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Kein "gschissner Champagner", sondern Espresso aus Pappbechern: Das bekommen Franz und Ivo von ihren Kollegen zum Dienstjubiläum.

"Mia san jetz da wo's weh tut"

Tatort aus München: Wie gut ist der Krimi zum Jubiläum?

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München - Wie gut ist der Tatort aus München? Franz Leitmayr und Ivo Batic san jetz da wo's weh tut: Zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum müssen sie lernen, dass es manchmal besser ist, nichts zu machen.

Wenn zwei Hauptkommissare bei der Mordkommission seit 25 Jahren im Dienst sind, machen sie nicht mehr viele Fehler, sollte man meinen. Verdächtige verhören, die richtigen Fragen stellen, Zeugen auftreiben - alles Routine, alles schon tausend Mal gemacht. Die Folge: Mörder haben in München keine Chance - denn dort ermitteln Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec). In ihrem Jubiläumsfall "Mia san jetz da wo's weh tut" müssen sie das natürlich feiern und heldenhaft schnell den aktuellen Fall lösen.

Doch Glanz und Gloria gibt es nicht im neuen Tatort aus München, die Helden-Kommissare werden schnell demontiert. Nicht mal "an gschissnen Champagner" dürfen sie trinken. Es gibt nur Espresso aus Pappbechern.

Der Jubiläumsfall aus München beginnt mit dem Urteil in einem Gerichtsprozess. Reine Routine: Ein Mann hat seine Cousine umgebracht, eine rumänische Prostituierte. Er wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Fall abgeschlossen. Doch Ivo Batic beginnt zu grübeln. Warum hat der Verurteilte so schnell gestanden? Warum hat er nicht einmal versucht, sich zu verteidigen? Batic und Leitmayr schauen noch einmal in die Akten und stellen schnell fest: Sie haben einen Fehler nach dem anderen gemacht. Der Fall wird neu aufgerollt - ein erneuter großer Fehler. Denn aus diesem Fall hätten sich die Kommissare besser rausgehalten.

Tatort heute aus München: Einschalten oder nicht?

Ein Jubiläums-Tatort, der irgendwie keiner sein will: kein spektakulärer Fall, bei dem der Krimi neu erfunden wird, keine überragende Ermittlerleistung. Sondern eben das Gegenteil. Funktioniert das? Das tut es aus drei Gründen.

  • München sieht gar nicht aus wie München: In der Anfangssequenz des neuen Tatorts fragt man sich, ob man in der richtigen Stadt gelandet ist. Und wirklich: Ein paar Schnipsel aus einem rumänischen Armenviertel in Bukarest mischen sich unter einzelne Bilder aus München. Das wird aber erst später klar. Trotzdem sind es nicht die typischen Aufnahmen aus der Landeshauptstadt vom Olympiapark oder dem Marienplatz, auch die Frauenkirche ist nicht zu sehen, nicht mal aus der Ferne. Das tut dem Tatort gut. Denn typisch und erwartbar ist hier wenig.
  • "Mia san jetz da wo's weh tut" ist düster erzählt: Wenn München schon nicht wie München aussieht, haben auch Schickeria-Bilder dort nichts verloren. Alles liegt im Halbschatten, Augen sind fast nie als solche zu erkennen, sondern wirken eher wie schwarze Löcher in den Gesichtern. Und wenn Batic und Leitmayr durch einen dunklen Gang laufen, dann lässt sich auch das nur erahnen - denn die Tatort-Macher trauen sich, das einfach nicht auszuleuchten. Passt zu München, passt zum Tatort, passt zum Thema. Passt.
  • Die Musik: Im völligen Kontrast zur düsteren Erzählweise steht die Musik, die im Jubiläums-Tatort aus München überragend ist. Sie kann fast schon als eigenes Erzählelement angesehen werden: Etwa wenn man schon erahnen kann, dass gleich etwas Schlimmes passieren wird, die Musik dann aber nicht das übliche unheilverkündende Klaviergeklimper ist, das in solchen Krimi-Momenten gerne abgespult wird. Vielmehr ist die Musik fast fröhlich - und genau das macht das Schlimme noch schlimmer, zeigt einmal mehr, welch fatalen Fehler die Kommissare Batic und Leitmayr begangen haben, als sie den Fall um die ermordete Prostituierte aus Bukarest nochmal aufgerollt haben.

Fazit: Einschalten? Ja, unbedingt. Regisseur und Drehbuchautor Max Färberböck hat seine Geschichte gemeinsam mit der "echten" Polizei entwickelt. Es kommen tatsächlich tausende junge Mädchen jedes Jahr aus dem Ostblock allein nach München, um hier als Prostituierte zu arbeiten. Ein völlig neuer, ein völlig anderer Blick auf das sonst so schicke München. Gerade diesen düsteren Blick mit einem Jubiläums-Tatort zu verbinden, ist mutig. Die Rechnung geht aber auf, eben weil es genau das Gegenteil ist von Glanz und Gloria. Und der München-Fan kann eigentlich nur hoffen, dass Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec mindestens nochmal für 25 Jahre Ermittler bleiben... Auch wenn sie jetz da san, wo's weh tut.

Tatort heute aus München: "Mia san jetz da wo's weh tut" im TV

Der Jubiläumsfall der Münchner Kommissare läuft am Sonntag, 3. April, um 20.15 Uhr im Ersten und ist danach 30 Tage online abrufbar. Dort können Sie sich übrigens auch noch den Oster-Spezial-Tatort aus Freiburg mit Heike Makatsch anschauen.

So ist die Jubiläumsfolge beim Publikum angekommen

Tatort heute in München bei Twitter

Wer jetzt schon live über den Tatort mitdiskutieren will, kann das bei Twitter tun (#Tatort). Das Erste twittert unter eigenem Profil (@Tatort). Wir sind gespannt, wie die Meinungen sind! 

Einige unserer früheren Kritiken: "Der scheidende Schupo" (Tatort aus Weimar), "Schock" (Tatort aus Wien), "Wacht am Rhein" (Köln-Tatort), "Land in dieser Zeit" (Frankfurt-Tatort), "Klingelingeling" (München-Tatort), "Wendehammer" (Frankfurt-Tatort), "Sumpfgebiete" (Polizeiruf aus München), "Taxi nach Leipzig" (1000. Tatort-Jubiläum), "Borowski und das verlorene Mädchen" aus Kiel, "Echolot" aus Bremen, "Feierstunde" aus Münster, "Ein Fuß kommt selten allein" aus Münster.

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