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Grandios in seinem Minimalismus: Lars Eidinger als Mörder in der „Tatort“-Folge „Borowski und der stille Gast“. 

TV-Kritik: Obsessionen eines Postboten

Kieler Tatort beklemmt, beeindruckt, schockiert

München - Dies ist ein Film, in dem immer wieder Gefühle überschwappen und Menschen die Kontrolle verlieren. Lesen Sie hier die Kritik zum Kieler "Tatort":

Der Kriminaler, der jäh eine Bratpfanne samt Inhalt an die Wand wirft, die Ermittlerin, die sich mit einer Zeugin erst prügelt und sie dann in den Arm nimmt – sie bilden die Folie, vor der Christian Alvart die Geschichte einer Grenzüberschreitung der anderen Art erzählt, die Geschichte eines einsamen Menschen, der Nähe und Intimität sucht und zum Mörder wird, weil er nicht erträgt, dass die Frauen, in deren Privatsphäre er eindringt, diese Nähe nicht wollen.

Dass Alvart die Identität des Mörders schon ziemlich bald offenbart (Drehbuch: Sascha Arango), macht den neuesten Kieler „Tatort“ (ARD) mit dem Titel „Borowski und der stille Gast“ zu einem Thriller der Spitzenklasse. Der Zuschauer beobachtet die schwierigen Ermittlungen im ersten Mordfall und wird zugleich Zeuge, wie ein blasser Postbote die Schlingen um seine nächsten Opfer immer enger zieht.

Geschickt lässt der Regisseur, unterstützt von Kameramann The Chau Ngo, die Angst, nicht einmal in den eigenen vier Wänden sicher zu sein, in den Protagonistinnen (und sicher auch in so mancher Betrachterin) aufsteigen. Hier handelt es sich einmal nicht um einen wortgewaltigen Wahnsinnigen, einen Teufel mit Glatze oder Stoppelbart, sondern um einen Stammler mit weichem Kindergesicht (grandios in seinem Minimalismus: Lars Eidinger), der diesen Fall um eine unabwendbar scheinende tödliche Bedrohung noch beklemmender macht, als er ohnehin ist.

Das Ermittlerduo – hier der launische, kantige Kommissar Axel Milbergs, da die verletzliche, trotzige Assistentin Sibel Kekillis – setzen den idealen Kontrapunkt zum beunruhigenden Treiben des Täters. Milberg balanciert virtuos zwischen detektivischer Akribie und aggressiver Ratlosigkeit, Kekilli lässt ganz ohne Anstrengung die Frau unter der Polizistin durchschimmern, sie zeigt, wie fragil das Leben im Allgemeinen und die berufliche Zukunft im Besonderen sein kann. Beeindruckend auch Peri Baumeister als Junkie mit Kind. Ein Drama im Drama.

Regisseur Alvarts Umgang mit Stoff und Schauspielern zeigt sein Gespür für die richtige Mischung aus Kriminalfilm, Sozialstudie und Gruselschocker. Wer’s so gut kann, darf sich auch einen schrägen Schluss erlauben, der den Zuschauer etwas ratlos zurücklässt. Geht der Horror weiter?

Die aktuellen Tatort-Teams ab Herbst 2012

Rudolf Ogiermann

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