+
Hauptkommissar Voss (Fabian Hinrichs, 2.v.li.) gibt sich für die Ermittlungen als tschetschenischer Flüchtling aus.

Tatort Franken undercover

Interview mit Kommissar Voss: „Hatte Angst, dass es peinlich wird“

  • schließen

München/Nürnberg - Der dritte Franken-Tatort dreht sich um ein Feuer in einer Gemeinschaftsunterkunft. Hauptkommissar Voss ermittelt undercover und spricht in der über seine Erlebnisse.

Der dritte Franken-Tatort erzählt vom Ankommen als Flüchtling in Deutschland. Es kommt zu einem Brand in einer ­Gemeinschaftsunterkunft – und Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) greift zu ­ungewöhnlichen Maßnahmen: Um herauszufinden, wie es zu dem Feuer kam, gibt er sich als tschetschenischer Flüchtling aus und ermittelt undercover in der Unterkunft. Ein Gespräch über politisches Fernsehen, Sprachbarrieren und die Herausforderungen der Flüchtlingszuströme.

Herr Hinrichs, war es ein Herzens­projekt, das Thema Flüchtlingszuströme im „Tatort“ anzugehen?

Fabian Hinrichs: Nein, mir sind grundsätzlich nahezu alle Themen recht. Denn politisch ist doch alles – da bin ich ganz bei dem in den 70er-Jahren aufgekommenen Leitsatz „Das Private ist politisch“. Per se ist ein augenfällig politisches Thema wie die „Flüchtlingskrise“, wie sie ja immer genannt wird, nicht politischer als eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Schrecklich finde ich, wenn man Film wie ein Referat im Abitur betreibt. Dass man sagt: „Das haben wir jetzt gut behandelt und das und das…“ Das ist ja leider noch viel zu oft der Fall – und öde. Ein bedeutendes Merkmal von Kunst im weiteren Sinne ist ja gerade das Irrationale. Beim Film sind es Bilder, Atmosphären, Stimmungen, Töne, die mich interessieren und nicht nur die Kausalzusammenhänge einer Filmhandlung, auch nicht nur das gesprochene Wort. Deswegen ist das Thema mir grundsätzlich nicht so wichtig.

Nun müssen wir natürlich trotzdem übers Thema reden. Die Flüchtlinge im Film sprechen alle recht gut Deutsch. Wurde vorher darüber diskutiert, in welchen Sprachen sie sich unterhalten sollen?

Hinrichs: Oh ja. Da gibt es zwei Positionen, die man beide vertreten kann. Die Realität ist schon so, dass die Verkehrssprache Englisch oder Arabisch ist. Das hätte man im Film übernehmen können, hätte dann aber alles untertiteln müssen. Ich selber hätte nichts dagegen gehabt, da wurde aber die nachvollziehbare Gefahr gesehen, dass das zu undirekt ist oder nervt.

Auch Sie selbst in der Rolle des Felix Voss imitieren einen Akzent.

Hinrichs: Ja, und ich weiß nicht, ob der Autor die schauspielerische Anforderung bedacht hat, die darin liegt. In der Schule hatte ich Russisch – aber Russisch ist ja nicht Tschetschenisch. Ich hatte große Angst, dass es peinlich rüberkommen könnte. Doch dann habe ich mir überlegt: Es ist ja der Felix Voss, das bin nicht ich. Und der Felix Voss muss das ja nicht perfekt können. Nur eben so gut, dass er nicht auffliegt. Ich glaube, es ist ganz okay geworden.

Sie wurden durch Ihre Rolle für eine kurze Zeit zum Flüchtling. Was haben Sie durch die Einblicke in die Welt der Gemeinschaftsunterkünfte gelernt?

Hinrichs: Dass man nicht den Menschen aus dem Blick verlieren darf. Dass es nicht nur den Schauspieler oder die Journalistin gibt und so weiter, sondern dass man einen humanen Blick bewahrt. Das heißt aber meiner Meinung nach nicht, dass man nur noch linksliberale Positionen vertreten sollte. Da muss es bei den in Europa Ankommenden auch einen Abschied von den Träumen geben – wenn jeder frei aussucht, in welches Land er möchte, bedarf es vielleicht einer Zensur dieser Träume. Und ganz sicher sollte man die europäische Lebensweise verteidigen. Natürlich auch gegen Rassisten und Fremdenfeindlichkeit, hierin besteht die Ambivalenz der Herausforderung.

Themen, die für Zündstoff sorgen...

Hinrichs: Ja, dabei sollte klar sein: Wenn man das sagt, ist das nicht Wasser auf die Mühlen der Populisten und man schwächt auch nicht seine linke Position. Sondern die schwächt man, indem man solche Probleme gar nicht anspricht. Vor allem aber habe ich gelernt, den Menschen im Blick zu haben, der diese Flucht auf sich genommen hat. Dass Flucht immer ein Ergebnis der globalen Wirtschaft ist. Diese Menschen kommen her, weil sie den Traum von einem besseren Leben träumen.

Den wir ja alle träumen...

Hinrichs: Genau! Wer ist man zu sagen: Du darfst das nicht träumen! Das heißt aber nicht, dass es unorganisiert und chaotisch ablaufen darf. Das habe ich beim Dreh noch einmal gelernt, dass man mit den Menschen ins Gespräch kommt und nicht nur mit Flüchtlingen oder mit Leistungsempfängern.

„Am Ende geht man nackt“ heißt der Titel des Films. Am Ende sind wir also alle gleich?

Hinrichs: Ja, am Ende sind wir als Menschen alle gleich, aber natürlich sind die Voraussetzungen, unter denen wir aufwachsen, dramatisch unterschiedlich. Wir haben ja ein wahnsinniges, ungerechtes Glück, hier geboren worden zu sein. Dafür müssen wir dankbar sein, oder?

„Tatort“, So., 20.15 Uhr, ARD

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Geht das Dschungelcamp 2018 später los als in den Vorjahren?
Und jährlich grüßt das Känguru: Auch im Januar 2018 werden wieder so genannte Stars ins Dschungelcamp einziehen, zum Beispiel ein Schlagerstar, ein Model und eine …
Geht das Dschungelcamp 2018 später los als in den Vorjahren?
Nächster Dschungelcamp-Kandidat: Kennen Sie noch Alex Jolig?
Alex Jolig zieht als Kandidat ins Dschungelcamp 2018. Wer? Sie kennen den Ex von Jenny Elvers vermutlich aus einer Reality-TV-Show.
Nächster Dschungelcamp-Kandidat: Kennen Sie noch Alex Jolig?
„Hubert und Staller“: Ende des Wolfratshauser Polizistenduos
Seit 100 Folgen ermitteln „Hubert und Staller“ in Wolfratshausen. Nun naht das Ende des oberbayerischen Polizistenduos.
„Hubert und Staller“: Ende des Wolfratshauser Polizistenduos
Mini-Fliege nach Münsteraner „Tatort“-Rolle benannt
Nach der kleinen Pathologie-Assistentin Alberich des Münster „Tatort“-Professors Boerne wurde jetzt eine Mini-Fliegenart benannt.
Mini-Fliege nach Münsteraner „Tatort“-Rolle benannt

Kommentare