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Mit dem Leben davongekommen, weil das Magazin des Killers leer war: Polizist Karl Bindmayer (Johannes Silberschneider), hier mit den Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser).

Kritik: Leichen-Rekord beim Wiener "Tatort"

Der neueste Wiener „Tatort“ befremdet durch 15 Leichen, aber mehr noch durch die Ressentiments, die er schürt. Lesen Sie hier die aktuelle Tatort-Kritik:

Die Grippe ist das entspannende Element in diesem Krimi. Rote Nasen und Taschentücher, in die leidenschaftlich hineintrompetet wird, begleiten den Zuschauer vom Anfang bis zum Ende, schaffen in manchen Momenten eine zarte Komik, die diesem Film nicht schlecht steht. „Kein Entkommen“, der Titel des jüngsten „Tatort“ aus Wien, lässt sich ja durchaus auch auf die unter den Protagonisten grassierende Influenza beziehen.

Doch damit hat sich die Gemütlichkeit auch schon. Regisseur und Drehbuchautor Fabian Eder hat mit dieser Krimifolge einen Politthriller geschaffen, der das Publikum, vor allem das österreichische, ganz offensichtlich polarisieren soll. Dafür sprechen die insgesamt 15 Leichen (siehe auch Kasten), aber vor allem der Hass, mit dem hier ans blutige Werk gegangen wird. Eder, der auch hinter der Kamera saß, lädt die Hatz serbischer Kriegsverbrecher auf einen „Verräter“ bis zum Exzess mit Emotionen auf. Da wird aus allen Rohren und ohne Rücksicht auf Verluste geballert – im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch die Action ist nur ein Teil des Ganzen. Der Regisseur schürt mit Fleiß die Ressentiments – auf beiden Seiten. Da darf ein junger Killer auf Serbisch die österreichischen Polizisten beschimpfen und beleidigen, und bei der nächsten Gelegenheit gibt Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die Assistentin von Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) zu Protokoll, sie werde im Falle eines Falles ohne Warnschuss das Feuer eröffnen. Auch ihr Chef bringt einen Angreifer mit einem gezielten Schuss zur Strecke.

Nicht der Thrill ist das Ziel, sondern der Knall, der beim Zusammenprall der Ethnien entsteht. Darüber vergisst der Regisseur manchmal die Gesetze der Logik, lässt beispielsweise den Verfolgten (Christoph Bach), seine Frau und seinen Sohn in einer hell erleuchteten Villa mit viel Glas „verstecken“. Auch das Finale ist unglaubwürdig. Der zuvor zur Bestie stilisierte Chef des Mordkommandos würde sich wohl niemals der Polizei ergeben.

Dass es sich ausgerechnet um einen Kinderarzt handelt, ist eine besonders perfide Pointe. Soll wohl heißen: „Das Böse ist überall“. Das signalisiert auch der offene Schluss – zwei finstere Typen, die zum nächsten Attentat zu schreiten scheinen. Nur selten, zu selten hört man Zwischentöne – wenn der Vater eines der Mörder seinen Sohn betrauert, der sich den serbischen Extremisten anschloss, obwohl er doch „hier geboren“ ist.

Mag sein, dass Fabian Eder mit „Kein Entkommen“ einen Diskussionsbeitrag zur Aufarbeitung des Balkankrieges liefern wollte. Doch sein Krimi dämonisiert ein ganzes Volk. In Deutschland mag man das gestern Abend aus einer gewissen Distanz gesehen haben. In Österreich dagegen wird es viele Zuschauer geben, die nun – Fiktion hin oder her – „Genau so ist es!“ denken. Und diese Überzeugung wird vermutlich länger von ihnen Besitz ergriffen haben als die hartnäckigste Grippe.

Rudolf Ogiermann

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