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Szene aus dem Bremen-Tatort „Echolot“.

TV-Kritik zum Fall „Echolot“ am Sonntag

Bremen-Tatort machte vier taktische Fehler - schade

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Bremen - Es ist logisch, dass der Bremen-Tatort enttäuschte. Sein Timing ist mies. Er lief eine Woche nach dem grandiosen Tatort aus München. Es gab drei weitere taktische Fehler. 

Im Bremen-Tatort „Echolot“ untersuchen die Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) einen Autounfall an einer Landstraße. Die Fahrerin, Start-up-Gründerin Vanessa Arnold (Adina Vetter), ist gestorben. Als sie ihrer Mutter (Eleonore Weisgerber) die Nachricht überbringen, ruft in diesem Augenblick Vanessa an. Sie lebt, ein bisschen, als digitale, optimierte Kopie. Es sind verwirrende, verunsichernde erste Szenen, die sich zu einem starken Tatort hätten entwickeln können. Die Betonung liegt auf hätten. Vier taktische Fehler sind zu viel, um die Zuschauer 90 Minuten zu halten. Und diejenigen, die bis zum Schluss schauen, werden angesichts der letzten Szene die Augen verdrehen.    

Fehler Nummer 1 des Bremen-Tatorts: Der Sendetermin

Es ist logisch, dass der Bremen-Tatort enttäuscht. Sein Timing ist mies. Auf den so grandios erzählten München-Tatort vom vergangenen Sonntag hätte ein starker Tatort folgen müssen. Kollegin Patricia Kämpf hat den Münchner Fall „Die Wahrheit“ zu Recht hochgelobt. In ihrem Fazit schrieb sie: „In diesem Tatort stimmt einfach alles. Der Fall, die Kommissare, die Stimmung, die Charaktere, die Bilder. Und die Anlehnung an die echte Geschichte, die München 2013 geschockt hat. Der Tatort verursacht Kopfschmerzen. Auf eine gute Art. Bitte mehr solche Schock-Geschichten am Sonntagabend!“

Keines der lobenden Worte hat sich der Bremen-Tatort verdient. Sehr schade. Zugegeben: Die Bremer Fälle gehören allgemein zu den am schwächsten erzählten in der Tatort-Liste. Nur das sympathische Duo Lürsen/Stedefreund tröstet ein wenig über die Drehbücher hinweg.

Fehler Nummer 2: Ähnlicher Fall wie Stuttgart-Tatort „HAL“ - nur schlechter erzählt

Sprecht euch besser ab, wollen Zuschauer den Tatort-Machern zurufen, wenn das Erste innerhalb weniger Wochen mehrere Fälle mit gleichem Thema sendet (etwa das Thema Menschenhandel, das in Stuttgart und eine Woche später in Hannover erzählt wurde, oder so wie jetzt: die Digitalisierung der Arbeit). Wie der Stuttgart-Tatort „HAL“ vom 28. August porträtiert der aktuelle Bremen-Tatort „Echolot“ eine Software-Firma, die Unvorstellbares erschaffen hat: einen digitalen Assistenten. 

An die Spannung von HAL“ reicht „Echolot“ allerdings nicht heran, da ihm die Originalität fehlt. Der Stuttgart-Tatort spielte schon mit den Sorgen der Zuschauer: Konkret ging es um die Sorgen, im Internet naiv auf eine fiese Masche hereinzufallen, ungewollt Daten von sich preiszugeben, permanent überwacht zu werden. Der Zuschauer war zwischen Bewunderung für die intelligente Software und Abscheu hin- und hergerissen. Weil der Zuschauer all das im Stuttgart-Tatort schon durchlebt hat, packt ihn die Geschichte aus Bremen nicht so richtig. Die Drehbuch-Autoren haben für die Start-up-Gründerin Vanessa Arnold cleverer Weise eine Tochter erfunden - gespielt von demselben Mädchen mit trotzig-traurigem Blick (Emilia Pieske), das wir aus dem dramatischen Kinofilm „24 Wochen“ mit Bjarne Mädel und Julia Jentsch kennen. Trotzdem bleibt der Effekt aus, dass Zuschauer mit diesem Mädchen mitfiebern, dass der Fall der toten Mama rasch aufgeklärt wird.  

Fehler Nummer 3: Ausgerechnet schwaches Bremen-Team lässt sich in ARD-Themenwoche pressen

Dass die ARD ausgerechnet das schwächelnde Bremen-Team in ihre Themenwoche gepresst hat, war ein Fehler. Der Stempel Themenwochen-Tatort hat bisher an keinem Fall gut ausgesehen. Starke Ermittlerteams wie Batic und Leitmayr aus München oder Borowski und Brandt aus Kiel hätten ihn dennoch besser dastehen lassen. 

„Zukunft der Arbeit“ heißt die ARD-Themenwoche 2016, die diesmal der Hessische Rundfunk, der Saarländische Rundfunk und Radio Bremen verantworteten. Von Sonntag, 30. Oktober, bis Samstag, 5. November, befassen sich Sendungen im Ersten, in allen dritten Programmen und in den Partnerprogrammen der ARD, im Radio und im Internet mit diesem Thema. Der Tatort „Echolot“ bildet den Auftakt der Themenwoche. 

Fehler Nummer 4 des Bremen-Tatort: Die letzte Szene

Zuschauer, die 89 Minuten den Bremen-Tatort „Echolot“ gucken - egal mit welchen Gefühlen - werden sich spätestens in der letzten Minute ärgern. Ein solches Schlussbild gehört nur in das Drehbuch einer überdrehten, märchenhaften Komödie. Das Schlussbild suggeriert, die Drehbuchautoren nähmen ihren eigenen Plot nicht ernst. Es wirkt, als wollten sie die Lächerlichkeit ihrer Idee noch einmal auf die Spitze treiben.

Schade für das sympathische und harmonierende Ermittler-Duo Lürsen/Stedefreund (wenn auch ein bisschen steif gespielt: Die Art, wie Lürsen eine Todesnachricht überbringt oder einen Döner isst - mit Plastikgabel - verdeutlicht das). Der neue Fall rutscht in die Liste der durchschnittlichen, verzichtbaren Tatorte. 

Sehen Sie den Bremen-Tatort „Echolot“ in der ARD-Mediathek

Der Fall „Die Wahrheit“ ist 30 Tage lang in der Mediathek abrufbar

Tatort: Das waren die vergangenen Fälle

„Fangschuss“ (Tatort aus Münster), „Borowski und das dunkle Netz“ (Tatort aus Kiel), „Nachtsicht“ (Tatort aus Bremen), „Tanzmariechen“ (Tatort aus Köln), „Der scheidende Schupo“ (Tatort aus Weimar), „Schock“ (Tatort aus Wien), „Wacht am Rhein“ (Köln-Tatort), „Land in dieser Zeit“ (Frankfurt-Tatort), „Klingelingeling“ (München-Tatort), „Wendehammer“ (Frankfurt-Tatort), „Sumpfgebiete“ (Polizeiruf mit Matthias Brandt), „Taxi nach Leipzig“ (1000. Tatort-Jubiläum), „Borowski und das verlorene Mädchen“ (Kiel), „Die Wahrheit“ (München-Tatort), „Zahltag“ (Dortmund-Tatort), „Der König der Gosse“ (zweiter Fall aus Dresden), "Feierstunde" (Tatort Münster mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl), "Wölfe" (Polizeiruf mit Matthias Brandt), "Und vergib uns unsere Schuld" (Polizeiruf mit Matthias Brandt), "Wir - Ihr - Sie" (Berlin-Tatort), "Das Recht, sich zu sorgen" (Franken-Tatort), "Fünf Minuten Himmel" (Freiburg-Tatort), "Mia san jetz da wo's weh tut" (Jubiläumsfall München-Tatort), "Ein Fuß kommt selten allein" (Münster-Tatort), "Der Preis der Freiheit" (Polizeiruf des RBB).

Neuer Bremen-tatort „Echolot“ am Sonntag auf Twitter

Wer über den Bremen- Tatort diskutieren will, kann das bei Twitter tun (#Tatort). Das Erste twittert unter eigenem Profil (@Tatort). Wir sind gespannt auf die Meinungen.

sah

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