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Moment des Glücks einer unmöglichen Liebe: Stella Petersen (Julia Koschitz) und ihr Schüler Christian (Jonas Nay).

ZDF zeigt Novellen-Verfilmung

„Schweigeminute“: Verbotene Liebe á la Lenz

Das ZDF zeigt die gelungene Verfilmung von Siegfried Lenz’ Novelle „Schweigeminute“ an diesem Montag.

Es gibt Filme, die allein schon wegen einer einzigen Szene anrührend sind. Die ZDF-Produktion „Schweigeminute“ nach der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz, die an diesem Montag um 20.15 Uhr läuft, gehört dazu: Die nach einem Segelunfall schwer verletzte Lehrerin Stella Petersen liegt im Krankenhaus. Lehrer und Schüler, darunter ihr heimlicher Liebhaber Christian, versuchen unbeholfen, die passenden Worte zu finden, Süßes und Blumen zu überreichen. Eine Schülerin stimmt schließlich „Scarborough Fair“ an, jenes durch Simon & Garfunkel berühmt gewordene Volkslied über ein ehemaliges Liebespaar, das wieder zueinander finden will – mit dem Refrain „And then she’ll be a true Love of mine“ („Und dann wird sie meine Liebste sein“). Stella laufen wortlos Tränen übers Gesicht – und Christian weiß in diesem Moment nicht, dass er sie zum letzten Mal lebend gesehen hat.

Lange stand „Schweigeminute“ über die verbotene Liebe einer Pädagogin zu einem 18-jährigen Gymnasiasten in den Bestsellerlisten auf Platz zwei. Der Autor Siegfried Lenz (1926-2014) sagte im Jahr 2008 über seine erste und einzige Liebesnovelle: „Es ist nicht eine reine Lovestory, es ist auch Pädagogik im Spiel, Pädagogik und Liebe. Die Engländer haben einen schönen Ausdruck hierfür: ,love and circumstances‘, gemeint sind die Umstände, unter denen eine Liebe möglich ist.“

Die Drehbuchautoren André Georgi, Claudia Kratochvil und Thorsten M. Schmidt haben die misstrauische, teils feindselige Atmosphäre der Fünfzigerjahre gegen eine solche Liebe deutlich stärker herausgearbeitet, als Lenz dies in der Vorlage getan hat. Im Fokus der einfühlsamen Verfilmung steht die Beziehung zwischen Stella (burschikos-erotisch: Julia Koschitz) und Christian (Jonas Nay). Nay spielt den Schüler, der seine erste Liebe erlebt, mit großer Intensität: „Ich glaube, man kann die erste große Liebe als einen Selbstfindungsprozess sehen“, sagt er.

Es ist eine melancholisch-berührende Geschichte, nicht nur, weil sie, kaum angefangen, tragisch endet. Während der Totenfeier für Stella in der Schule erinnert sich Christian, wie ihre Liebe wuchs. Wie beide sich nach und nach näher kamen. Wie er für sie mit Regenwasser Kamillentee kochte, in der Schildhütte auf der Vogelinsel, als sie vom Unwetter überrascht wurden. Und wie der Entschluss in dem 18-Jährigen keimte, ein gemeinsames Leben aufzubauen – bis Stella bei einem Ostsee-Törn lebensgefährlich verletzt wird: Ein Segelbaum trifft sie bei einem Wendemanöver kurz vor der Hafenmole am Kopf.

Den dramaturgischen Aufbau der literarischen Vorlage haben die Drehbuchschreiber und Regisseur Thorsten M. Schmidt filmgerecht geändert. Bei ihnen ist der spektakuläre Unfall kurz nach Beginn zu sehen, in der Novelle wird er erst zum Ende geschildert. Auch manche Dialoge und Szenen sind deutlich härter als im Buch – etwa wenn Christian in einer Szene Stella zu Hilfe eilt und einen Kerl mit der Faust niederstreckt. Die Liebesszenen, bei Lenz nur angedeutet, sind im Film leidenschaftlicher gespielt.

Die besondere Atmosphäre des Dramas prägt die von Hannes Hubachs Kamera betörend schön eingefangene Ostseelandschaft: Meeresrauschen, Möwengeschrei, Dünen, Wälder, der weite Horizont, mal wolkenverhangen, mal sonnengeflutet blau. Es ist das typische Lenz-Universum des Nordens. Gedreht wurde auf der von touristischen Bausünden verschonten dänischen Ostsee-Insel Bornholm, um den fiktiven Ort Hirtshafen in Szene zu setzen.

Regisseur Schmidt – er hat bereits „Arnes Nachlass“ des Autors verfilmt – wollte „Schweigeminute“ modern inszenieren und die Geschichte trotz des Fünfzigerjahre-Ambientes in einer zeitlosen Eleganz erzählen. Das ist ihm gelungen, nicht zuletzt dank der überragenden Hauptdarsteller.

Matthias Hoenig

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