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Frisches Blut für Köln

Tatort "Kartenhaus": Casterin Uhlig stellt ihre Stars vor

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München - Castingdirektorin Gitta Uhlig hat für den ­Tatort "Kartenhaus" wunderbaren Schauspieler gefunden. Die tz sprach mit der Hamburgerin über ihre Arbeit und die Besetzung.

Kein Krimi im klassischen Sinn, eher ein Sozial­drama mit mehr als nur einem Hauch Bonnie und ­Clyde – das war der "Tatort: Kartenhaus" vom WDR (Buch: Jürgen Werner, Regie: Sebastian Ko) am Sonntagabend. Während so manche Folge aus Köln zuletzt nur so lala überzeugen konnte, war dieser Fall für Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) mal wieder ein echtes Highlight. Wobei das weniger an den Kommissaren lag als vielmehr an den Episodenhauptrollen. Ruby O. Fee und Rick Okon gaben dieses junge, schöne, verliebte, naive Pärchen so großartig, dass es eine Freude war, ihnen zuzuschauen. Dazu Bettina Stucky als runtergerockte Plattenbau-Mutter – eine Wucht!

Gesucht und für diesen ­Tatort gefunden hat all diese wunderbaren Schauspieler die Castingdirektorin Gitta Uhlig. Die tz sprach mit der Hamburgerin über ihre Arbeit.

Frau Uhlig, Sie sind immer auf der Suche nach tollen Schauspielern. Wie werden Sie fündig?

Gitta Uhlig.

Gitta Uhlig: Ich verbringe sehr viel Zeit im Theater, im Kino und vor dem Fernseher – und ich liebe es! Selbst wenn ich ins Badezimmer gehe, schaue ich nebenbei fern – ­übrigens nicht nur Filme, sondern auch Sendungen wie das Dschungelcamp oder Germany’s next Topmodel. Da kann auch mal jemand dabei sein, den man für einen kleinen Auftritt besetzen kann. Die meiste Zeit meiner Arbeit geht aber ins Lesen der Drehbücher. Wenn ich einen Auftrag bekommen habe, lese ich das Buch vier-, manchmal fünf- bis sechsmal. Damit verbringe ich meine Sonntage (lacht).

Worauf achten Sie am meisten?

Gitta Uhlig: Ich möchte mich wirklich in jede Rolle hineinversetzen und achte vor allem darauf, was ein Schauspieler spielen muss. Was muss er sagen, welche Emotionen werden transportiert, wie ist das soziale Umfeld beschrieben und so weiter. Und dann setze ich mich hin und überlege, welche Vorschläge ich dem Regisseur, dem Produzenten und der Redaktion unterbreiten möchte.

Kommen denn nicht auch oft Regisseure mit konkreten ­Besetzungswünschen?

Gitta Uhlig: Das kommt auch vor, natürlich. Und das ist auch spannend, aber in diesem Fall, bei dem Tatort, über den wir sprechen, kann ich behaupten: Abgesehen von den Kommissaren haben wir alle gefunden (lacht). Das Schöne war, dass sich der Regisseur Sebastian Ko für viele Vorschläge inte­ressiert hat und offen war.

Müssen die Schauspieler, die Sie vorschlagen, dann noch ein Casting ­machen?

Gitta Uhlig: Das entscheiden wir von Fall zu Fall. Gerade bei jüngeren Schauspielern wird oft noch zusätzlich gecastet, weil gar nicht so viel Material vorhanden ist, das sich die Verantwortlichen anschauen können.

Gehen wir die Stars aus dem „Tatort“ der Reihe nach durch. Wie sind Sie auf Ruby O. Fee aufmerksam geworden?

Gitta Uhlig: Ich mache diesen Beruf seit 20 Jahren und habe von Anfang an – anders als andere Caster – Kinder und Jugendliche mit gecastet. Ruby hat schon in einigen Produktionen mitgespielt, auch schon in einem Tatort (die Stuttgarter Folge „Happy Birthday, Sarah“, 2013, Anm. d. Red.). Ich kenne sie also schon recht lange. Ich dachte sofort an sie, als ich für diesen Tatort ein feenhaftes, hübsches, aber doch auch ein bisschen verrücktes Mädchen aus gutem Hause gesucht habe. So eine Grenzgängerin. Ruby hat einfach dieses Aussehen, wo man sagt: Wow! Auf der anderen Seite hat sie noch dieses Pubertär-Naive, das sie in einem halben Jahr vielleicht schon nicht mehr hat. Wir haben sozusagen ­einen guten Moment in ihrer persönlichen Entwicklung gefunden und eingefangen.

Das gilt auch für Rick Okon, der den Adrian Tarrach gespielt hat, oder?

War von seinem Team begeistert: „Tatort“-Debütant und Regisseur Sebastian Ko (r.).

Gitta Uhlig: Ja. Für Rick brennt mein Herz schon ewig (lacht). Ich habe ihn schon in vielen Filmen besetzt und finde es unglaublich, was dieser junge Mann kann, wie er aussieht, wie professionell er ist. Der macht mich selbst immer noch sprachlos. Als es um seine Rolle ging, gab es allerdings die Diskussion, ob man ihm glaubt, dass er aus einem „Ghetto-Umfeld“ kommt. Meine Argumentation war, dass nicht alle Menschen aus der unteren sozialen Schicht blass und negativ aussehen. Ich habe gehofft, dass er die Rolle bekommt und Gott sei Dank hat er im Casting dann überzeugt. Ich denke, diese Rolle ist seine mit Abstand beste bisher.

Wie schwierig war es, die Rolle seiner Mutter zu besetzen? Es ist nicht gerade schmeichelhaft für eine Schauspielerin, wenn es heißt: Wir suchen eine dickliche, ungepflegte Frau, die in einem Plattenbau lebt und Kette raucht …

Gitta Uhlig: Ja, aber das sind die Rollen, bei denen Schauspieler etwas zu spielen haben! Und für diese Rollen braucht man Schauspieler, die es können. Ich kenne Bettina Stucky seit vielen Jahren vom Theater und bewundere sie. Ihre Stimme, ihre Art … Sie ist großartig. Auch Sebastian Ko war sofort hin und weg und dankbar für den Vorschlag. Und genau dafür sind wir Caster ja da.

Julika Jenkins als Mutter von Ruby und Ehefrau des Opfers ist eine vergleichweise kleine Rolle, aber auch die sitzt. 

Gitta Uhlig: Danke. Julika ist eine handwerklich versierte Schauspielerin, die ganz feine Nuancen spielen kann. Das war gerade in diesem Fall wichtig. Für meinen Geschmack sieht man sie viel zu wenig im deutschen Fernsehen.

Wer weiß – vielleicht sieht man sie und die anderen Kollegen aus dem „Tatort“ nun ­öfter?

Gitta Uhlig: Das wäre natürlich schön! Und wer, wenn nicht der Tatort, kann es sich leisten, neue Gesichter besetzen?! Ich freue mich jedenfalls immer, wenn es nach einem Film heißt: Diese Schauspielerin oder diesen Schauspieler würden wir gerne öfter sehen. Das ist ein Kompliment für meine Arbeit.

Ruby O. Fee

Gerade mal 20 Jahre alt und auf dem Weg nach ganz oben: Ruby O. Fee wuchs in Brasilien auf und landete mit zwölf Jahren mit ihrer Mutter in Berlin. 2013 spielte sie in Detlev Bucks Kinoerfolg Bibi und Tina die Sophia von Gelenberg. Kinohauptrollen in Als wir träumten und Gespensterjäger folgten.

Rick Okon

Sein TV-Debüt gab der 26-Jährige 2006 im Großstadtrevier (ARD). Danach spielte Okon in vielen Episoden deutscher Krimiserien wie Soko, Die Chefin, Kommissarin Heller und auch in diversen Tatorten. Bemerkenswert war seine Rolle im TV-Krimi Operation Zucker. Jagdgesellschaft. Im Tatort: Kartenhaus zeigte Okon gestern aber seine wohl bisher beste Leistung.

Julika Jenkins

Der 44-jährige Theaterstar absolvierte die Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München und begeisterte in Inszenierungen an den Kammerspielen und der Volksbühne Berlin. Im Fernsehen spielte Jenkins in zahlreichen Tatorten und u. a. in Markus O. Rosenmüllers Die Holzbaronin. Mit Kollege Arnd Klawitter hat Julika Jenkins einen kleinen Sohn.

Bettina Stucky

Die Schweizer Schauspielerin Bettina Stucky glänzt als sozialer Pflegefall im Tatort: Kartenhaus. 2007 erhielt sie den Schweizer Fernsehpreis als beste Hauptdarstellerin in Tod in der Lochmatt. Die 46-Jährige spielte in der Martin Suter Romanverfilmung Der letzte Weynfeldt (2010) und war in der TV-Serie Der Tatortreiniger und im Kinofilm Das kleine Gespenst zu sehen.

Stefanie Thyssen

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