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Eine Szene des Tatorts „Borowski und das verlorene Mädchen“.

Kritik zum neuesten Fall

Tatort Kiel: Kein Krimi, aber großes Drama

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München - Am Sonntag zeigte die ARD den Tatort „Borowski und das verlorene Mädchen“ - ein Fall aus Kiel. Hier lesen Sie die Kritik.

Lesen Sie hier, wie unsere Autorin Patricia Kämpf den Kiel-Tatort bewertet.

Zu konventionell, zu extravagant, zu vorhersehbar, zu konstruiert, zu lustig, zu deprimierend. So ein Tatort hat’s wirklich nicht leicht. All­wöchentlich soll er die treue Fangemeinde unterhalten, gesellschaftsrelevante Themen aufgreifen und dabei bitte schön nicht langweilen. Eine Anforderung, die der Tatort: Borowski und das verlorene Mädchen über weite Strecken souverän meisterte.

Dabei präsentierte sich die Geschichte eingangs recht sperrig. Die 17-jährige Julia (Mala Emde), vom eigenen Bruder mit Kabelbindern an ein Heizungsrohr gefesselt, befreit sich und irrt durchs triste Kiel. Sie rennt zur Wohnung einer Mitschülerin, alarmiert die Polizei in der festen Überzeugung, dass ihr Bruder einen Mord begangen hat. Das Motiv? Drogen, Erpressung – das ­Übliche eben. Doch Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) haben es keineswegs mit einem „ganz normalen Fall“ zu tun. Die Mitschülerin wird zwar tatsächlich tot aus der Kieler Förde gefischt, aber ihr gewaltsames Ableben ist in diesem Krimi, der eigentlich ein TV-Drama ist, nur Staffage.

Es geht um Julia, das Mädchen, das seine eigene Familie an den Pranger stellt, das sich in der westlichen Konsumwelt verloren und ohne Werte fühlt. Sie konvertiert zum Islam und findet eine religiöse Heimat bei Salafisten, die sie in ein vom Islamischen Staat ­kontrolliertes Gebiet schicken wollen. Julia wird zum Spielball von Staatsschutz und religiösen Fanatikern. Regisseur Raymond Ley und seine Frau Hannah haben gemeinsam das Drehbuch von Charlotte I. Pehlivani über­arbeitet. Und obwohl die Geschichte voll gepackt ist mit Vorurteilen, Zweifeln und Konflikten, wird sie spannend und unangestrengt erzählt. Vielleicht, weil Ley darauf verzichtet, den moralischen Zeigefinger zu heben. Stattdessen wird klar: Die Verlogenheit, sie regiert in beiden Welten. Dass man „dem verlorenen Mädchen“ knapp 90 Minuten bei seiner verzweifelten Sinnsuche zuschauen mag, ist Mala Emdes Verdienst. Ihre Präsenz und Ausdruckskraft transportiert sich ohne große Worte. In einem Moment mädchenhaft verletzlich, im nächsten erfüllt von kämpferischer Stärke – Emde fesselt als junge radikalisierte Deutsche, die sich nichts sehnlicher als Halt und Struktur in ihrem Leben wünscht. Regisseur Ley tut gut daran, seiner Protagonistin viel Platz im Kieler Tatort einzuräumen. Er drapiert die Ermittler (in einer Gastrolle: Jürgen Prochnow) geschickt um dieses Mädchen, das sich, und auch das ist konsequent, am Ende selbst richtet. Ach ja, das erste Mordopfer (fast hätten wir’s vergessen) wurde von einer gedemütigten Klassenkameradin getötet. Das ­Übliche eben.

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