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Gefangen im Lügengebäude: Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) und Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg).

Tatort-Kritik

Schmaler Grat zwischen normal und verrückt

Kiel - „Warum morden wir nicht? Ist das Böse nicht auch in uns?“ – Kommissar Klaus Borowskis (Axel Milberg) raunende Worte in einer Vorlesung vor Polizeischülern muten an wie ein Menetekel.

Noch während er spricht, so scheint’s, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die deutlich machen, wie schmal der Grat ist zwischen harmlos und gefährlich, normal und verrückt, Glück und Unglück.

Abweichend vom üblichen Krimischema stellt Drehbuchautor Sascha Arango im jüngsten Kieler „Tatort“ (ARD) mit dem Titel „Borowski und der Engel“ die „Täterin“ von Anfang an in den Mittelpunkt – und schafft so eine Geschichte, die gut gearbeiteter Krimi ist, aber mehr noch vielschichtiges Psychogramm einer jungen Frau, die den Tod bringt, ohne sich dabei als angsteinflößendes Monster zu präsentieren. Lavinia Wilson spielt mit beeindruckender Präzision die Altenpflegerin Sabrina Dobisch, die ein ganz und gar gestörtes Verhältnis zur eigenen Persönlichkeit hat, deren tiefe, unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit Entschlüsse gebiert, die drei ihr völlig fremde Menschen das Leben kosten.

Bei aller Ernsthaftigkeit der Beschäftigung mit dieser „Borderlinerin“ bewahrt Arango den Sinn für die Absurdität seines Szenarios rund um einen bizarren Autounfall und seine weitreichenden Folgen. Dobisch lügt, am Ende sind es, Ironie des Schicksals, die Lügen der anderen – oder Wahrheiten, die sich wie fantasievolle Lügen anhören – die sie zur Strecke bringen.

Zu diesem Plot passt das Personal, das Regisseur Andreas Kleinert kongenial in Szene setzt. Die steinreichen Eltern (Victoria Trauttmansdorff und Horst Janson) des überfahrenen Pianisten, die verzweifelte Todesfahrerin (Leslie Malton), der trauernde Lehrer und Geliebte des jungen Mannes (Bruno Cathomas) – alle leicht exaltiert, aber nur genau so viel, dass die Geschichte nicht in die Farce kippt.

Kaum ein anderer „Tatort“-Kommissar scheint für einen Fall wie diesen so geeignet wie Milbergs Borowski, der Grübler mit der sanften Stimme, der ruppig sein kann und gleich wieder charmant. Borowski und seine von Sibel Kekilli gespielte Kollegin Sarah Brandt erden diesen Krimi durch solide Ermittlungsarbeit – und zeigen nebenbei ganz unangestrengt, was der Unterschied ist zwischen feinem Humor und platter Albernheit. Großartig.

Rudolf Ogiermann

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