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Servus Fernsehen! Stefan Raab, hier bei der Sendung „Unser Song für Deutschland“ 2011, will nicht mehr vor der Kamera stehen.

Zum Rücktritt des Entertainers

Stefan Raab: Das Ende einer Ära

München – Stefan Raab, 48, Deutschlands wohl umtriebigster Fernsehmacher, hört zum Jahresende auf. Manche Reaktion auf seinen Rücktritt klang wie ein Nachruf. Tatsächlich geht eine Ära zu Ende. Raab, der gelernte Metzger, hat das deutsche Fernsehen revolutioniert.

Thomas Gottschalk, Günther Jauch und jetzt Stefan Raab – viele Kommentatoren sind alarmiert und sprechen bereits von einer Art Ausverkauf der Köpfe im deutschen Fernsehen. Wenn das so wäre, dann wäre Raabs Rückzug der konsequenteste. Er ist mit 48 der mit Abstand Jüngste aus diesem Trio, sein Abschied, wenn es denn einer für immer sein wird, war wohl – zumindest auf den ersten Blick – der am wenigsten erwartete. Das Erstaunlichste an dieser Reihung ist jedoch, dass viele Raab längst in einem Atemzug mit den Großen der mittleren Moderatorengeneration nennen. Das einstige Enfant terrible gilt als „genialer Showerfinder“, als Erneuerer der Fernsehunterhaltung, als gewiefter Förderer musikalischer Talente.

Wer genauer hinsah und hinhörte, konnte allerdings vor allem bei „TV total“, der inzwischen am längsten laufenden Late Night Show im deutschen Fernsehen, eine gewisse Ermüdung des Moderators feststellen. Die Quote ist nach wie vor erfreulich für Pro Sieben, doch nach 16 Jahren und mehr als 2000 Ausgaben schien der notorische Spaßvogel ein Opfer der Routine zu werden. Sie steht im krassen Gegensatz zur Leidenschaft, mit der der gelernte Metzger aus Köln-Sülz seine sonstigen Ideen in die Tat umsetzt.

Ob sich zum Durchhänger auch Meinungsverschiedenheiten mit seinem Haussender gesellten, darüber wird seit gestern spekuliert. Noch im vergangenen Jahr hatte Pro Sieben eine neue große Show mit Raab angekündigt, über das Konzept oder gar einen Sendetermin wurde bisher jedoch nichts bekannt. Auch über einen Wechsel zum Konkurrenten RTL munkelt die Branche. Die Erklärung des Entertainers vom Mittwochabend klingt jedoch nicht nach Frust: „Ich bedanke mich bei meinem Sender Pro Sieben, der mich in den vergangenen Jahren alle meine Ideen hat umsetzen lassen. Wir beenden die Zusammenarbeit im besten Verhältnis, das man haben kann.“

Es war eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitierten. Denn der Mann mit dem beeindruckendsten Gebiss im deutschen Fernsehen avancierte schnell zu dem Gesicht des Münchner Senders. Am Anfang waren die Schlagzeilen nicht nur positiv – Raab setzte in seiner Revue aus Fernsehpannen auf Schadenfreude und machte sich damit vor allem beim älteren Publikum keine Freunde. Nach anzüglichen Witzen auf Kosten einer Schülerin verurteilte ihn ein Gericht gar zur Zahlung von 70 000 Euro Schmerzensgeld.

Seine Experimentierlust hemmten derlei Eskapaden kein bisschen, nach und nach brachte Raab, der mit der schrägen Show „Vivasion“ beim Musiksender Viva seine Bildschirmkarriere begonnen hatte, allerlei skurrile Formate heraus, ließ Stars und Sternchen auf Woks, asiatischen Bratpfannen, durch den Eiskanal rasen, lud sie zum Turmspringen ins Münchner Olympiabad und ließ sie bei der „Stock Car Crash Challenge“ in Schrottautos um die Wette fahren. Neu an diesen Konzepten war, dass der stämmige Moderator sich stets selbst ins mehr oder weniger sportliche Geschehen warf und erst dann so richtig glücklich schien, wenn er den Sieg errungen hatte. Ein Showmaster, der das Jackett auszieht (beziehungsweise gar nicht erst an), um sich in schweißtreibende Wettkämpfe zu stürzen – das hatte es vorher nicht gegeben.

Von dieser Idee durchdrungen war auch „Schlag den Raab“, die erste Fernsehshow, bei der sich ein (Star-)Moderator auf den Kampf eins gegen eins gegen einen nichtprominenten Herausforderer einließ. Bisher 52 Mal versammelte der „Raabinator“ jeweils samstagabends eine stabile Fangemeinde viele Stunden vor dem Bildschirm, 36 Mal entschied er das Duell für sich. Dabei ließ er sich auch von diversen Verletzungen nicht bremsen.

Zum Helden wurde Raab freilich nicht durch seine frechen Sprüche und seine Leidensbereitschaft vor der Kamera, sondern durch sein untrügliches Gespür für den musikalischen Erfolg. Schon mit Nonsensnummern wie „Böörti Böörti Vogts“ oder „Maschendrahtzaun“ hatte er den Massengeschmack getroffen, auch beim prestigeträchtigen Eurovision Song Contest (ESC) wurde fast alles, was der begnadete Musiker und ausgebuffte Produzent anfasste, zu Gold. Guildo Horn landete mit Raabs Song „Guildo hat euch lieb!“ auf Platz 7, er selbst schaffte im Jahr 2000 mit dem Gaga-Titel „Wadde hadde dudde da?“ Platz 5, und mit seiner Entdeckung Lena Meyer-Landrut schenkte er dem Land im Jahr 2010 den ersten Sieg bei dem Spektakel seit 1982. Und sorgte mit der vorgeschalteten Castingshow „Unser Star für Oslo“ ganz nebenbei für eine weitere Revolution im deutschen Fernsehen – der Zusammenarbeit eines privaten mit einem öffentlich-rechtlichen Sender beim selben Format.

Zum Allrounder taugt der selbstbewusste Entertainer, der seit Jahren mit dem Bundesvision Song Contest der deutschen (und deutschsprachigen) Musikszene ein Forum gibt, dennoch nicht. Seine Polittalkshow „Absolute Mehrheit“ wurde vom Publikum nicht wie erhofft gefeiert. Als Fragesteller beim „Kanzlerduell“ vor der jüngsten Bundestagswahl war Raab der Exot unter den „gelernten“ Journalisten, obwohl seine „King of Kotelett“-Frage an den damaligen SPD-Kandidaten Peer Steinbrück im Gedächtnis bleibt.

Ob Stefan Raab, der sein Privatleben mit langjähriger Lebensgefährtin und zwei Kindern konsequent vor der Öffentlichkeit abschirmt, eine nicht zu füllende Lücke im deutschen Fernsehen hinterlässt, bleibt abzuwarten. Ganz sicher ist sein Abschied ein großer Verlust für Pro Sieben – prompt sackte gestern der Kurs der Aktie ab. Nicht nur für die langen Samstagabendshows muss nun Ersatz gefunden werden, auch das Ende von „TV total“ hinterlässt erst einmal ein Loch im Programm. „Samstags werden weiter Shows laufen“, versicherte ein Pro-Sieben-Sprecher am Donnerstag. Was sonst noch geplant ist, will der Sender am 7. Juli verraten.

Die selbsternannte „Killerplauze“ wird sich wohl nicht zur Ruhe setzen, sondern weiterhin als Produzent im Hintergrund tätig sein. Man wird noch von ihm hören.

Rudolf Ogiermann

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