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Ohne Perspektive: Marcel, Tobias und Robin (Antonio Wannek, Jonas Nay und Vincent Krüger, v. l.).

So war die Leipziger Ausgabe

"Tatort"-Kritik: Flucht in die Action

„Todesschütze“, der aktuelle Leipziger "Tatort", hätte ein Film werden können über Jugendliche ohne Perspektive, einen Polizisten im Loyalitätskonflikt und einen Menschen, der am gewaltsamen Tod seines Partners zerbricht. Am Ende wurde er eine Flucht in die Action. Die Kritik:

Sie quälen und beleidigen Schwächere, sie prügeln und treten schließlich wie von Sinnen auf die Mutigen ein, die sich ihnen entgegenstellen. So brutal und dabei so beklemmend realistisch hat schon lange kein ARD-„Tatort“ mehr angefangen. Man denkt an die Gewaltorgien aus der jüngsten Vergangenheit – und spürt bei aller Drastik der Darstellung, wie erschütternd leer und kaputt Tobias, Robin und Marcel (brillant: Jonas Nay, Vincent Krüger und Antonio Wannek) in ihren jungen Jahren schon sind.

„Todesschütze“ hätte ein Film werden können über Jugendliche ohne Perspektive, einen Polizisten im Loyalitätskonflikt und einen Menschen, der am gewaltsamen Tod seines Partners zerbricht. Doch Autoren (Mario Giordano und Andreas Schlüter) und Regiseur (Johannes Grieser) ordneten sich der gelegentlich kontraproduktiven „Wer war’s?“-Norm unter und verwässerten die Geschichte mit an sich überflüssigen Elementen.

Und so gibt es noch einen Toten und damit plötzlich ein ganzes Bündel von möglichen Tätern und Motiven. Auch der wie immer skrupellose Pressefotograf darf nicht fehlen – und die Information, dass einer der Schläger unheilbar krank ist.

Über diesen Zierrat vernachlässigen Giordano und Schlüter – notgedrungen – die psychologische Feinzeichnung ihrer Figuren, vieles gerät zu plakativ, etwa der moralische Appell des verzweifelten Witwers (beeindruckend: Stefan Kurt) an die Jugendlichen, anderes, beispielsweise die familiären Strukturen beim im Fokus stehenden Polizisten (Wotan Wilke Möhring) – der überdies allzu viele dunkle Seiten hat –, bleibt zu verschwommen.

Drei Dramen in einem – da hilft nur noch die Flucht in die Action. Die allerdings gelingt beeindruckend, und wer will, kann in diesem tadellos inszenierten Showdown mit Geiselnahme (Kamera: Wolf Siegelmann) auch eine bittere, zynische Moral erkennen: Wenn alles zu spät ist im Umgang mit jugendlichen Gewalttätern, hilft nur noch der gezielte Kopfschuss. Vom hohen Niveau der schauspielerischen Leistungen profitiert auch Martin Wuttke als Hauptkommissar Andreas Keppler, der zuletzt stets so aussah, als würde er an den schlechten Büchern verzweifeln. „Todesschütze“ ist sicher einer der besten „Tatorte“ aus Leipzig – und das, obwohl (als Hauptkommissarin Eva Saalfeld) Simone Thomalla mitspielt.

Rudolf Ogiermann

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