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Sie stehen für den Münchner Tatort: Die Schauspieler Udo Wachtveitl (Kommissar Leitmayr, l.) und Miroslav Nemec (Kommissar Batic).

Im Interview mit dem Münchner Merkur

"Der Tatort ist ein Rennpferd und kein Ackergaul"

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München - Udo Wachtveitl (Franz Leitmayr) und Miroslav Nemec (Ivo Batic) zeigen auch nach einem Vierteljahrhundert immer noch vollen Einsatz bei der Mörderjagd im Tatort von heute. Im Interview mit dem Münchner Merkur blicken sie zurück auf die gemeinsamen Jahre.

"Mir san jetz da, wo's weh tut", lautet der Titel ihres 72. Falls, zu sehen an diesem Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD - wir verraten Ihnen hier, ob sich das Einschalten lohnt. Garantiert ohne Spoiler!

In Ihrem Gespräch mit dem Münchner Merkur blicken Udo Wachtveitl (57), der Franz Leitmayr spielt, und Miroslav Nemec (61), der als Hauptkommissar Ivo Batic im Tatort zu sehen ist, auf die 25 Dienst-Jahre vor der Kamera zurück.

Stimmt es dass Sie dachten, als Sie damals vom BR zum Casting eingeladen wurden, nur einer von Ihnen würde genommen?

Miroslav Nemec: Ja, das stimmt. Meine Agentur hat mich angerufen und gesagt, dass der BR einen neuen Tatort-Kommissar sucht und ich dafür in Frage komme. Dann rief mich der Udo an und sagte: "Du, wir sind da beide eingeladen, wie findest Du das?" Ich habe gesagt: Wir gehen auf jeden Fall hin, da gibt’s umsonst etwas zu essen. Das war natürlich ein Scherz!

Udo Wachtveitl: Wir sind beide von der klassischen Paarung eines soignierten älteren Herrn und seines jungen Assistenten ausgegangen. Und da wir damals in unseren Dreißigern waren, was ja heute nicht mehr der Fall ist, dachten wir, dass es um diese Assistentenrolle geht. Ich fand’ das blöd, dass die uns gegeneinander antreten lassen. Ich wollte den Termin sogar boykottieren, aber dann wäre der Miro allein hingegangen. Und als wir gemerkt haben, dass der BR uns beide will, wurde es doch noch lustig.

Sie kannten sich vorher schon?

Wachtveitl: Kaum!

Nemec: Flüchtig!

Und was war Ihr Eindruck voneinander?

Wachtveitl: Ich fand', dass er – es ging ja um einen bayerischen Kommissar – bei diesem Vorsprechen auf etwas übertrieben bajuwarisierende Art ein alkoholfreies Bier bestellt hat. Und ich dachte: Merkwürdig, so redet man doch eigentlich nicht.

Nemec: Er mag mein Freilassinger Bairisch nicht. Aber wahrscheinlich habe ich das nur gesagt, damit ich die Rolle kriege.

Wachtveitl: Vielleicht wolltest Du wirklich nur ein Bier bestellen. Halt so besonders bairisch.

Tatort heute aus München: Es gab auch mal Streit zwischen Wachtveitl und Nemec

Gab’s in all den Jahren auch einmal ernsthaft Streit zwischen Ihnen?

Wachtveitl: Ja!

Nemec: Ja!

Woran hat sich der entzündet?

Wachtveitl: Es ging um ein Drehbuch, darum, wie man seine Qualität beurteilt, und um die Strategie, mit diesem Buch umzugehen. Mehr können wir dazu nicht sagen.

Auch nicht, um welches Buch es sich gehandelt hat?

Nemec: Nein.

Es ist aber verfilmt worden?

Nemec: Es ist dann in anderer Form und zu einem späteren Zeitpunkt verfilmt worden, ja.

In letzter Zeit, so kommt es einem vor, bestehen neue Ermittlerteams aus extrem gegensätzlichen Charakteren, die sich buchstäblich erst zusammenraufen müssen. Wie hat man damals Ihre Rollen definiert?

Nemec: Naja, das lag schon dicht an unseren Biografien. Er (deutet auf Wachtveitl), Münchner, Kopfmensch, ich Bayer mit Migrationshintergrund, Bauchgefühl. So in etwa waren unsere Figuren angelegt. Wir haben das dann im Laufe der Jahre verändert, bereichert oder präzisiert, um vom Klischee wegzukommen. So etwas kann man ja nur in der konkreten Situation kreieren, anhand von Szenen eines Drehbuchs.

Wachtveitl: Die Glaubwürdigkeit einer Figur ist eine Balancefrage. Natürlich hat jeder Schauspieler unverwechselbare Eigenschaften, angefangen bei seinem Gang, seiner Sprechweise, die er in seine Rolle einbringt. Und dann gibt es das Rollenkorsett, das man aber nicht so eng schneidern darf, dass die Figur nichts Lebendiges mehr hat. Deswegen kann es schon mal passieren, dass der Leitmayr ausflippt und völlig überraschend einem Verdächtigen eine runterhaut (in "Der Wüstensohn", Red.), obwohl doch der Nemec derjenige ist, der schon die ganze Zeit gekocht hat.

Nemec: Das stand ursprünglich auch nicht im Drehbuch. Das hat sich der Udo gewünscht.

Viele Tatorte werden ja mittlerweile linear erzählt, das heißt, die Kommissare offenbaren nach und nach ihre Lebensgeschichte. Hätten Sie sich das für Batic und Leitmayr rückblickend auch gewünscht?

Nemec: Wir haben damals gemeinsam die Figuren entworfen anhand von Biografien, Klamotten, Verhaltensweisen und so weiter, aber die Weiterentwicklung spielte in den ersten Büchern keine so große Rolle, und dabei ist es dann geblieben.

Wachtveitl: Es gab da schon die Idee, in der Figur Leitmayr etwas über die typisch münchnerische Schickimicki-Szene zu erzählen. Der sollte da hineinschnuppern und eine Freundin haben, durch die er sich verleitet sieht, einen Porsche zu kaufen, den er sich nicht leisten kann. Damit hätte man schön spielen können, mit den ständig ölverschmierten Fingern und der Frau, der es manchmal peinlich ist, dass ihr Freund Polizist ist und kein Rechtsanwalt. Aber das wurde nicht so umgesetzt wie ich es mir gewünscht hätte, und so haben wir das wieder fallen lassen.

"Tatort ist ein Rennpferd, das man auch wie ein Rennpferd behandeln sollte"

Im Jahr 1991 gab’s ungefähr zehn Tatort-Teams, inzwischen sind es über 20. Schadet das aus Ihrer Sicht der Marke?

Nemec: Es gibt ja nicht nur mehr Tatorte, sondern überhaupt mehr Krimis, die Samstagskrimis im ZDF, die Schwedenkrimis, die Sokos. Ich frage mich, ob es überhaupt noch Kollegen gibt, die keinen Kommissar spielen.

Gibt es zu viele Tatort-Teams?

Wachtveitl: Ich geb's zu, ich habe ein bisserl den Überblick verloren. Ich sehe eine Ermüdungsgefahr vor allem durch die vielen Wiederholungen. Das hat natürlich auch mit der ökonomischen Situation der Rundfunkanstalten zu tun. Der Tatort ist halt ein Quotenbringer. Lassen Sie es mich mit einer Metapher sagen: Der Tatort ist ein Rennpferd, das man auch wie ein Rennpferd behandeln sollte und nicht wie einen Ackergaul, der den Karren aus jedem Quotenmatsch zieht.

Gab es einen Moment, an dem Sie ins Nachdenken darüber gekommen sind, ob Sie für immer Tatort machen oder besser sofort aufhören, um dieser Schublade zu entkommen?

Nemec: Bei mir hat sich die Frage nie wirklich gestellt, weil ich zum Glück ausreichend andere Angebote bekommen habe, die ich ganz bewusst als Gegengewicht zum Tatort angenommen habe. Und über die Sachen, die mir wegen des Tatorts nicht angeboten wurden, kann ich nichts sagen, weil ich sie nicht kenne. Ich habe nie das Gefühl gehabt, in einer Schublade zu stecken.

Wachtveitl: Der Tatort ist ein zweischneidiges Schwert. Man wird in dieser Rolle von den Zuschauern wahrgenommen, aber auch von Produzenten und Regisseuren, was sich positiv auf das Rollenangebot auswirkt. Ich glaube, dass wir viele Rollen bekommen haben, weil man uns vom Tatort kannte und den Popularitätsrahm abschöpfen wollte, was ja legitim ist.

Viele Zuschauer aus München und Oberbayern werfen dem Tatort vor, zu wenig münchnerisch zu sein...

Wachtveitl: Naja, die Stadt ist schon anders, als es das Fremdenverkehrsamt gerne hätte. München ist ja nicht nur Oktoberfest, Viktualienmarkt und Gemütlichkeit, es ist ja auch eine ganz normale bundesrepublikanische Großstadt, und insofern entspricht es sogar einem gewissen Realismus, dass man München auch als solche abbildet.

Nemec: Das mag eine Zeit lang gestimmt haben, aber das hat sich in den vergangenen Jahren wieder geändert. Und man darf ja auch nicht vergessen, dass, wie am Anfang schon angesprochen, die Kommissare hier echte Bayern sind. In vielen anderen Tatort-Städten sind die Ermittler Zugereiste.

Wachtveitl: Aber was den Dialekt betrifft, ist die Kritik gerechtfertigt. Es gibt Regisseure, die nicht den Unterschied zwischen Bairisch und Österreichisch kennen.

Es gibt das Gerücht, dass nicht zu viel Münchner Dialekt gesprochen werden darf, auch wenn die Darsteller es könnten.

Nemec: Sagen wir mal so: Es gab mal eine Weisung, dass man beim Münchner Tatort die Zuschauer und Gebührenzahler in Schleswig-Holstein doch bitte auch im Blick behalten soll.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Sie haben noch nicht genug? Hier erfahren Sie alles, was Sie zu den Tatort-Kommissaren Batic und Leitmayr wissen müssen.

Das Jubiläum im Fernsehen

Das Bayerische Fernsehen feiert das Jubiläum an diesem Samstag ab 20.15 Uhr mit einer Tatort-Nacht. Zu sehen sind "Frau Bu lacht" (1995), "Außer Gefecht" (2009), "Im freien Fall" (2001) und "Die chinesische Methode" (1991).

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