Helden im All: (v.l.) Commander Spock, Captain James Tiberius Kirk und Chefingenieur Montgomery „Scotty“ Scott.

50 Jahre „Star Trek“

Beam me up, Scotty!

München - Viele hat die Serie von der Kindheit an begleitet. Vor 50 Jahren lief die erste Folge von „Star Trek“. An einen Erfolg glaubte damals fast niemand. Doch aus den Darstellern sind weltweite Stars geworden. Captain Kirk war sogar mal in München – im Hofbräuhaus. Aber das ging nicht so gut aus wie die Kämpfe im Weltall.

Wäre es nach der „Expertenmeinung“ der Verantwortlichen des amerikanischen Senders NBC gegangen, hätte es eine der beliebtesten Figuren der Populärkultur nie gegeben. Mr. Spock, unser aller Lieblings-Alien, missfällt den Sender-Mächtigen vor 50 Jahren so sehr, dass sie ihn auf keinen Fall zeigen wollen. Überhaupt ist bei NBC niemand so richtig begeistert von der neuen Serie „Star Trek“, deren erste Folge am 8. September 1966 ausgestrahlt wird. Für eine Science-Fiction-Reihe gibt es nach dem Geschmack der TV-Macher nicht genug Action, dafür zu viel Dialog. Den Pilotfilm „The Cage“ lehnen sie 1965 sogar rundweg ab. Zu „kopflastig“ sei das alles und vor allem: Dieser Spock, der geht nun gar nicht.

„Star-Trek“-Erfinder Gene Roddenberry, ein Polizist und Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg, der nebenberuflich recht erfolgreich Drehbücher ans Fernsehen verkauft, schaltet auf stur: Spock bleibt. Dafür geht er Kompromisse ein. Der weibliche Führungsoffizier verschwindet von der Brücke, das ist Mitte der 1960er noch zu viel Emanzipation. Und weil der Captain der Pilotfolge mittlerweile anderweitig engagiert ist, entert William Shatner als Captain Kirk in letzter Minute das Raumschiff Enterprise.

Der breitbeinige Hallodri Shatner und der kontrollierte Leonard Nimoy als erster Offizier Mr. Spock sind ein perfektes Paar, das auf Anhieb funktioniert. Privat können die beiden nichts miteinander anfangen, zumal sich schnell herausstellt, dass Spock das beliebteste Besatzungsmitglied ist. Shatner, der sich vertraglich hat zusichern lassen, dass sein Name im Vorspann größer geschrieben wird als alle anderen, und der sich beim Dreh auch sonst als schwer erträgliche Diva erweist, ist beleidigt. Und gekränkt, erstmals hat er eine große Hauptrolle, und die Einschaltquoten sind, nun ja, mittelprächtig.

Dafür gewinnt die Serie schnell eine treu ergebene Fangemeinde, die mit massivem Druck und Protestbriefen eine Absetzung verhindern kann. Vielen gefällt an „Star Trek“ besonders, was NBC nicht daran leiden kann: die Ernsthaftigkeit der Themen, die fast schon philosophischen Probleme, mit denen sich Kirk und seine Mannschaft bei ihren Abenteuern herumschlagen müssen, der überraschende Perspektivwechsel – denn nicht immer ist alles so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Feindseligkeit ist oft nur das Ergebnis von Missverständnissen. Und der härteste Gegner, das wird bei „Star Trek“ oft aufgegriffen, ist man im Zweifel selber.

Roddenberrys Erfolgsgeheimnis ist nicht neu: Indem er vom Erkunden fremder Welten in den Weiten des Weltraums erzählt, hält er in Wahrheit der Erde und den Menschen einen Spiegel vor. Es geht um Moral, Rassismus, ideologische Verblendung, Krieg – alles Dinge, die sich in Wahrheit nicht in fernen Galaxien abspielen, sondern auf unserem Planeten. Und weil Spock ein Außerirdischer ist, der dem logischen Denken verpflichtet ist, kann er das merkwürdige Verhalten der Menschen als solches entlarven. Den Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele etwa.

Einmal, als Kirk im gewohnten Testosteron-Rausch eine Schlacht mit Außerirdischen anzettelt, murmelt er, das habe er nicht gewollt. Spocks Kommentar: „Ganz erstaunlich, wie häufig Menschen etwas erreichen, was sie gar nicht wollen.“ Das ist natürlich hochgradig subversiv, und diese Subversion steigert sich in der dritten Staffel im ersten schwarz-weißen Kuss der Fernsehgeschichte. 1969 küsst Shatner in „Platons Stiefkinder“ seine schwarze Serienpartnerin, Lieutenant Uhura. Die Folge erreicht ein historisches Quotentief, weil sich viele Südstaaten aus der Übertragung ausklinken, so tief sitzt der Hass und die Intoleranz. Dabei hatte NBC beim Drehen penibel darauf geachtet, dass sich die Lippen von Shatner und Nichols nicht wirklich berühren, was nicht frei von Ironie ist: Der zwanghafte Schürzenjäger Shatner hat da schon längst eine echte Affäre mit Nichelle Nichols, die Uhura spielt, hinter sich.

Im Juni 1969 ist Schluss, und niemand ahnt, dass diese Serie mit ihren Kulissen aus Pappmaschee und Protagonisten in Uniformen, die an Kinderpyjamas erinnern, irgendjemand wirklich fehlen wird. Aber durch endlose Wiederholungen, seit 1972 auch in Deutschland, gehört „Star Trek“ irgendwie dazu. Die Tricktechnik ist natürlich lächerlich, die Aufmachung der Aliens grotesk und manche Geschichte haarsträubend.

Aber „Star Trek“ hat eine Botschaft, eine Haltung, und die macht diese Serie aus. Im 23. Jahrhundert ist der Mensch zwar immer noch nicht perfekt, aber er hat schon viel erreicht. Auf der Erde herrscht Frieden, niemand muss hungern, und alle, wirklich alle Menschen sind gleichberechtigt. Heute fällt das keinem mehr so recht auf, aber Roddenberrys Idee, Schwarze, Asiaten und – damals Höhepunkt der Kühnheit – sogar Russen als Führungsoffiziere miteinander durch das Weltall fliegen zu lassen, ist revolutionär.

„Star Trek“ hat viel vorweggenommen, nicht zuletzt technisch. Dass man heute tatsächlich einfach von unterwegs mit einem mobilen Kommunikator mit jedem beliebigen Menschen reden kann, das ist so selbstverständlich wie die Tatsache, dass in einem schmalen Tablet das gesamte Wissen der Menschheit abrufbar ist. Nur damals, unmittelbar nach Ende der Serie nützt das niemanden etwas. Schon gar nicht den Schauspielern.

Shatner lebt im Wohnwagen, nachdem seine Frau ihn wegen seiner Seitensprünge verlassen hat und ihn finanziell bluten lässt. Tagelang kommt er manchmal nicht aus dem Bett. Auch die anderen Besatzungsmitglieder hangeln sich mehr schlecht als recht durch. Der sensationelle Erfolg von „Star Wars“ ändert 1977 alles: Science-Fiction ist in, und beim Filmstudio Paramount wittert man ein gutes Geschäft, denn „Star Trek“ hat mittlerweile eine gewaltige Fangemeinde. 1979 kommt ein erster Spielfilm ins Kino, bei dem sich Nimoy und Shatner aussöhnen. Shatner, nun etwas demütiger, entschuldigt sich bei allen für sein früheres Verhalten und gelobt Besserung. Mal gelingt es, mal gibt es Rückfälle.

Bei der Werbetour zu „Star Trek Generations“ nervt Shatner Filmpartner Patrick Stewart, der als Captain einer neuen Enterprise eingeführt wird, derart, dass man darauf achtet, Stewart jeden unnötigen Kontakt zu ersparen. Und so hockt dann Shatner alleine als Sonnengott mit Journalisten im Münchner Hofbräuhaus und leert eine Mass Helles. Und danach, aus Neugier, noch eine Mass mit dunklem Bier. Kurz darauf sitzt er feixend bei Thomas Gottschalk in dessen „Late Night Show“ und bringt keine einzige vernünftige Antwort heraus. Man ahnt – der Mann kann einem etwas abverlangen, wenn man mit ihm arbeitet.

Shatner immerhin, der stets davon geträumt hatte, ein Weltstar zu werden, ist wirklich einer geworden. Und sogar das, was man heute so gerne „Kult“ nennt. Aber auch für die anderen Schauspieler hat sich „Star Trek“ letztlich doch als Segen erwiesen, insbesondere für Nimoy, der in Wahrheit natürlich der Star der Serie geblieben ist – und bis zu seinem Tod immer mal wieder als Spock auftrat.

Längst hat sich „Star Trek“ in ein eigenständiges Universum verwandelt, das losgekoppelt von der Originalserie immer neue Fans findet. Mit mehreren Ablegern im Fernsehen und erfolgreichen Filmfortsetzungen, die jüngste, „Star Trek Beyond“, läuft gerade in unseren Kinos.

Es gibt keine vergleichbare Erfolgsgeschichte in den unendlichen Weiten der TV- und Filmgeschichte. Und beinahe hätten das ein paar „Medienexperten“ vor 50 Jahren verhindert. Doch eine Welt ohne Spock – die wäre sinnlos.

Zoran Gojic

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