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Paradies-Wächter: Szene aus „München 7“ mit Felix Kandler (Florian Karlheim, l. ), Xaver Bartl (Andreas Giebel) und der neuen Marktfrau Moni Riemerschmid (Monika Gruber).

"München 7": Ein Blick hinter die Kulissen

München - Am Mittwoch startet die neue TV-Staffel von Franz Xaver Bogners „München 7“ über das Innenstadt-Polizeirevier, dieses Mal in der ARD. Dem Münchner Merkur gewährt der Regisseur einen Blick hinter die Kulissen.

„Seng’S des Foto da drübn an der Wand?“ – „Mit dem oidn Weiberl?“ – „Ja, des is vom Valentin.“ Das erzählt Franz Xaver Bogner, Jahrgang 1949, gleich zu Beginn unseres Treffens im Restaurant „Ludwig“. Das liegt in genau dem schmalen Gebäude des „Hotel am Markt“, das der Schwester von Xaver Bartl gehört, jenem Polizeibeamten aus dem Revier München 7, das der viel geliebten Serie ihren Namen gibt. Die verwinkelte historistische Optik des Hauses macht Bartl (alias Andreas Giebel) zu einem Bruder im Geiste von Carl Spitzweg. Zu dem Urmünchner Maler passen auch Bartls verschmitzter Humor und seine unmartialische Gemütlichkeit. Die hatte Spitzweg schließlich all seinen Stadt-Wächtern verpasst: Sie greifen auf seinen Bildern gerne zum Strickzeug.

Bogner freut sich über den „gscheitn Mann“ Valentin, der München systematisch per Foto dokumentiert hatte, und über die Leitung des Hotels, die so traditionsbewusst sei. Obendrein habe man dort beim Drehen nur Unterstützung erlebt, was nicht selbstverständlich sei, schmunzelt Bogner. Vom Chef, der gleich mehrere hundert DVDs der Fernsehreihe bestellen will, wird er gerade herzlich begrüßt. Im Anschluss berichtet Bogner, dass hier, wo wir sitzen, früher der königlich-bayerische Fischladen war: „Da sind lauter Wasserbecken gstandn.“ Das Geschichts-Wissen fliegt dem gebürtigen Plieninger (eine Gemeinde bei Markt Schwaben) nur so zu, denn er ist ein Aufmerksamer. Er unterhalte sich gern, höre gut zu, und „dann verzähln dir d’Leit des. Und im Härtefall sagt einer zu dir: ,Hat Dir der des scho verzählt, weil dann brauch’s i Dir nimmer verzähln.‘“ Solche Sätze lässt sich Sprach-Feinschmecker Franz Xaver Bogner nur so auf der Zunge zergehen – und ist damit wieder bei Valentin gelandet.

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Wie er haben die alteingesessenen Viktualienmarktler ein historisch-dokumentarisches Interesse an ihrer engsten Heimat. Folgerichtig kann der Regisseur beim Schlendern über den Platz mit den Ständen und durch die Gassln drum herum erzählen, wo dem Gast saugrantige Wirtsleut drohen, wo’s zwei Boazn geben muss, weil sich das Ehepaar (zunächst eine gemeinsame Boazn) hat scheiden lassen und welcher Standlmo sich ekelhaft aufführt. Die Boazn erinnern mich wiederum an meine Kindheit, in der wir Schulmädln vom Anger-Gymnasium neugierig zu diesen Etablissements hingeschielt haben. Ein bissl gruselig waren die Gestalten schon, die aus deren Türen getaumelt sind – hinter ihnen eine Miefluft-Wand, die man nur mit der Machete hätte teilen können. Auf alle Fälle waren uns Großstadtkindern die torkelnden Männer vertraut, weil die Armen Schulschwestern die Obdachlosen stets aus riesigen Suppentöpfen versorgten. Und wenn dir ein immer noch Besoffener in der Früh auf dem Schulweg begegnet ist und unter den Rock langen wollte, hast du ihm halt deine Schulmappe naufghaut, sodass er an die Mauer des „Hochhauses“ geflogen ist.

Aber ich war nur ein Schul-Innenstadtkind, also genauso wie Bogner eine in das Revier Neigschmeckte. Vom Viertel am Stadtrand ist man eben „in d’ Stadt neigfahrn“. Die frühesten Viktualienmarkt-Erfahrungen waren nicht die des Staunens über exotische Früchte, sondern der Geschmack der Salzgurke auf der Zunge und das unbeschreibliche Duftgemisch in der Nase. Zu gern hätte ich selber einmal mit dieser Holzzange in das Gurkenfassl gelangt! Genauso handfest sind Bogners Erinnerungen: „Ich – vielleicht so drei, vier – war mit meinem Vater da, der mir als Allererstes die Schmalznudl zoagt hat und anschließend dann den Fasching mit den Marktweibern.“

Auch auf dem Viktualienmarkt gibt es Intrigen

Ein Sehnsuchtsort, ein Paradies, das Schlaraffenland sei der Viktualienmarkt trotzdem nicht, weicht Bogner aus. Er habe zunächst fünf Jahre als Dokumentarfilmer gearbeitet und dabei gespürt, dass er sich dort wohlfühlt, wo Menschen „richtig arbeiten“. „Und das ist hier der Fall. Deswegen mein Hang zum Viktualienmarkt, zur Großmarkthalle, zum Schlachthof oder zu Bahnhöfen. Da findet das Wesentliche des Lebens statt, nämlich Arbeit.“ Und für die Figur des Xaver Bartl trifft obendrein die Einheit von Wohnen und Arbeiten zu – also ein bissl Paradies? „Dass der Viktualienmarkt bei mir einen gewissen nostalgischen Zuckerstaub hat, ist unumwunden so – und das ist gut so. Weil ich mich dabei sehr, sehr wohlfühle. Das ist hier ein Facebook ohne Internet.“

Die Sünden und Schlangen im Paradies kennt der Filmemacher freilich gut genug, denn schon lange ist er nicht mehr der typische Neigschmeckte: „Seit Jahrzehnten bin ich hier Dauergast.“ Er weiß um das knallharte Geschäft, die Hintergründe, die Intrigen, „die’s hier wie überall gibt“. Er hat seine Maulwürfe, die allerhand erzählen können – „aber ich habe das bis heute nicht verwendet“, sagt Bogner, der insbesondere die Marktfrauen gegen das Klischee der hantign Zefern vehement verteidigt. Zumal der Dreh zur aktuellen Staffel viel entspannter war als bei den vorherigen Geschichten: „Nach der ersten Staffel von 13 Folgen habe ich gesagt, ,es muaß a Ruah sei‘. Der tagtägliche Fight, bei dem du 15 Einstellungen brauchst, bevor du eine hast, bei der keiner in die Kamera schaut oder winkt, war nervig. Ein Kamera-Assistent hat sich ein T-Shirt angezogen mit der Aufschrift: ,Ich arbeite hier und weiß nicht, wann diese Serie läuft.‘“ Nun jedoch gehöre man schon zum Inventar der Szene.

Figuren müssen oft „an der greißlichsten Ecke“ agieren

Die ist für Bogner eine Bühne samt Kulissen von den vielen Spielstätten, die ihm die Altstadt bietet. Besitzt der Ort mit seinen Eigenheiten viele Anknüpfungspunkte für die Episoden der Fernsehfilme? Denn wo gibt es das, dass man in nächster Nähe von Obst und Gemüse, Käse, Brot, Wurst, Pferdefleisch, Feinkost aller Art, Honig und Wein zum Beispiel einen alteingesessenen Kammladen findet, der sogar Holzkämme anbietet? Der Regisseur und leidenschaftliche Autor – ab fünf Uhr früh sitzt er am Schreibtisch – findet seine Geschichten zu 80 Prozent in Zeitungen, „aber Atmosphäre und die sozialen Beziehungen leben vom Ort“. Um dessen Schönheit Bogner genau weiß: „Der Viktualienmarkt und die Innenstadt sind, wie sie sind, und deswegen kommen die Menschen hierher. Deswegen habe ich nicht den Bruchteil Lust, da etwas zu verändern, sondern ich zeige die blanco.“ Allerdings ist es ein Credo des Filmemachers, „schönfärberische Bilder in Permanenz zu vermeiden“. Er möchte nichts zelebrieren. Deswegen würden die Figuren oft „an der greißlichsten Ecke“ des Marktes agieren. Eine Schutzgeste des Regisseurs, der Schauspieler liebt und behütet. Wie sollten sie sonst gerade im Sommer gegen das überbunte Markttreiben ankommen können? In der Tat taucht jeder hier, ob hinter der Ladenbudl werkelnd, ob als Tourist schlendernd, ob als Einheimischer über violette Kartoffeln diskutierend oder Knoblauch-Dip probierend, in ein riesiges Stillleben ein, das zugleich München-Vedute ist. Du malst an dem Bild mit und bist auf Zeit Teil davon.

Allerdings kann man sich diesen Genuss nicht allzu oft gönnen. Nicht nur weil es zu mühsam ist, die Einkäufe nach Neuhausen oder gar Riem zu transportieren, sondern auch, weil der Viktualienmarkt ein teures Pflaster ist. Was Besonderes. Für mich als Kind verkörperte sich das exemplarisch im Nymphenburger-Sekt-Zelt: Luxus leger, das war und ist der Viktualienmarkt. Früher gab es am Samstag immerhin noch den preisgünstigeren Bauernmarkt und die Fleischbank. Längst vergangene Zeiten, und die wiederaufgebaute (Teil-)Schrannenhalle ändert daran nichts. Wie überhaupt im Umfeld viel Bescheidenes schicken Läden und angesagter Gastronomie zwischen Design und Club gewichen ist. Gab es ehedem nur den „Radspieler“ und „Die Einrichtung“ für gehobenes Wohn-Ambiente (Hacken-Viertel), kannst du dich heute in zahlreichen Geschäften mit den verrücktesten Gestaltungsideen vergnügen (Gärtnerplatz-Region).

„Ich will glaubwürdige Menschen mit all ihrer Zwiespältigkeit“

Den Wandel spricht Franz Xaver Bogner an in Bezug auf die Sanierung des Viktualienmarktes: „Ich weiß schon Bescheid – auch wer hinter den Renovierungsbemühungen steht, weiß, dass es zweierlei Sichtweisen gibt. Sicher sind einige Einrichtungen mehr als renovierungsbedürftig, aber deswegen darf man nicht alles über einen Kamm scheren. Man muss darauf achten, dass der Charme des Viktualienmarktes erhalten bleibt. Das hat mit der Verwinkeltheit zu tun – die Salettl stehen mitten auf der Fläche.“ Wer’s ordentlich wolle, könne ja in die Schrannenhalle gehen: „Die macht dem Markt garantiert keine Konkurrenz.“ Ihm hält der Autor und Regisseur auch aus einem anderen Grund die Stange, vielleicht für ihn der wichtigste: die Sprache.

„Ich bin extrem sprachbesetzt. Und kann nicht verhehlen, dass ich die bairische Sprache sehr gern hab’, und hier höre ich das halt an allen Ecken und Enden in Reinform – auch das Münchnerische. Das finde ich sehr angenehm. Am Viktualienmarkt ist außerdem noch die richtige Haltung hinter der Münchner Sprache – es gibt nichts Ausgestelltes. Das lieb’ ich über alles.“ Dabei beschäftigt sich der Bayer nicht allein mit dem um den Markt rundum fast ausgestorbenen Dialekt. Bogner geht es als Schriftsteller und Inszenierendem genauso um „eine bestimmte Melodie“. Jede seiner Figuren soll ihre spezielle Sprechmelodie bekommen. Dabei helfe ihm seine Begeisterung für Lyrik, die er heute noch wie mit 18 Jahren besitze: „Durch die Lyrik weißt’d, wann’s stimmt, welche Melodie zu wem passt.“ Charaktere wolle er allumfassend darstellen: „Ich will glaubwürdige Menschen mit all ihrer Zwiespältigkeit.“

Diesen Respekt vor den Menschen spüren die Marktleute, die bei Bogner eben nicht als Film-Dekoration verheizt werden. Kein Wunder also, dass sich der Viktualienmarkt – wie es sich für einen gscheitn Bauch gehört – den Mann vom Land einverleibt hat, und der bekennt: „In der letzten Drehzeit habe ich das Gefühl gehabt, hier angekommen zu sein. Auf dem Land will ich nicht mehr drehen und mich nun, in Anführungszeichen, als Münchner benehmen.“ Franz Xaver Bogner ist in (s)einem Paradieserl – mit großen und kleinen Schlangen, großen und kleinen Sünden, vielen, vielen Äpfeln und Andreas Giebel alias Xaver Bartl als Engel ohne Flammenschwert.

Von Simone Dattenberger

"München 7" ab 7. März mittwochs um 18.30 Uhr in der ARD in der Reihe "Heiter bis tödlich" 

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