Tatort-Kritik: Der Täter in unserem Kopf

München - Im Ludwigshafener "Tatort" ermittelten die Kommissare am Sonntag in einem Kindermord. Die Leistung von Autor und Regisseur, das sensible Thema subtil aufzuarbeiten, ist beeindruckend.

Kein Ort der Freude mehr, keine bunten Luftballons, keine phonstarke Popmusik und keine Zuckerwatte. Alles ist schlagartig weg, Nebelschwaden umhüllen den Vergnügungspark, in dem wenige Stunden zuvor die kleine Sandra Fichter noch mit ihren Eltern herumtollte. Das siebenjährige Mädchen ist tot.

Es mag banal erscheinen, dass Autor Harald Göckeritz im Ludwigshafener „Tatort“ (ARD) mit dem Titel „Der Schrei“ ausgerechnet einen vorbestraften Pädophilen (Fabian Busch) als möglichen Täter aufbietet, der nach einer ersten Vernehmung panisch Fotos von seinem Laptop löscht. Dazu noch ein zwielichtiger Anwalt (Jan Messutat), der die Kommissare Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) ebenfalls auf den Plan ruft.

Zu banal? Zu offensichtlich? Im Gegenteil. Beeindruckend subtil schüren Göckeritz und Regisseur Gregor Schnitzler mit dem brisanten Thema Kindermord die Affekte des Menschen, brennen das leere Zimmer der kleinen Sandra ins Gedächtnis und lassen das Opfer immer wieder vor dem inneren Auge ihrer konsternierten Eltern (und aller Zuschauer) erscheinen.

Fast schleichend übernehmen unsere Ängste und daraus resultierende Vorurteile die Suche nach dem Täter, lassen Beweise und Indizien in den Hintergrund rücken. Odenthal und Kopper – selbst auch nicht mehr wirklich objektiv handelnd – verdächtigen sogar Sandras Eltern (Annika Kuhl und Roeland Wiesnekker). Dass Sandra letztlich unabsichtlich getötet wurde, ist gleichermaßen überraschend wie trivial und daher als Schlusspunkt brillant. Denn eigentlich hätte jeder der Täter sein können – zumindest in unserem Kopf.

Alle Tatort-Teams ab Herbst 2012

Von Barnabas Szöcs

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