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Die Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) und ihr neuer Kollege Lessing (Christian Ulmen).

Aus Weimar

Tatort-Kritik: So war "Die Fette Hoppe"

Weimar - In 86 Prozent der deutschen Familien kommt es über die Weihnachtsfeiertage zu Streit. Natürlich kennen auch die Verantwortlichen beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) diese Zahl – und haben bei der Gestaltung des ARD-„Tatort“ Rücksicht darauf genommen.

Wenn die Nerven der Zuschauer am Abend des zweiten Weihnachtstags sowieso blank liegen, dann dürfen wir sie mit „Die Fette Hoppe“ nicht noch zusätzlich unter Spannung setzen. Das mag so ein Gedanke gewesen sein, der die Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger sowie Regisseurin Franziska Meletzky, die Macher dieses „Tatort“-Debüts aus Weimar, umgetrieben hat.

In der Tat – würden es die tatsächlichen Witterungsverhältnisse nicht verbieten, müsste man schreiben, dass die Geschichte um das Verschwinden der Weimarer Wurstkönigin Brigitte Hoppe dahinrieselt wie einst der Schnee an Heiligabend. Rasch ist hier klar, dass die Frau, die „anstelle eines Herzens nur einen Geldbeutel hat“ und die verantwortlich ist für die beste Bratwurst Thüringens, die „Fette Hoppe“, Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Doch knisternde Spannung können daraus weder Drehbuch noch Regie schlagen.

Meletzky inszeniert erwartbar bis betulich. Sie blickt über Unwahrscheinliches gelassen hinweg (eine Fremdenführerin, die in High Heels Touristen übers Kopfsteinpflaster führt?) und kramt selbst den abgehangenen Bluff mit den Schuhen hinterm Vorhang, die scheinbar den Flüchtigen verraten, aus dem Krimibaukasten hervor. Tatsächlich: Hier wollte man dem Zuschauer keinerlei Aufregung zumuten.

Dazu passend ist Philip Peschlows Bildgestaltung. Von der bleibt in Erinnerung, dass er während eines Gesprächs zwischen dem verdächtigten Sohn der Verschwundenen und den beiden Kommissaren diese Gruppe zwei (!) Mal mit der Kamera umkreist. Beinahe schwindelt einem vor dem Bildschirm. „Die Fette Hoppe“ tuckert so gemütlich dahin wie das Wohnmobil, mit dem Kommissar Lessing zum Dienstantritt in die Goethe-und-Schiller-Stadt rollt. Es sind vielmehr Namens- und Wortspielereien wie dieser Dichterdreiklang oder manch schnoddrige Dialogzeile, die den Reiz dieses Films ausmachen.

Mit Christian Ulmen als Lessing und Nora Tschirner als dessen Kollegin und hochschwangere Lebenspartnerin Kira Dorn (die Schauspielerin erwartete während der Dreharbeiten tatsächlich ein Kind) hat der MDR die ideale Besetzung gefunden. Seit sie sich vor zehn Jahren bei MTV und der Sendung „Ulmens Auftrag“ kennenlernten, haben Tschirner und Ulmen immer wieder miteinander gearbeitet. Sie sind eingespielt. Und beiden liegen pointierte, schlagfertig vorgetragene Wortwechsel ebenso wie gehobener (Sprach-)Nonsens. Da wird dann etwa das Wiesel, das unter der Motorhaube ums Leben kam, zum „Selbstmarder“. Das ist komisch, unterhaltsam – und eine neue Farbe im „Tatort“-Deutschland.

Und genau das macht Lust auf die zweite Episode mit diesem Duo, die gerade in Auftrag gegeben wurde. Schließlich war Weihnachten aufregend genug. Übrigens ist die eingangs genannte Prozentzahl ebenso ausgedacht wie die Statistiken, die Lessing im Film ständig zitiert.

Michael Schleicher

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