Der Sündenfall von Gladbeck

München - Vor 20 Jahren hielt die Geiselnahme von Gladbeck das Land in Atem. Nicht nur die Polizei, sondern auch eine Pressemeute verfolgte Täter und Gefangene. Vox zeigt am Samstag eine Dokumentation des journalistischen Sündenfalls.

Frank Plasberg sieht jung aus, sein Schnauzer ist noch zeitgemäß und das Mikrofon seltsam schmucklos. Doch er hält es schon mit jener drängelnden Lässigkeit, die ihn auch 20 Jahre später auszeichnet. Kaum zu glauben, dass der harte, aber faire Talkshowmoderator von heute Mitte August 1988 Akteur einer echten Katastrophe der Medienkultur war. "Es hatte was von einem geordneten Verfahren", so schildert es Plasberg in der Dokumentation "Gladbeck 1988 - Anatomie einer Geiselnahme", die am Samstag um 22.05 Uhr auf Vox zu sehen ist.

Artig hatte sich auch Plasberg in die Schlange sensationslüsterner Reporter vor dem Fluchtauto von Dieter Degowski, Hans-Jürgen Rösner und seiner Freundin Marion Löblich eingereiht. Eine Pressekonferenz mit Geiselnehmern bei der Verfolgungsjagd durch die halbe Republik - ein journalistischer Sündenfall. Und die Disziplin der Presse war das einzig Geordnete in diesen 54 Stunden zwischen einem Bankraub am Rande des Ruhrpotts und seinem blutigen Ende. Ansonsten herrschte das blanke Chaos: Polizisten ohne Konzept, Politik ohne Einfluss und Medien ohne Ethos machten den Fall zum "spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit", wie es Bremens damaliger Innensenator Bernd Meyer im Film beschreibt.

Das erste vollständig gefilmte Gewaltverbrechen der Bundesrepublik mit drei Toten war nicht nur besonders spektakulär, erstmals standen in der sich entwickelnden Mediengesellschaft die Medien selber im Fokus der Kritik. Nicht nur einzelne Genres wie die Boulevardpresse vor dem Schah-Besuch 1967, nicht einzelne Zeitungen wie die "Bild" zu gleicher Zeit oder einzelne Magazine wie der "Stern" dank Hitler-Tagebüchern und Barschel-Fotos, sondern die Branche insgesamt. Und ohne das Flugunglück von Ramstein zehn Tage später hätte es vielleicht gar einen Reinigungsprozess gegeben. So aber ersetzte eine Sensation die andere, und es blieb bei der Ergänzung des Pressekodex' um die Selbstverpflichtung, künftig kein "Werkzeug von Verbrechern" mehr zu sein. Als sei das zuvor eine Option gewesen.

Undenkbar schien ein Fall wie Gladbeck: Interviews mit Bankräubern bei der Arbeit und als Fernsehstars in Fußgängerzonen. Desperado Rösner sagte vor den Kameras, "Ich scheiß' auf mein Leben", und 13 Millionen Zuschauer waren live dabei. Eine Topquote für eine Bombenshow. Immerhin wog man die Entführer mit falschen Radiomeldungen über orientierungslose Verfolger in Sicherheit.

Erst 1985 hatte Neil Postman die These gewagt, im kommerziellen Fernsehzeitalter löse sich alles in Unterhaltung auf. Und heute? Wählt das N3-Publikum das Gladbeck-Drama im Ranking der "bewegendsten TV-Momente" auf Platz 13 - hinter Lady Di's Beerdigung, vor ihrer Hochzeit. Gladbeck trieb den politischen Journalismus tief ins Entertainment und vermengte Nähe mit Relevanz, Teilhabe mit Erkenntnis, Neugierde mit Einflussnahme wie nie zuvor.

"Wir waren wie berauscht", schildert Udo Röbel vom "Kölner Express", warum er ins Fluchtauto stieg, um es aus Köln zu lotsen. "Alle waren geil auf die Story", beteuert Röbel. Sie allein gebar Fragen wie jene an die später getötete Silke Bischoff, was sie denn so fühle, "mit der Waffe am Hals". Die Story trieb auch einen dpa-Reporter dazu, per Taxi auf Verfolgungsjagd zu gehen, angeschossen und so selbst zur Nachricht zu werden.

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