Von der Selbstverständlichkeit des Lebens

Schauspielerfamilie Beilharz: - Vor drei Jahren bewegte der Film "Engelchen flieg!" die Zuschauer. Die Schauspielerin Corinna Beilharz gab nach dem Drehbuch ihres Mannes Einblicke in das Leben mit ihrer schwerstbehinderten Tochter. Die Fortsetzung "Das Leuchten der Sterne" läuft heute Abend in der ARD (20.15 Uhr). Wir besuchten die Schauspielerfamilie.

Marlene und Moritz sind sich einig: "Das Schönste beim Drehen war das Fest danach!" Bis zwei Uhr in der Früh hätten die Kinder auf der Tanzfläche getobt, erinnert sich ihre Mutter, die Münchner Schauspielerin Corinna Beilharz: "Und Marlene hat sogar länger durchgehalten als Moritz."

Marlene auf der Tanzfläche? Das blonde, zehnjährige Mädchen ist seit seiner Geburt schwerstbehindert und kann aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung die eigenen Bewegungen nicht kontrollieren. Dennoch ist sie überall dabei. "Man darf behinderte Kinder nicht verstecken", sagt ihre Mutter energisch. "Sie gehören zu unserem Leben dazu. Und sie können meist viel mehr, als man ihnen zutraut." Genau das zu zeigen, ist ein Ziel von Adolf Winkelmanns Film "Das Leuchten der Sterne".

Bereits vor drei Jahren hat der Regisseur zusammen mit Marlene, ihrem heute 13-jährigen Bruder Moritz und ihrer Mutter gedreht. "Engelchen flieg!" erzählte von der Familie Koller, die mit der Behinderung ihrer Tochter Pauline trotz aller Belastungen und Probleme zu leben lernt. Nun geht die Geschichte weiter.

Trotz aller Parallelen zu ihrem wirklichen Leben bleibt die Story fiktiv, betont Werner Thal, Autor beider Drehbücher und Papa von Marlene und Moritz: "Man schöpft natürlich aus den eigenen Erfahrungen oder baut Dinge ein, die man im Bekanntenkreis erlebt." Die Mutter eines behinderten Kindes sei häufig 24 Stunden am Tag völlig von der Pflege absorbiert.

Die Partnerschaft und die Freiheit, ab und zu auch mal etwas für sich zu tun, leiden oft sehr darunter. "Und wenn dann ein solches Kind stirbt, fallen diese Mütter in ein unendliches Loch. Davon wollte ich erzählen." Trotz aller Ernsthaftigkeit und Traurigkeit war es Thal wichtig, dass der Film nicht in die Betroffenheitsschiene abrutscht: "Weinende Geigen im Hintergrund hätten alles kaputt gemacht", sagt der Autor.

Denn "Das Leuchten der Sterne" soll kein Mitleid erwecken, sondern Mut machen. Wem und wozu? "Den Familien, die behinderte Kinder haben, rauszugehen an die Öffentlichkeit, die Kinder am Leben teilhaben zu lassen, sie nicht wegzuorganisieren", erklärt Corinna Beilharz. Mut aber auch allen anderen zu machen, "offen auf Behinderte zuzugehen".

Viele Probleme oder Missverständnisse entstünden nur durch Unsicherheit. "Doch so lange es überall Treppen und Hindernisse gibt und S-Bahnhöfe in 40 Metern Tiefe gebaut werden, werden Behinderte in der Gesellschaft nie selbstverständlich dazu gehören", konstatiert Thal bitter. Seine Tochter Marlene kämpft für diese Selbstverständlichkeit: Selbstbewusst fährt sie allein zum Spielplatz und bittet Passanten, für sie das Handy zu bedienen, wenn sie zuhause anrufen und abgeholt werden möchte. Auch die Tatsache, nun bereits zum zweiten Mal im Fernsehen zu sein und für Erstaunen zu sorgen, weil sie nicht nur ihren Text sondern meist auch den aller anderen beherrschte, nimmt sie gelassen. Auf die Frage, ob es nicht komisch sei, sich im Fernsehen zu sehen, antwortet sie verwundert: "Nein. Es ist gut." Und selbst mit dem Thema Tod gehen die Geschwister unkomplizierter um als ihre erwachsenen Filmpartner. "Während wir Eltern mit dem Schicksal hadern, geht für die Kinder viel schneller wieder das Leben weiter, obwohl auch sie traurig sind", berichtet Beilharz. Sie habe oft an den Freund von Moritz gedacht, der kurz vor dem Dreh an Krebs gestorben sei, sagt Marlene. Aber sonst habe sie das Thema gar nicht so belastet. "Das war ja alles nur eine Geschichte. Und in den entscheidenden Szenen haben wir gar nicht mitgespielt", stimmt Moritz seiner Schwester zu.

Von dieser Lebensfreude könne man sich einiges abschauen, stellt Corinna Beilharz fest und schaut dabei stolz auf ihre beiden Kinder: Die würden mit großer Begeisterung einen dritten Teil als Pauline und Patrick Koller drehen - auch da sind sie sich einig.

TV-Kritik

Schwierige Thematik sensibel erzählt

Kann ein Mädchen, das von Geburt an schwerstbehindert ist und seine eigenen Bewegungen nicht kontrollieren kann, schauspielen? Die zehnjährige Marlene Beilharz beweist es. Bereits zum zweiten Mal spielt sie Pauline, ein Kind, dessen Behinderung den Rest der Familie zwar immer wieder vor harte Belastungsproben stellt, das mit seiner fröhlichen, herzlichen Art aber für seine ganze Umgebung eine wirkliche Bereicherung ist.

War es in der ersten Produktion "Engelchen flieg!" schon mutig von Regisseur Adolf Winkelmann, das Thema Behinderung zum Gegenstand eines Unterhaltungsfilms zu machen, wagt er sich mit "Das Leuchten der Sterne" noch einen Schritt weiter: Der Tod eines Kindes und der Umgang mit diesem Schicksalsschlag stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Und wieder gelingt es ihm gemeinsam mit seinem Autor Werner Thal, der im wirklichen Leben Marlenes Vater ist, sich dieser schwierigen Thematik sensibel, ernsthaft, aber ohne jegliche Larmoyanz zu stellen. Marlene, ihr Bruder Moritz und ihre Mutter Corinna Beilharz, die auch im Film diese Rollen verkörpern, zeigen, dass man mit einer Behinderung und sogar mit dem Tod eines geliebten Menschen nur dann umgehen kann, wenn man akzeptiert, dass sie zu unserem Leben einfach dazu gehören.

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