tz-Interview mit Léonie-Claire Breinersdorfer

Tatort-Autorin: "Das ist moderne Sklaverei"

München - Der aktuelle Tatort-Krimi in der ARD zeigte die Welt der Drückekolonnen. Die Autorin Léonie-Claire Breinersdorfer verrät im Interview, wie schwierig die Recherche war.

Die Autorin Léonie-Claire Breinersdorfer

Verschiedene Anläufe haben Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer unternommen, um einen Insider dazu zu bewegen, ihnen seine Erfahrungen mitzuteilen. Vergebens. Niemand, kein Aussteiger, kein Berater, erst recht kein aktueller „Mitarbeiter“ einer Drückerkolonne wollte mit ihnen reden. „Es ist wahnsinnig schwierig, in diese Welt einzudringen“, sagt Léonie-Claire Breinersdorfer im Gespräch mit der tz. „Aber es gibt gute Dokumentationen zum Thema, Artikel in Magazinen und Zeitungen.“ Gemeinsam mit ihrem Vater Fred (65), dem Autor unzähliger hochklassiger Fernsehfilme und vieler Tatort-Folgen, hat die 36-Jährige das Drehbuch zu dem BR-Tatort "Ein neues Leben" geschrieben, der gestern Abend im Ersten lief und von Millionen Zuschauern gesehen wurde. Es ging um einen Mord – im Umfeld einer Drückerkolonne.

Frau Breinersdorfer, Sie recherchieren seit Jahren über Drückerkolonnen. Was macht dieses Thema für Sie so spannend?

Léonie-Claire Breinersdorfer: So tragisch die Geschichten der Menschen sind, die in einer Drückerkolonne arbeiten und in ihr gefangen sind, so faszinierend ist dieses Milieu für Krimiautoren. Drückerkolonnen, mit denen ja eigentlich jeder schon mal zu tun hatte an der Haustür, sind inzwischen im Stil organisierter Kriminalität aufgebaut, sie haben sich über die Jahre professionalisiert.

In Ihrem Film tragen die Angestellten alle dieselben Anzüge, leben gemeinsam in einer Designvilla und stehen Tag und Nacht unter Kontrolle.

Breinersdorfer: Ja, es ist nicht mehr so wie früher, wo vielleicht Drogenabhängige von Tür zu Tür gelaufen sind und um Spenden gebeten haben. Das Milieu hat sich verändert, ist chic und modern geworden, wenn man so will.

Die Abhängigkeiten sind aber dieselben geblieben.

Breinersdorfer: Natürlich, ja. Drückerkolonnen wollen die Mitarbeiter kontrollieren, sie wollen die Leute in die totale Abhängigkeit begeben. Das ist in unserem Fall vielleicht etwas krass beschrieben, aber es ist nicht unrealistisch. Das gibt es. Es ist nichts anderes als moderne Sklaverei. Die Mitarbeiter gehen den Drückerkolonnen auf den Leim, weil dort schnelles Geld versprochen wird, von dem die Mitarbeiter aber nichts sehen. Anfällig sind die Schwachen, die Gierigen und natürlich die Verzweifelten.

Die Kolonne im Film wird von zwei Frauen geleitet, die eine Brutalität an den Tag legen, dass es einem graust.

Breinersdorfer: Es gibt tatsächlich so einen Fall, an den wir uns in dieser Beziehung angelehnt haben – so fiktiv unser Buch sonst auch ist. Frauen gehen manchmal mit einer Brutalität vor, die man von ihnen vielleicht nicht so erwartet und kennt.

Kennen Sie Zahlen – wie viele Drückerkolonnen sind zum Beispiel in München unterwegs?

Breinersdorfer: Das ist wahnsinnig schwer zu sagen. Das Problem ist ja, dass die Drückerkolonnen immer von Stadt zu Stadt ziehen. Die bleiben nie lange an einem Ort. Sonst würde ihr System zusammenbrechen.

Interview: Stefanie Thyssen

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Rubriklistenbild: © BR/Bernd Schuller

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