Die Sprache hat sich enorm verbessert

München - Fußballexperte Günter Netzer über die Chancen des deutschen Teams und seine Zusammenarbeit mit Gerhard Delling.

Für viele Fußballfans sind die beiden Kult. Seit 1998 analysieren Sportjournalist Gerhard Delling (49) und Ex-Nationalspieler Günter Netzer (63) für die ARD die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft. Auch bei der morgen beginnenden Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz beurteilen Netzer und Delling im Ersten wieder die Leistungen der deutschen Kicker.

Herr Netzer, könnte es aus Ihrer Sicht für die Deutschen diesmal zum Titel reichen?

Die deutsche Mannschaft zählt für mich zu einem Favoritenkreis von drei bis vier Mannschaften. Aber mein Favorit auf den Titel ist Italien, weil die von der Entwicklung her am weitesten sind. Die haben eine Defensive, die funktioniert, dann haben sie erstklassig funktionierende Arbeiter, die sich für nichts zu schade sind. Sie haben aber auch Persönlichkeiten, zum Beispiel Andrea Pirlo im Mittelfeld oder Luca Toni als überragenden Torjäger.

Kommen wir zu Ihrem Team. Sie stehen seit zehn Jahren zusammen mit Gerhard Delling als Kommentator der Fußballländerspiele vor der Kamera. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Für mich gibt es zwei Bilanzen - eine persönliche Bilanz und eine Bilanz für die Öffentlichkeit. Die Bilanz für die Öffentlichkeit ist, glaube ich, sehr erfreulich, weil die ARD mit uns eine Verpflichtung vorgenommen hat, die sich bewährt hat. Zu meiner persönlichen Bilanz muss ich sagen, dass die Präsenz vor der Kamera für mich eine völlig neue Erfahrung war. Ich bin ja kein geborener Fernsehmann. Für mich wäre es nicht anders machbar gewesen als mit Gerhard Delling, einem Partner, dem ich hundertprozentig vertrauen kann. Unsere gemeinsame Arbeit funktioniert nur auf einer intakten freundschaftlichen Basis.

Wieso ist Ihnen die so wichtig?

Ich muss mich auf meinen Partner verlassen können. Gerhard Delling verfügt als Fernsehprofi viel mehr über die Macht der Sprache als ich. Er kennt sich wirklich aus und hat keine Angst vor diesem Medium. Ich selbst habe immer noch hohen Respekt vor der Fernsehkamera und teilweise auch noch Lampenfieber. Gerhard Dellings Fragen sind immer professionell. Unser Zusammenwirken hätte auf Dauer nicht funktioniert, wenn ich ihn als Fußballlaien betrachten müsste.

Wie kam die Konstellation überhaupt zustande?

Das war ein Zufallsprodukt. Ich habe ihn mir gewünscht, da ich vorher ein langes Gespräch mit ihm vor der Kamera hatte und sofort gemerkt habe, dass er ein netter Kerl ist, aber gleichzeitig auch ein Profi. Das war der alles entscheidende Punkt. Es gibt so viele Fernsehleute, die glauben, eine Show abziehen zu müssen, wenn das rote Licht angeht. Ich wäre der ungeeigneteste Mensch, um mich in eine Show einbinden zu lassen. Zudem sind wir beide im Naturell sehr ähnlich. Er ist ein typischer Norddeutscher wie ich. Ruhig und trocken. Am Anfang gab es Diskussionen mit der ARD, weil es viele Moderatoren gab und gibt und man am liebsten ständig gewechselt hätte. Für mich war aber klar, dass ich für meine Arbeit einen festen Partner brauche.

Haben Sie 1998 geglaubt, dass die Zusammenarbeit mit Delling so lange andauern würde?

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht und auch nicht dauernd geschaut, wie die Quoten waren. Für mich waren Stimmen von der Straße immer ganz wichtig, von Taxifahrern beispielsweise. Da kriegt man genau die Kritik, die man braucht. Und von Frauen. Mit ihrem weiblichen Instinkt sagen sie Sachen über den Fußball, die bemerkenswert sind und die ein typischer Fußballkenner nie sagen würde. Wenn ich mit Frauen spreche, höre ich oft: ,Herr Netzer, wir sind Ihnen dankbar, denn wir sind keine Fußballfreaks, aber Sie erklären uns diesen Sport und wir verstehen Sie. Gibt es ein größeres Kompliment, als dass mich die Frauen verstehen?

Sie und Gerhard Delling haben kürzlich den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache erhalten, mit der Begründung, auch Leute, die sich nicht für den Fußball interessierten, würden Ihnen zuhören.

Das genau war immer mein Ziel. Ich wollte nie mit meinen Fachkenntnissen protzen. Das war nie mein Streben, weil ich es bei anderen hasse, wenn sie mir eine Sache nicht erklären können. Wenn mir das also gut gelingt, bin ich hochzufrieden.

Wenn man sich die Fußballberichterstattung ansieht, hat man manchmal auch den Eindruck, dass sich dieser Sport zu einer Wissenschaft entwickelt hat.

Die Sprache hat sich enorm verbessert. Zu meinen aktiven Zeiten hatten wir ein niedrigeres sprachliches Niveau, was ich aber gar nicht kritisieren will. Das war damals absolut zeitgemäß. Man kann das nicht direkt vergleichen, ebenso wenig wie das fußballerische Niveau damals mit dem Niveau von heute. Wir haben in den Siebzigern auf höchstem Niveau Fußball gespielt. Heute sieht das natürlich sehr langsam aus.

Wenn Sie in der Sendung etwas erklären, dann hat man das Gefühl, Sie erklären es es vor allem Gerhard Delling. . .

Delling ist immer noch nicht auf der Höhe des Geschehens, aber er ist absolut lernfähig. (Lacht.) Machmal ist er aber auch bockig, wie ein trotziges Kind. Dann muss ich ihm alles nochmal erklären.

Ihr Partner hofft auf ein Endspiel Deutschland gegen Italien...

Da hat er sich wieder nicht vorher informiert. (Lacht.) Denn die beiden Mannschaften werden wahrscheinlich schon im Viertelfinale aufeinander treffen.

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