Team nach Breslau um, wo die Arbeit jetzt zu Ende ging. Danach ist noch eine Drehwoche in Legnica (Liegnitz) vorgesehen, dann sei der Film unter Dach und Fach, sagt die verantwortliche WDR-Redakteurin Barbara Buhl. Voraussichtlich wird der eineinhalbstündige Streifen am 15. April nächsten Jahres in der ARD zu sehen sein.

Die Produktion solle mehr sein als nur eine Verfilmung von Reich-Ranickis vor knapp zehn Jahren erschienener Autobiografie "Mein Leben". Er solle auch junge Leute ansprechen, die den "Literaturpapst" nicht kennen.

Drehbuchautor Michael Gutmann hat den "dramaturgischen Kniff" eines Verhörs als Rahmen für die Erzählung gewählt. Nach dem Krieg hatten Polens kommunistische Behörden Reich-Ranicki als Diplomaten - und Agenten - nach London geschickt, doch schon 1949 fiel er wegen "ideologischer Entfremdung" in Ungnade, wurde abberufen und verhaftet. Beim Verhör durch einen polnischen Sicherheitsbeamten soll Reich-Ranicki sein Leben erzählen.

Die Handlung beschränkt sich auf einen begrenzten Zeitabschnitt aus dem Leben des 88-Jährigen. Die Geschichte setzt im Jahr 1929 ein, als der neunjährige Marcel, Sohn einer deutschen Mutter und eines polnischen Vaters, aus seinem Geburtsort Wloclawek nach Berlin geschickt wird, ohne die deutsche Sprache zu verstehen. Er musste sich anpassen, besser als andere sein, um nicht unterzugehen, erläutert Gutmann.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnen die Repressionen gegen jüdische Mitbürger, im Jahr 1938 wird der Abiturient nach Polen ausgewiesen. Dort erlebt er ein Jahr später den deutschen Angriff und die Einweisung ins Ghetto, wo er seine Frau kennenlernt. Dem Paar gelingt im Februar 1943, kurz vor der Ermordung aller Insassen, die Flucht. Eine polnische Familie versteckt die beiden bis zum Einmarsch der Roten Armee im Herbst 1944.

Seit Anfang der Fünfzigerjahre arbeitet Reich-Ranicki in Polen als Lektor und Literaturkritiker. Im Jahr 1958 reist die Familie in die Bundesrepublik aus. Da beginne eine neue Geschichte, begründet Gutmann seine Entscheidung, hier den Film zu beenden.

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