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Meisterwerk oder Quatsch? Am jüngsten „Tatort“ mit Ulrich Tukur als Ermittler Felix Murot scheiden sich die Geister.

„Die Zahl ist doch vollkommen wurscht“

Leichenreichster „Tatort“ der Geschichte

War das jetzt ein Meisterwerk und große Kunst oder pseudo-intellektueller Quatsch? Schon lange nicht mehr hat ein „Tatort“ für so viel Gesprächsstoff gesorgt wie die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Ermittler Felix Murot, die am Sonntag im Ersten lief.

Abseits des üblichen Schemas zwischen „Wer war’s?“ und Gesellschaftsdrama ging es um Freundschaft, Rache und die fatalen Folgen einer ménage à trois (eine Anspielung auf François Truffauts Liebesfilm „Jules und Jim“), das alles angereichert mit Zitaten aus Westernklassikern und inszeniert wie ein Theaterstück.

Trotz der ungewöhnlichen Erzählweise hatte der „Tatort“ des Hessischen Rundfunks (HR), der mit Musik von Bach bis Verdi unterlegt war, 9,29 Millionen Zuschauer, nicht weniger als jeder konventionelle Krimi der Reihe – zur großen Freude von HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen. Sie habe mit weniger Zuschauern gerechnet, so Jessen gestern im Gespräch mit unserer Zeitung, allerdings hätten die Medien vor der Ausstrahlung bereits auf die Ausnahmestellung dieser Folge hingewiesen. „Wenn alle schreiben: ,Das müsst Ihr gucken‘, bleibt das nicht ohne Wirkung.“ Andererseits sei der „Tatort“ am Sonntagabend längst eine Art Lagerfeuer, um das sich Deutschland versammele, und so oder so ein Gesprächsthema am Montagmorgen.

Erwartet kontrovers war das Echo auf das von Florian Schwarz nach dem Buch von Michael Proehl inszenierte Duell zwischen dem Ermittler und seinem alten Freund Richard Harloff, gespielt von Ulrich Matthes. „Die Hessen schlagen mit diesem fantastischen Stück ein neues Kapitel in der Fernsehgeschichte auf“, schrieb die Kritikerin unserer Zeitung, diesem „Tatort“ sei es gelungen, „in einer forciert künstlichen Hülle einen wahren emotionalen Kern zu platzieren“, lobte der „Spiegel“, der Film sei „ein Geniestreich voller Gewalt und Leidenschaft“, schwärmte die FAZ. „Der neue ,Tatort‘ mit Ulrich Tukur war so hochwertig, dass es angestrengt wirkte“, fand dagegen der „Stern“. Ärgerlich sei auch, dass vieles nach dem gleichen Handlungsmuster ablaufe. Gangster Harloff morde sich von Szene zu Szene, was irgendwann eintönig werde.

Auch von den Zuschauern gab es Lob und Tadel gleichermaßen. „Spitzenmäßiger Krimi“, lobte ein Kommentator bei „Merkur online“, „Großartig, einfach nur großartig“, fand ein zweiter, „Dieser ,Tatort‘ hat das Format, ein Klassiker zu werden“, prophezeite ein dritter. „Was für eine Zumutung“, ärgerte sich demgegenüber ein anderer User, und wieder ein anderer schrieb: „So was Peinliches habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“

HR-Frau Jessen verteidigte die außergewöhnliche Machart von „Im Schmerz geboren“. „Der ,Tatort‘ wäre längst tot, wenn man nicht auch einmal mit dem Format experimentieren und Grenzen überschreiten würde“, sagte sie. Neun von zehn Fällen folgten klassischen Erzählmustern, „ab und zu muss man sich halt auch mal in ein Abenteuer stürzen“.

Für Diskussionen sorgte die hohe Leichenzahl (siehe auch Kasten) – ein absoluter Rekord in der 44-jährigen Geschichte der ARD-Krimireihe. Während vor der Ausstrahlung die Zahl 47 kolportiert wurde, zählten Fans wie die Experten vom Internetportal „,Tatort‘-Fundus“ 51 Leichen. „Es sind 51, aber die Zahl ist doch vollkommen wurscht“, sagte dazu jetzt Jessen: „Bei Shakespeare werden ja auch nicht die Leichen gezählt.“

Auch in Zukunft stünden die „Tatorte“ mit Ulrich Tukur für außergewöhnliche Filme, versprach die Fernsehspielchefin des HR: „Wenn Sie mit einem solchen Weltstar drehen, verbietet sich das Normale.“ Für den fünften Fall, für den im November Drehbeginn sein soll, kündigte Jessen eine filmische Reflexion über die Rolle des Schauspielers und der von ihm verkörperten Figur an. Während Tukur als Murot ermittele, werde er selbst von der Polizei festgenommen.

Von Gregor Tholl und Rudolf Ogiermann

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