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Wie bitte? Vor allem Senioren haben Probleme mit der lauten Begleitmusik im Fernsehen.

Sparzwang sorgt für Musik-Soße

Laute Begleitmusik, kaum verständliche Dialoge – für manchen Zuschauer wird Fernsehen zunehmend zur Qual. Auf unseren jüngsten Bericht hin haben uns so viele Leser ein ähnliches Leid geklagt, dass wir bei den Fachleuten nochmal nachgebohrt haben.

Zu viel „Getöse“ und ständiges Lautstärke-Regulieren, wenn man einfach nur entspannt fernsehen will: Dieses Problem kennen viele, nicht nur ältere Zuschauer. Bei den Sendern indes stoßen die Beschwerden des genervten Publikums bisher auf taube Ohren. Von veralteten, falsch justierten Fernsehgeräten ist da die Rede, auch ein schlechtes Gehör wird schon einmal unterstellt.

Beide Faktoren spielen tatsächlich eine Rolle – doch ganz so einfach sollten es sich die Medienschaffenden trotzdem nicht machen. „Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich einen Film über Monolautsprecher, in Stereo oder gar im Raumklangsystem abspiele“, erklärt Ulrich Spies, Chef des renommierten Adolf-Grimme-Instituts in Marl (Nordrhein-Westfalen), das jährlich die besten TV-Produktionen kürt. Doch eine betagte Flimmerkiste allein könne nicht der einzige Grund dafür sein, dass viele Zuschauer den Dialogen im Film kaum mehr folgen können und – buchstäblich – abschalten.

Das Verhältnis von Text und Schallquellen im Hintergrund habe sich in der Tat verändert: „Ich kann das Empfinden vieler Ihrer Leser nur bestätigen. Die Lautstärke und der massive Einsatz von Musik haben in der letzten Zeit stark zugenommen“, sagt Spies. Er beobachte ein „Ranschmeißen an das vermeintlich junge Publikum, dem man andere Hörgewohnheiten und einen anderen Musikgeschmack unterstellt“.

Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine da. Auch der vielfach ausgezeichnete Münchner Regisseur Dominik Graf („Tatort“, „Polizeiruf 110“) kritisiert, dass in Sachen Musik oft übertrieben werde, und zwar nicht nur bei den Privatsendern: „Wenn gewisse öffentlich-rechtliche Redakteure von vornherein mindestens 80 Prozent Musikuntermalung in einem Film verlangen, dann verkommt Musik zum Gleitmittel fürs Programm“, beschwert sich Graf. Er selbst leide darunter genau so wie viele Zuschauer: „Als normal empfindlicher Mensch muss man heute bei Musikpassagen die Lautstärke herunterdrehen und bei den Dialogen wieder hoch“, sagt der 56-Jährige. „Ich habe ständig den Finger am Lautstärkeregler der Fernbedienung, wenn ich fernsehe.“

Neben der Anbiederung an junge Leute sehen Fachleute den Sparzwang vieler Sender als eine der Ursachen des Problems. Der rigoros eingesetzte Rotstift habe immer häufiger Billigproduktionen zur Folge, deren Schwächen akustisch übertüncht würden, moniert Spies: „Musik wird dann über einen Film oder eine Dokumentation wie eine Soße gegossen, besonders dann, wenn nicht der qualitative Anspruch im Vordergrund steht, sondern eine schnelle Realisierung mit geringem Aufwand.“

Auch bei der Postproduktion wird offensichtlich gern geknausert. „Eine ordentliche Abmischung von Sprache und Musik ist aufwändig, kostet eine Menge Zeit und damit Geld“, so Spies. Deshalb würden oft Mischzeiten gekürzt, es werde an guten Sprechern oder gleich am Komponisten gespart. Davon kann auch Hubert Bittman, Toningenieur und Filmmusikkomponist aus Prag, ein Lied singen: „Wenn ich gefragt werde, ob ich nicht zwei Filme für 1500 Euro vertonen kann, kann ich leider nur antworten: ,Kauf dir eine CD!‘ Gute Arbeit kostet eben auch gutes Geld.“ Extra komponierte Sounds und einwandfreie Arrangements scheinen in vielen Budgets einfach nicht mehr drin zu sein. „Da wird dann irgendeine Musik unter die Bilder gelegt, die gar nicht passt“, empört sich Bittman und gesteht: „Manchmal schalte ich wirklich ab, weil ich mich dafür schäme, was da an Filmmusik verbrochen wird.“

Natürlich lassen sich solche Einschätzungen nicht verallgemeinern. Nach wie vor finden sich – bei allen Sendern – hochwertig produzierte Filme oder Dokumentationen, in denen akustische Effekte dramaturgisch sinnvoll und professionell eingesetzt wird. Doch die Tendenz sei eindeutig, meinen die Experten. Der musikalische Geschmack vieler Medienmacher habe sich stark verändert, so Bittman. Dabei zerstöre eine falsche Vertonung im Zweifelsfall das gesamte Werk, warnt Spies: „Ein Film kann noch so gut sein – wenn die Musik ihn kaputthaut, wird er keinen Grimme-Preis bekommen.“

 Hat es das denn wirklich schon gegeben, einen großartigen Film, der bei der Beurteilung durch das Institut nur deswegen durchfällt, weil Sprache und Musik schlecht abgemischt wurden? „Ja“, sagt Spies, „nicht oft, aber es kam schon vor.“

Von Melanie Brandl

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