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Untersuchen die Leiche des jungen Ebi (Charles Mnene): Liz Ritschard (Delia Mayer) und ein Kollege.

TV Kritik

"Tatort": Drastische Szenen, bewegende Geschichte

„Schutzlos“: Der Luzerner „Tatort“ rechnet mit der Schweizer Flüchtlingspolitik ab und beeindruckt durch Filmtechnik. Lesen Sie hier unsere TV-Kritik:

„Nicht lachen. Don’t smile“, befiehlt der Beamte, der für Ebis Asyl-Antrag ein Foto macht. Bald gibt es für den jugendlichen Nigerianer in der Schweiz aber sowieso keinen Grund mehr dazu. Wie Vieh wird er bei einer medizinischen Untersuchung beäugt, zwei Jahre später ist seine Polizeiakte dick wegen diverser Drogengeschäfte. Schließlich liegt er erstochen unter einer Brücke. Für den neuen Kripo-Chef keine große Sache, der Afrikaner wäre ohnehin bald abgeschoben worden.

Die Kommissare Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) aber bleiben dran. Schnell sehen sie sich mit den Folgen der Schweizer Flüchtlingspolitik konfrontiert: Orientierungslose, junge Asylbewerber, die nicht offiziell arbeiten dürfen und sich von der nigerianischen Mafia benutzen lassen. Sie erfahren von afrikanischen Fischern, deren Existenzgrundlage durch Umweltverschmutzungen zerstört wurde, und die in Europa auf ein besseres Leben hoffen, aber dort wie Abschaum behandelt werden. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen prangert „Schutzlos“, der siebte „Tatort“ aus Luzern, nicht nur den unmenschlichen Umgang der Gesellschaft mit Flüchtlingen und ihre pauschale Kriminalisierung an. Der Film (Regie: Manuel Flurin Hendry, Buch: Flurin Hendry und Josy Meier) packt die Thematik bei der Wurzel. Er zeigt, dass die Flüchtlingsproblematik ein großes Stück weit hausgemacht ist.

Die Geschichte ist düster, die Schauplätze sind trist. Es ist, als hätte ein grauer Schleier über der Filmkamera gelegen. Sonst zeigen die Schweizer „Tatort“-Macher gerne malerische Bilder. Doch selbst bei Kostümbild und Ausstattung war die Farbvorgabe offenbar Grauschwarz. Passend dazu spielt Kameramann Felix Novo de Oliveira immer wieder mit Unschärfe und verwischten Bildrändern, weshalb sich der Zuschauer oft selbst fühlt wie im Drogenrausch. Die schnellen Elektrosounds sorgen für gutes Tempo. Störend sind nur Flückigers Halluzinationen. Zu absurd sind die Bilder, die der Kommissar während regelmäßiger Migräneanfälle sieht. Spätestens als sich Kripo-Chef Mattmann (Jean-Pierre Cornu) in den toten Ebi verwandelt und mit „Darth-Vader“-Stimme spricht, ist es genug. Flückigers Visionen mussten wohl zur Lösung des Falls beitragen, anders sind die unglaubwürdigen Science-Fiction-Szenen nicht zu rechtfertigen.

Großartig dagegen die Leistung der Nachwuchsschauspieler aus London – Charles Mnene (Ebi) und Marie-Helene Boyd als seine Schwester Jola überzeugen, sie transportieren herzzerreißend die Hoffnungslosigkeit ihrer Figuren. Dass es am Ende keine der Gestalten aus dem Milieu – Junkies, Dealer – war, sondern Eifersucht und ein großes Missverständnis Gründe für Ebis Ermordung und schließlich auch für den Tod seiner Schwester sind, überrascht durchaus, und deprimiert. Der letzte „Tatort“ vor der Sommerpause, er ist drastisch und bewegend, filmtechnisch sehr gelungen. So darf es im Herbst weitergehen.

Carolin Nuscheler

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