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Keine Zeit, sich um ihr Kind zu kümmern: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) mit David (Julian Birdal).

Tatort-Kritik: Ein Abgrund von Kindesmissbrauch

München - Im Tatort "Der letzte Patient" muss sich Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) um eine besonders schlimmes Thema kümmern: Kindesmissbrauch.

„Scheiße, ich hab’ meinen Sohn vergessen!“ Selten war die spröde Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) so desorientiert wie in diesem „Tatort“ (ARD). Mehr als der Mord an einer Ärztin, den sie in „Der letzte Patient“ aufzuklären hatte, warf sie zunächst der plötzliche Auszug ihres besten Freundes Martin (Ingo Naujoks) aus der Bahn. Die Begegnung mit der örtlichen Ermittlerin Anja Dambeck (Christina Große), die ihr perfektes Familienglück vorführte, tat ein Übriges, die Psyche der üblicherweise eher taffen LKA-Kommissarin anzuknabbern.

Subtil und schlüssig verwoben Astrid Paprotta (Buch) und Friedemann Fromm (Regie) den Fall mit der persönlichen Situation der Ermittler. Denn das Drama einer einsamen Medizinerin und ihrer privaten „Kundschaft“ war nur die Oberfläche, unter der ein Abgrund von Kindesmissbrauch unterschiedlichster Art gähnte. Hier die „Dressur“ der lieben Kleinen, dort deren eklatante Vernachlässigung und – am schlimmsten – die perfide „Vermietung“ Halbwüchsiger an Pädophile, mit der sich ein (Pflege-)Elternpaar eine familiäre Scheinidylle erkaufte.

Mit einfachen Mitteln machte Regisseur Fromm ein komplexes Netz von Abhängigkeiten sichtbar – zwischen Vätern und Müttern, Eltern und Kindern, Chefs und Kollegen, (Jugend-)Amt und Bürgern. Unverbrauchte, schnörkellos agierende Schauspieler, allen voran Joel Basman als jugendliches Missbrauchsopfer und Jan Messutat als Päderast, machten „Der letzte Patient“ zu einem herausragenden Krimi. Eine Befund des Regisseurs wird über den Fall hinaus der Kommissarin aus Hannover anhaften – dass es eine wirklich enge Bindung zu ihrem Kind nie gab und wohl auch in Zukunft nicht geben wird.

Rudolf Ogiermann

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