Tatort-Kritik: Wenn nur das Kind nicht wäre

Es hätte eine legendäre Sendung werden können, doch bei der Tatort-Folge "Vergessene Erinnerungen" verspielte Regisseurin Christiane Balthasar das Potential. Eine Kritik.

Sie hatten es wirklich in der Hand, einen ungewöhnlichen „Tatort“ zu drehen. Sie hätten die Sonntagsabend- Sehgewohnheiten aufbrechen, die filmischen und erzählerischen Möglichkeiten der ARD-Reihe ins Rätselhafte, ja Mysteriöse weiten können. Doch all das verspielten Regisseurin Christiane Balthasar und ihre Drehbuchautoren Dirk Salomon und Thomas Wesskamp in der Folge „Vergessene Erinnerung“. Sie verspielten die Chance, weil sie die letzte halbe Stunde überladen haben.

Kommissare beim Kultkrimi Tatort

Kommissare beim Kultkrimi Tatort

Sie glaubten, hier auch noch eine Kindesentführung – David, der Sohn von Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), ist das Opfer – reinpacken zu müssen. Das war zuviel. Und das zeigte vor allem, dass die Idee, im „Tatort“ aus Hannover eine alleinerziehende Kommissarin in den Mittelpunkt zu stellen, nicht aufgeht. Noch keinem der Drehbuchautoren ist es gelungen, eine gute private Erzählebene zu etablieren: Wir sehen Lindholm bei der Arbeit wie TV-Kommissare andernorts auch – die wenigen Szenen, die sie dann jeweils beim Wegorganisieren ihres Sohnes zeigen, sind bemühte Zugeständnisse an eine Ausgangsidee, die wohl keiner der Verantwortlichen zündend findet: Wenn also nur das Kind nicht wäre!

Dabei ist Lindholms 16. Fall gut gestartet: Übermüdet auf dem Heimweg überkommt die Kommissarin am Steuer ihres Autos der Sekundenschlaf. Sie baut einen Unfall. Es folgt ein optisch sehr reizvoller Drogen-Alptraum, für die Kameramann Hans Hubach Bilder und Überblendungen in einer Qualität weit über dem deutschen TV-Durchschnitt aufnahm. Die sich anschließende Geschichte einer zerstrittenen Dorfgemeinschaft, einer Kommissarin mit Gedächtnislücken und zahlreichen Verdächtigen war nicht neu, doch spannend erzählt. In Nebenrollen halfen Max Hopp als phlegmatischer Dorfpolizist und Thomas Thieme in der Rolle des hilfsbereiten Knechts über manche Logik- Schwäche im Buch hinweg. Man sah also gerne und gespannt zu – bis es mit der Kindsentführung einfach zuviel für 90 Minuten wurde.

Alle Tatort-Teams ab Herbst 2012

von Michael Schleicher

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