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Ihr erster Tatort: Die neuen Kommissare Robert Karow (Mark Waschke; 2.v.l.) und Nina Rubin (Meret Becker).

TV-Kritik

"Tatort"-Kritik: Der Kommissar als Mensch

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Berlin - Der „Tatort“ aus Berlin begeistert mit kunstvollen Dialogen und opulenten Szenen. Das Ermittlerduo zeigt sich auch von seiner privater Seite - die TV-Kritik.

Man sieht sie gleich in einer sehr privaten Situation in einem Hinterhof, man sieht ihn über einen alten Fall grübelnd, von dem man ahnt, dass er noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Schöpfer des neuen Berliner „Tatort“-Teams machen schon in den ersten Minuten klar, dass sie mit den Fällen von Anfang an auch die Biografien der Ermittler erzählen wollen. Sie folgen damit einem Muster, das zuletzt im auch noch relativ neuen Dortmunder Quartett Ausdruck gefunden hat. Der Kommissar als Mensch, mit schwachen Seiten und dunklen Flecken (die die Kollegen allzu gerne grell ausleuchten wollen).

Auch sonst nimmt dieser „Tatort“ inszenatorisch unverhohlen Maß bei der Konkurrenz. Die Bilder sind opulent wie bei den Schweiger-„Tatorten“ aus Hamburg, in jeder Szene, die außerhalb geschlossener Räume spielt, ist auch die Stadt spürbar, ihre Anmut, ihr Dreck. Hier wirkt nichts mühevoll choreografiert. Großes Kino, zumindest im Detail (Kamera: Thomas Benesch). Auch die Dialoge sind kunstvoll, ohne künstlich zu wirken.

Zum Seitenblick auf Hamburg passt, dass sich die Berliner für Mark Waschke als männliche Hauptfigur entschieden haben. Der gab bereits im ersten Schweiger-Fall einen zum Feind übergelaufenen verdeckten Ermittler, auch als Robert Karow spielt Waschke einen Kriminaler, dessen Verbindungen ins Milieu intensiver sind als die Polizei erlaubt. Der Schauspieler ist die Entdeckung des neuen Berliner „Tatort“, ein unverbrauchtes Gesicht, ein vielschichtiger Typ, der neugierig macht auf seine Zukunft.

Bei der Besetzung der weiblichen Hauptrolle sind die Macher dagegen ein hohes Risiko eingegangen. Nina Rubin (Meret Becker), die Chefin, die ab und zu ins Mäuschen-Outfit schlüpft und sich von einem Kollegen-Kater vernaschen lässt – das ist schon ziemlich starker Tobak. Berliner Schnauze allein reicht noch nicht, um Autorität auszustrahlen im vielköpfigen Team. Immerhin breiten Autor Stefan Kolditz und Regisseur Stephan Wagner in wenigen, sehr authentischen Szenen Rubins in Schieflage geratenes Familienleben vor dem Zuschauer aus.

Beim Plot gehen Kolditz und Wagner dagegen auf Nummer sicher. Kein Gattenmord in der Villa, kein Pädophiler, in „Das Muli“ geht es um nichts weniger als das organisierte Verbrechen – schon wieder ein Verweis auf Hamburg. Kühl und doch nicht ohne Empathie für seine Protagonisten erzählt dieser Krimi das Schicksal einer Drogenkurierin und ihrer minderjährigen Leidensgenossin, er zeigt die Milieus, aus denen die „Mulis“ stammen, die Brutalität einer millionenschweren Branche, in der Menschenleben nichts zählen und es immer einen noch Mächtigeren zu geben scheint.

Es überrascht nicht, dass diese Episode kein klassisches Ende hat, der neue „Tatort“ aus der Hauptstadt soll schließlich einen langen Atem haben. Dass ihm nicht schon bald die Luft ausgeht, möchte man ihm nach dieser Premiere wünschen.

Rudolf Ogiermann

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