+

TV-Kritik zu „Land in dieser Zeit“

Frankfurt-Tatort ist der richtige Fall zur richtigen Zeit

  • schließen

Frankfurt - Das Erste hat am Sonntag einen starken Frankfurt-Tatort gesendet. Es ist der richtige Fall zur richtigen Zeit. Brix und Janneke ermitteln in den Kreisen rassistischer Intellektueller. Die Vorab-Kritik.  

Der Frankfurt-Tatort „Land in dieser Zeit“ (Erstausstrahlung: Sonntag, 8. Januar 2017, 20.15 Uhr im Ersten) beginnt laut. Und das ist auch wichtig. Denn der erste Tatort, den Das Erste in diesem Jahr sendet, ist der richtige Fall zur richtigen Zeit. Ein Brandsatz zerdeppert Scheiben, der Frisörladen dahinter geht in Flammen auf. „Kill All Nazis“ hat jemand in krakeligen Buchstaben auf den Bürgersteig gesprüht. Die Ermittler Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) beugen sich am Tatort über eine verkohlte Leiche, ein goldenes Kettchen mit dem Anhänger „Melanie“ liegt um ihren Hals. Was hat Melanie, die Auszubildende, nachts allein im Salon gemacht? Galt der Anschlag ihr? Hatte sie Feinde? Ja, glaubt Rosi (Birge Schade), die Chefin. Melanie soll sich draußen mit afrikanischen Drogendealern gestritten haben, weil die ihr Zeug direkt vor der Tür vertickten. Rosi glaubt, das erkläre auch den Spruch „Kill All Nazis“, den die Brandstifter hinterlassen haben: „Weil wir die weghaben wollen. Aber deswegen sind wir keine Nazis.“ Janneke fragt Vera - Rosis herumkeifende, ungezogene, immer grimmig schauende Angestellte -, wie der Dealer aussah. „Ein Schwarzer eben!“, brüllt Vera. Trotz ihrer üblen Aussage, identifiziert sie bei der Gegenüberstellung sehr rasch (schon zu rasch) John Aliou (Warsama Guled) als den Mann, der ihre Kollegin als „fucking Nazi bitch“ beschimpft haben soll.

Wenn Ihnen das als Inhaltsangabe reicht, lesen Sie nicht weiter. 

Viele Tatort-Zuschauer werden Schauspielerin Broich heute für ihren Gefühlsausbruch feiern

Vera (Jasna Fritzi Bauer) flippt im Gespräch mit Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich, sitzend) aus.

Janneke reagiert misstrauisch, sagt zu Brix später, sie halte Vera für „eine komplett unzuverlässige Frau“. „Ich glaube, dass es denen in den Kram passt, sich an den Dealern zu rächen.“ Janneke regt Veras rassistisches Gerede in einer weiteren Szene so sehr auf, dass sie in dem Zimmer der jungen Frau schreit: „Was reden Sie denn für einen Müll? Da kann man ja gar nicht zuhören!“ Sie versucht, der störrischen Frau zu erklären, dass Hautfarbe und Nationalität doch nichts über Gut und Böse aussagen. Viele Zuschauer werden Schauspielerin Margarita Broich für ihren Gefühlsausbruch feiern. 

Auch Brix sagt nachher im Büro: „Ich hasse diesen braunen Scheiß.“ Viele Zuschauer werden diesen Satz* (eine Erklärung des Hessischen Rundfunks lesen Sie unten) mit Erleichterung hören. Denn eine Szene am Anfang des Tatorts hatte sie entsetzt: Darin nuschelte der verpennte Brix „Scheiß Flüchtlinge“, weil zwei von ihnen morgens sein Badezimmer blockierten. Brix‘ Mitbewohnerin Fanny (Zazie de Paris) hatte den beiden Männern einen Schlafplatz angeboten. Die benachbarte Flüchtlingsunterkunft musste wegen eines Wasserschadens vorübergehend schließen. Und nun leben die beiden Männer und eine Frau vorübergehend bei Brix und Fanny, kleben auf sämtliche Gegenstände im Haus gelbe Zettelchen mit den deutschen Begriffen, um Deutsch zu lernen

Frankfurt-Tatort thematisiert den Rassismus intellektueller Frauen 

Brix und Janneke überprüfen auch Veras herrische Mitbewohnerin Juliane (Anna Brüggemann), deren übersteigerter Beschützerinstinkt irritiert. Auch Margaux, die Enkelin eines Kiosk-Besitzers, benimmt sich nach Meinung der Ermittler auffällig. Die Ermittlungen führen die Hauptkommissare in die Kreise rassistischer Intellektueller. 

Es ist der richtige Tatort zur richtigen Zeit. Der Filmtitel „Land in dieser Zeit“ passt. Der Fall macht viele Andeutungen, ohne diese zu vertiefen: Da ist dieser Kriminalbeamte, der eine Frau mit Kopftuch als Türkin bezeichnet, obwohl sie aus dem Jemen stammt. Da sind die besoffenen Kerle, die dieselbe Frau in einem Hauseingang zusammentreten. Da ist ein Flüchtling mit falscher Identität. Und dann ist da die Videoüberwachung, die die Polizeiarbeit beschleunigen könnte - denn ohne die vielen Kameraperspektiven hätten sich die Ermittler zu lange mit der Verdächtigung des Dealers John Aliou aufgehalten. 

Was die drei Drehbuchautoren sehr gut machen: Sie verzichten darauf, Szenen mit erhobenem Zeigefinger zu erzählen. Die Zuschauer urteilen selbst. 

Darum wird der neue Tatort aus Frankfurt heute zwischendurch poetisch

Brix, Janneke und die anderen Kollegen müssen sich an ihren neuen Chef gewöhnen: der exzentrische Fosco Cariddi (Bruno Cathomas). Meetings unterbricht er mit Gedichten von Ernst Jandl, etwa „etude in f“, in dem der Lyriker den Buchstaben W durch F ersetzt (“... auf den fellen feiter meere...“). 

Und zwischendurch singen die Kommissare „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze“. Klingt nach Kindergarten. Ist es nicht. Lyrik und kontrastreiche Musik spielen in dem fünften Fall für Janneke und Brix eine wichtige Rolle. 

Frankfurt-Tatort „Land in dieser Zeit“ ist so viel besser als vorheriger Fall „Wendehammer“

„Land in dieser Zeit“ funktioniert so viel besser als der vorherige Fall „Wendehammer“. Zuschauer und TV-Kritiker hatten den zwei Drehbuchautoren des vergangenen Frankfurt-Tatorts zu Recht die Unentschlossenheit verübelt. Die Autoren, Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, waren in „Wendehammer“ zwischen einer überdrehten Krimikomödie in einer Vorstadtsiedlung (sie erinnerte an den großartigen Tom-Hanks-Film „Meine teuflischen Nachbarn“) und dem riesigen Thema Datensicherheit und Überwachung hin- und hergerissen – und wurden am Ende weder der einen noch der anderen Erzählung gerecht. Ein klassischer Fall von „zu viel wollen und wenig können“. Die Kritik ließ zumindest einer von ihnen, Stephan Brüggenthies, nicht auf sich sitzen. Er liefert mit zwei weiteren Autoren, Khyana el Bitar und Dörte Franke, einen starken neuen Fall „Land in dieser Zeit“ ab.

* Das steckt hinter Hauptkommissar Brix‘ Satz „Scheiß Flüchtlinge“

Der Satz „Scheiß Flüchtlinge“ hängt den Zuschauern lange nach. Auf Nachfrage unseres Nachrichtenportals sagt das Fernsehspiel-Team Hessische Rundfunk, Brix habe diesen Satz aus der Situation heraus gesagt - so wie „Scheiß Arbeit“ oder „Scheiß Kantinenessen“. Dass die Flüchtlinge vorübergehend in seinem Haus wohnen, habe er akzeptiert.

Die Sendezeiten des Frankfurt-Tatorts „Land in dieser Zeit“

Das Erste sendet den neuen Tatort des Hessischen Rundfunks (HR) am Sonntag, 8. Januar, um 20.15 Uhr. Wiederholungstermine sind am selben Abend um 21.45 Uhr auf One, am Montag (9. januar) um 0.20 Uhr auf One und am Dienstag (10. Januar) um 0.35 Uhr im Ersten. Nach der Erstausstrahlung ist der Tatort 30 Tage lang in der ARD-Mediathek zu sehen.

28-Sekunden-Trailer des Frankfurt-Tatorts

TV-Kritiken zu früheren Tatort- und Polizeiruf-110-Fälle

„Schock“ (Tatort aus Wien), „Wacht am Rhein“ (Köln-Tatort) „Klingelingeling“ (München-Tatort), „Dunkelfeld“ (Berlin-Tatort), „Sumpfgebiete“ (Polizeiruf München), „Es lebe der Tod“ (Wiesbaden-Tatort), „Taxi nach Leipzig“ (Jubiläumstatort, die 1000. Tatort-Folge), „Borowski und das verlorene Mädchen“ (Kiel-Tatort), „Echolot“ (Bremen-Tatort), „Die Wahrheit“ (München-Tatort), „Zahltag“ (Dortmund-Tatort), „Der König der Gosse“ (Dresden-Tatort), „Feierstunde“ (Tatort Münster mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl), „Wölfe“ (Polizeiruf mit Matthias Brandt), „Und vergib uns unsere Schuld“ (Polizeiruf mit Matthias Brandt), „Wir - Ihr - Sie“ (Berlin-Tatort), „Das Recht, sich zu sorgen“ (Franken-Tatort), „Fünf Minuten Himmel“ (Freiburg-Tatort), „Mia san jetz da wo's weh tut“ (Jubiläumsfall München-Tatort), „Ein Fuß kommt selten allein“ (Münster-Tatort), „Die Geschichte vom bösen Friedrich“ (Frankfurt-Tatort).

sah

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

"Adam sucht Eva" 2017: Das sind alle Promi-Kandidaten
"Adam sucht Eva" 2017: Neun Promis ziehen sich für die hüllenlose Kuppel-Show aus. Das sind alle Kandidaten für neue Staffel der RTL-Show.
"Adam sucht Eva" 2017: Das sind alle Promi-Kandidaten
Gift-Spinnen-Ausbruch: Muss das RTL-Dschungelcamp abgesagt werden?
„Ich bin ein Star, holt mich hier raus“: Wegen einer Gift-Spinne in Australien könnte der RTL-Dschungelcamp-Start in Gefahr sein. 
Gift-Spinnen-Ausbruch: Muss das RTL-Dschungelcamp abgesagt werden?
Peinlich: Weltstar singt heimlich bei „The Voice of Germany“ - keiner erkennt ihn
Am Donnerstagabend überraschte ein Weltstar bei „The Voice of Germany“ mit einem persönlichem Auftritt - doch die Juroren standen wohl mächtig auf dem Schlauch.
Peinlich: Weltstar singt heimlich bei „The Voice of Germany“ - keiner erkennt ihn
„Adam sucht Eva“: Yotta beeindruckt mit bestem Stück - Wann kommt es zum Einsatz?
Selbstverliebt bei der Kuppel-Show „Adam sucht Eva“ 2017: Neuzugang Bastian Yotta zeigt seine „Rakete“. Kommt es zum ersten Mal?
„Adam sucht Eva“: Yotta beeindruckt mit bestem Stück - Wann kommt es zum Einsatz?

Kommentare