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Rosalie (Zazie de Paris) und LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur).

Hervorragender Ulrich Tukur

"Tatort"-Kritik: Wie eine Romanverfilmung

München - Ein ARD-„Tatort“-Ermittler, der nach dem über den Bildschirm flimmernden „Tatort“-Vorspann den Fernseher ausschaltet. Was dann kommt, hat mit dem üblichen Schema der Reihe nichts zu tun. Unsere TV-Kritik.

Tatsächlich breitet sich in diesem "Tatort" vor dem Auge des Betrachters alsbald eine fremde, geheimnisvolle Welt aus. Diese schräge Zirkus-„Familie“ scheint wie isoliert von der Gesellschaft zu leben, losgelöst von Zeit und Raum, eine „Gemeinschaft mit eigenen Gesetzen“, wie es der Zirkusdirektor (charismatisch: Josef Ostendorf) vielsagend formuliert.

Es hat viel mit dieser hervorragend gecasteten Truppe zu tun, dass man sich in „Schwindelfrei“ wie in einer Romanverfilmung vorkommt. Jeder Charakter, und sei er für die Geschichte noch so unbedeutend, scheint der blühenden Fantasie eines besonders inspirierten Dichters entsprungen zu sein. Zu dem morbiden Charme des Milieus passt es, dass hier Menschen einfach zu verschwinden scheinen, so, als habe sie jemand weggezaubert. Keine Leiche, keine Polizeiabsperrung, keine Spurensicherung.

Und keiner der „Tatort“-Kommissare passt besser hier hinein als Ulrich Tukur, der auch sonst nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Entertainer eine hervorragende Figur macht. Wer wenn nicht er verkörpert glaubwürdig den Aushilfspianisten (bei seinen eigenen Rhythmus Boys), der undercover ermittelt, um diesen rätselhaften Fall zu lösen?

Autor und Regisseur Justus von Dohnanyi findet stets die richtige Mischung aus epischem Erzählstil und dem gewissen Thrill – und spart auch nicht mit feinem Witz, beispielsweise im Zusammenspiel zwischen dem Schnüffler und seiner Assistentin (hinreißend: Barbara Philipp). Ganz unpathetisch darf Tukur alias Felix Murot obendrein das stille Glück der Heilung von schwerer Krankheit zeigen.

Da ist man fast ein wenig enttäuscht, als sich der Schleier langsam lüftet und einen Abgrund von Verrohung und Versklavung im und durch den Jahre zurückliegenden Jugoslawienkrieg offenbart. Erstaunlich profan wirkt dieses Ende im Vergleich zum Rest. Mit Filmen wie diesen ist es eben manchmal wie mit den Tricks der Artisten. Weiß man, wie’s funktioniert (hat), ist die Faszination schon halb verflogen.

RUDOLF OGIERMANN

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