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Anna Janneke (Margarita Broich), Paul Brix (Wolfram Koch, Mitte) und Nils (Jan Krauter).

TV-Kritik zum Fall "Wendehammer"

Drehbuchautoren des Frankfurt-Tatorts haben sich verzettelt

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Okay, ARD, in der zweiten Jahreshälfte hast du das Thema Überwachung in deiner Tatort-Reihe überstrapaziert. Und es hat die unentschlossenen Drehbuchautoren des Frankfurt-Tatorts überfordert. Die TV-Kritik. 

Die erste Viertelstunde des Frankfurt-Tatorts ist Regisseur Markus Imboden und den Drehbuchautoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller gut gelungen. Auf das große "Aber" gehe ich später ein. Ein junger Mann, Nils Engels, fühlt sich verfolgt, sogar von Tieren beobachtet. Er verbarrikadiert sich in seinem von Oma geerbten Haus, lässt alle Rollläden herunterfahren und schaut argwöhnisch auf zig Bildschirme, die Live-Bilder seiner Überwachungskameras zeigen, die er überall auf seinem Grundstück angebracht hat. Dann verschwindet sein Nachbar. Für die Krimischriftstellerin, die in derselben Sackgasse mit den Einfamilienhäusern lebt, ist der Fall natürlich Anlass für allerlei Spekulationen. Endlich passiert mal so etwas außerhalb ihrer Buchseiten. Die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) müssen sich über die Bewohner dieser Vorstadtsiedlung arg wundern. 

Der Tatort heute, "Wendehammer", erinnert an Tom-Hanks-Film "Meine teuflischen Nachbarn"

Anna Janneke (Margarita Broich, links), Paul Brix (Wolfram Koch) und Betti (Cornelia Froboess).

Die Anfangsszenen weisen Parallelen zu der herrlichen Komödie "Meine teuflischen Nachbarn" aus dem Jahr 1989 auf. Tom Hanks spielt darin den Pragmatiker Ray Peterson, der mit Frau (Carrie Fisher) und Sohn in einer gepflegten, ruhigen Vorstadtstraße wohnt und nicht glauben will, dass seine neuen Nachbarn, die Klopeks, den verschwundenen Besitzer des Pudels Queenie ermordet haben. Doch irgendwann steigert er sich zusammen mit den anderen Männern in der Straße in genau diese Vorstellung hinein. Wissen Sie was? Sie sollten "Meine teuflischen Nachbarn" am Sonntagabend schauen statt den Tatort. Davon haben sie ehrlicher Weise mehr. 

Anna Janneke (Margarita Broich, links), Frankie (Paul Lennard Sundheim, Mitte) und Vater Hark (Christoph Luser).

Die Unentschlossenheit der Drehbuchautoren des neuen Frankfurt-Tatorts nervt. Stephan Brüggenthies und Andrea Heller schwankten zwischen dem Vorsatz A "Wir erzählen eine bizarre Nachbarschaftsgeschichte" und dem Vorsatz B "Nach dem Stuttgart-Tatort 'HAL' (sehr gut!) und dem Bremen-Tatort 'Echolot' (eine Enttäuschung!) erzählen auch wir Frankfurter einen Tatort zum Thema Überwachungsgesellschaft". Statt sich für einen Erzählstrang zu entscheiden, hat das Autorenduo beide genommen. Das ist zu viel. Und trotzdem ist der Krimi langatmig. Die 90 Minuten ziehen sich zwischendurch wie Kaugummi in die Länge und man überlegt, ob man kurz in die Küche geht, eine Bluse für morgen Früh bügelt oder etwas anderes macht, während der Film vor sich hin plätschert.  

Will der Frankfurt-Tatort heute belustigen? Beängstigen? Er ist unentschlossen

Die Szenen ergeben kein rundes Ganzes, das enttäuscht. Vielen Zuschauern wird es unwichtig sein, ob sich der Fall "Wendehammer" aufklärt, oder nicht. Über den Tatort würde man am Montagmorgen nicht mit den Kollegen reden, wären da nicht die letzten zehn Filmminuten. Vielleicht schalten einfach um 21.35 das Erste ein.

Tipp an künftige Drehbuchautoren, die sich für das Thema Zukunft/Überwachung/Datensicherheit entscheiden: Schauen Sie die britische Science-Fiction-Serie "Black Mirror", dann wissen Sie, wie Sie sich diesem Thema auf düstere Erzählweise nähern können.

13 Fakten zu mehr als 1000 Folgen Tatort

Gab es in 1000 Tatorten 1000 Leichen? Welche Ermittler waren am häufigsten zu sehen? Und was war die kurioseste Todesursache? Und welcher Tatort ist der berühmteste? Das alles und noch viel mehr hat Kollegin Patricia Kämpf zum Jubiläums-Tatort gesammelt

Das waren die TV-Kritiken der vergangenen Tatort-Fälle

"Wacht am Rhein" (Köln-Tatort) "Klingelingeling" (München-Tatort), "Dunkelfeld" (Berlin-Tatort), "Sumpfgebiete" (Polizeiruf München), "Es lebe der Tod" (Wiesbaden-Tatort), "Taxi nach Leipzig" (Jubiläumstatort), "Das verlorene Mädchen" (Kiel-Tatort), "Echolot" (Bremen-Tatort), „Die Wahrheit“ (München-Tatort), „Zahltag“ (Dortmund-Tatort), „Der König der Gosse“ (zweiter Fall aus Dresden), "Feierstunde" (Tatort Münster mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl), "Wölfe" (Polizeiruf mit Matthias Brandt), "Und vergib uns unsere Schuld" (Polizeiruf mit Matthias Brandt), "Wir - Ihr - Sie" (Berlin-Tatort), "Das Recht, sich zu sorgen" (Franken-Tatort), "Fünf Minuten Himmel" (Freiburg-Tatort), "Mia san jetz da wo's weh tut" (Jubiläumsfall München-Tatort), "Ein Fuß kommt selten allein" (Münster-Tatort), "Der Preis der Freiheit" (Polizeiruf des RBB).

Video: 35-Sekunden-Trailer zum neuen Frankfurt-Tatort "Wendehammer"

sah

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