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Was finden Borowski und Sarah Brandt auf der dunklen Seite des Netztes?

Unsere Vorab-Tatort-Kritik

Auf der dunklen Seite des Internets: Borowski stürzt sich ins Darknet  

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Kiel - Ausgerechnet Klaus Borowski bekommt es im heutigen Tatort mit dem so genannten Darknet, der dunklen Seite des Internets, zu tun. Dass das ein cleverer Schachzug vom NDR ist, zeigt sich aber schon sehr früh in „Borowski und das dunkle Netz“.

Sabine nennt er sie, die Software auf seinem Smartphone, die mit ihm spricht, wann immer er sie ruft. Sie heißt so wie seine erste Freundin. Klaus Borowski (Axel Milberg) ist der Beamte unter den Tatort-Kommissaren, der noch in einem früheren Jahrhundert zu leben scheint. Computer? Braucht er nicht, er hat ja mit Sarah Brandt (Sibel Kekilli) eine ehemalige Hackerin an seiner Seite. Handy? Hat er zwar, aber ein uraltes, ohne Internet. Jedenfalls war das in früheren Tatort-Folgen so. Im aktuellen Fall „Borowski und das dunkle Netz“ besitzt Borowski auf einmal ein Smartphone. Auf dem Sarah Brandt, extra für ihn, eine Sprachsoftware installiert, damit er gar nicht lange auf dem neumodischen Ding herumtippen muss. Auf den Ruf „Sabine“ reagiert das Smartphone. Immer. Und tut, was er möchte. Zum Beispiel aufmunternde Musik spielen.

So lernt Borowski das Internet kennen. Doch das reicht bei weitem nicht aus, denn die Kommissare aus Kiel bekommen es mit einem Fall zu tun, der sich in den tiefsten dunklen Ecken des Netztes abspielt, im so genannten Darknet. Da fallen Begriffe wie Deep Web, Bit Coins, Cyber Crime. Und Borowski hat von allem keine Ahnung. Nicht unklug vom Norddeutschen Rundfunk (NDR), ausgerechnet für Klaus Borowski eine solche Geschichte zu schreiben - denn durch ihn lernt auch jeder Tatort-Zuschauer, der sich noch nie ins Darknet gewagt hat, womit die Polizisten des Cyber Crime beim Landeskriminalamt (LKA) zu kämpfen haben.

Dass die Materie aktueller den je ist, haben in den vergangenen Wochen und Monaten etwa Fälle wie der des Mörders aus Herne, Marcel H., oder der OEZ-Amokläufer aus München gezeigt. Im Zusammenhang mit beiden Fällen fiel auch der Begriff „Darknet“. Dennoch ist relativ wenig bekannt über die Untiefen des Netzes.

Tatort heute aus Kiel: Überraschende Anfangsszene, Klischees im Keller

Wie die Tatort-Macher dieses Deep Web erklären, ist deshalb gut umgesetzt. Borowksi wird kurzzeitig zur Zeichentrickfigur, die in das Datenmeer des weltweiten Netzes eintaucht und sich zeigen lässt, was der Unterschied zwischen Internet, Deep Web und Darknet ist. Auch die Anfangsszene von „Borowski und das dunkle Netz“ ist ungewöhnlich stark: Der Zuschauer erlebt diesmal den Mord aus der Perspektive des Mörders - der Auftragskiller stürmt mit einer irritierenden Wolfsmaske auf dem Kopf ein Fitnessstudio, knallt um sich. Er schießt auf trainierende Menschen, trifft nackte Männer in der Dusche und halbnackte Frauen in der Umkleidekabine. Mit einem Foto, das er in der Hand hält, identifiziert er schließlich sein Opfer: einen Polizeibeamten, den Leiter des Cyber Crime beim Landeskriminalamt, der in der Umkleide auf einem Stuhl hockt. Den schießt er tot. Einfach so. Eiskalter Auftragsmord.

Kameramann Benedict Neuenfels sagt dazu im Gespräch mit dem NDR: „Dahinter steckt natürlich ein uralter Ansatz: Eine überraschende Anfangssequenz macht auf den weiteren Verlauf der Geschichte neugierig. Es bedurfte schon einer ästhetischen Überhöhung, um die ,Familienfreundlichkeit‘ des Formates Tatort nicht komplett zu überdehnen.“ Deswegen vielleicht die Wolfsmaske und die ungewöhnliche Perspektive. Somit wirkt die Szene surreal.

Natürlich gibt es in einem Tatort, der sich mit dem Thema Internet beschäftigt, auch ein paar Klischees. Im riesengroßen Keller des LKA sitzen, ganz alleine, zwei Nerds, die sich um die Kriminalität im Netz kümmern. Der eine stottert, der andere trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Pimp“ (englisch: Zuhälter), wobei das „Pi“ durch das Symbol der Kreiszahl Pi dargestellt wird. 

Klischee olé: Im Keller des Landeskriminalamtes sitzen zwei Nerds, die sich mit Cyber Crime beschäftigen.

Und es gibt chauvinistische Männer, zum Beispiel den LKA-Leiter, der nichts von Frauen hält und Sarah Brandt zu Beginn Kaffee holen schickt. Der Tatort schafft es jedoch, es nicht bei diesen Klischees zu belassen. Denn gerade Sarah Brandt ist die einzige Frau, die die gesamte Arbeit zu machen scheint: Sie hackt sich ins Netz, verfolgt den Auftragskiller zu Fuß durch die halbe Stadt und mitten in ein Handballspiel des THW Kiel hinein und klärt am Ende den Fall auf. Sibel Kekilli sagt zu ihrer Rolle: „Sie versucht einfach, drüber zu stehen, bleibt bei sich und beweist mit Taten, dass sie solche Sprüche nicht ernst nimmt. Trotzdem ärgert sie sich über einen solchen alltäglichen Sexismus natürlich doch, vor allem wenn man bedenkt, dass nicht alle Frauen sich dagegen wehren können.“

Tatort heute aus Kiel: „Wo befanden Sie sich zum Zeitpunkt des Mordes?“

Der neue Fall aus Kiel kommt trotz des dunklen Themas aus Drogenkauf und Auftragsmord nicht zu ernst daher. Teilweise ist der Witz subtil, zum Beispiel wenn Borowski die Protokolle eines Druckers ausdruckt, der irgendwo in einem öffentlichen Copy Shop steht, und die Maschine einfach nicht mehr aufhört, Blätter mit Zahlenreihen auszuspucken. Und es fällt wohl mit eine der besten Antworten, die jemals auf die doch eher dröge Frage gegeben werden durfte: „Wo befanden Sie sich zum Zeitpunkt des Mordes?“ - „In meiner Frau.“ 

Unser Fazit: „Borowski und das dunkle Netz“ dürfte nicht unbedingt zum Borowski-Klassiker werden, überzeugt aber trotzdem als starker Fall, der ein aktuelles Thema aufgreift und trotzdem sonntagabend- und familiengerecht erzählt ist. Das ist vor allem den gebührenzahlenden Tatort-Kritikern wichtig und dadurch kann man auch über die paar Klischees hinweg sehen. Dass Sibel Kekilli nur noch in einer weiteren Tatort-Folge zu sehen sein wird (Ausstrahlung im Mai), ist wirklich schade, denn sie und Borowski funktionieren nach sieben Jahren als perfektes Team. Ihr Ausstieg deutet sich in diesem Kieler Tatort bereits ganz leicht an. 

So sehen Sie den Tatort heute aus Kiel am Sonntag in der ARD und in der Mediathek 

Der Fall „Borowski und das dunkle Netz“ läuft wie immer am Sonntagabend, 19. März, um 20.15 Uhr im Ersten. Danach können Sie sich den Film in der ARD-Mediathek ansehen, wo er erst nach 30 Tagen gelöscht wird.

Frühere TV-Kritiken zu Fällen der Tatort- und Polizeiruf-110-Reihe

„Sturm“ (Tatort aus Dortmund), „Fangschuss“ (Tatort aus Münster), „Nachtsicht“ (Tatort aus Bremen), „Tanzmariechen“ (Köln-Tatort), „Dünnes Eis“ (Polizeiruf aus Magdeburg), „Der scheidende Schupo“ (Tatort aus Weimar), „Schock“ (Tatort aus Wien), „Wacht am Rhein“ (Köln-Tatort) „Klingelingeling“ (München-Tatort), „Dunkelfeld“ (Berlin-Tatort), „Sumpfgebiete“ (Polizeiruf München), „Es lebe der Tod“ (Wiesbaden-Tatort), „Taxi nach Leipzig“ (Jubiläumstatort, die 1000. Tatort-Folge), „Borowski und das verlorene Mädchen“ (Kiel-Tatort), „Echolot“ (Bremen-Tatort), „Die Wahrheit“ (München-Tatort), „Zahltag“ (Dortmund-Tatort), „Der König der Gosse“ (Dresden-Tatort).

pak

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