"Schwarz und Weiß gilt auch hier nicht"

München - Im Auftrag der Nazis hielt sie zeitweise halb Europa besetzt - und musste am Ende in den Ruinen des Deutschen Reiches bedingungslos kapitulieren. Rund 17 Millionen Mann dienten in der Wehrmacht, leisteten ihren Eid auf Adolf Hitler persönlich. Von heute an zeigt das ZDF jeweils dienstags um 20.15 Uhr die fünfteilige Reihe "Die Wehrmacht - eine Bilanz".

Die gefangenen Generäle waren unter sich. Sie plauderten bei Brandy und Tee in ihrem vergleichsweise noblen britischen Internierungslager Trent Park drauflos - über den "Führer", den Endsieg, über Grausamkeiten der anderen und der eigenen Truppen. Nebenan zeichnete der britische Geheimdienst die Gespräche auf Wachsplatten auf. Die Protokolle dieser zwischen 1942 und 1945 geführten Gespräche boten wichtigen Aufschluss für die Grundstimmung im deutschen Generalstab. Sie sind auch der rote Faden für Guido Knopps neue fünfteilige ZDF-Dokumentation "Die Wehrmacht - Eine Bilanz".

"Die Zeit ist reif für dieses Thema", meint der Haushistoriker des Mainzer Senders. Noch lebten Zeitzeugen, die man befragen könne. Im Übrigen habe die umstrittene Wehrmachtsausstellung vor zehn Jahren der gesamten historischen Forschung starken Auftrieb gegeben. Intensiv wie noch nie zuvor sei im vergangenen Jahrzehnt das Thema "Wehrmacht" bearbeitet worden.

Knopps persönliche Bilanz: "Man muss die Thematik differenzierter sehen als früher. Schwarz und Weiß gilt auch hier nicht. Die Wehrmacht, wie sie offiziell seit 1935 hieß, mit 17 Millionen Mann die größte, die Deutschland je hatte, stand nicht außerhalb aller Gräuel, sie war oft genug an den Verbrechen der SS beteiligt, passiv und auch aktiv. Aber es hat auch das andere gegeben, Menschen, die sich entsetzten, Widerstand leisteten."

Wie weit es die Realität überhaupt zulässt, dass der einzelne "sauber" bleibt, ist dabei weiterhin die offene Frage. Die Abhörprotokolle der deutschen Generalsgespräche hatte der Historiker Sönke Neitzel vor zwei Jahren als Buch herausgegeben ("Abgehört", Ullstein Verlag). Die fünf jeweils dreiviertelstündigen Filme zeigen viel dokumentarisches Material, darunter Grausiges wie jene von einem Soldaten gefilmten Bilder, die zeigen, wie Zivilisten gehängt werden. Dazwischen sind Interviews mit früheren Soldaten sowie Spielszenen mit Schauspielern zu sehen, die das Geschehen im Gefangenencamp von Trent Park rekonstruieren.

Dort war auch General Dietrich von Choltitz untergebracht, der Kommandant im besetzten Paris, der Hitlers Befehl, die französische Hauptstadt niederzubrennen, kurzerhand ignorierte. Historiker Neitzel: "Er hatte wahrscheinlich auch gar nicht die technischen Möglichkeiten dazu." Dennoch bekam er nach dem Krieg das Kreuz der französischen Ehrenlegion. Neitzel: "Ein erstaunlich widersprüchlicher Mann. Eigener Aussage nach an Judenmorden auf der Krim beteiligt. Aber dann eben einer, der sich dem Wahnsinn des Kriegs widersetzte."

Von Choltitz stammt auch der Satz: "Vielleicht sind wir mehr schuld an allem als das ganze andere ungebildete Viehzeug."

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