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Mehrere Baustellen: Ivo Batic (Miroslav Nemec, l.) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) am „Tatort“ in München.

TV-Kritik

Münchner "Tatort": Wirr und überladen

Viele zusammenhanglose Szenen, viele sinnlose Schüsse und dazu grandiose Bilder aus München: Der BR-Tatort vom Sonntagabend wirkte wirr und überladen. Lesen Sie hier die Kritik!

Es wird gebohrt und gebaggert, (alte) Häuser werden abgerissen oder stürzen gleich von selbst ein – dieser Film zoomt sich heran an ein München, in dem kein Stein mehr auf dem anderen zu bleiben scheint. Bodenspekulation, Luxussanierung, sich auflösende Stadtteilstrukturen bilden das Hintergrundgeräusch dieses neuen Münchner „Tatort“ (ARD), stets präsent wie ein in der Ferne lärmender Presslufthammer. Und als – was für ein sprechendes Bild! – die Leiche eines Architekten in einer Baugrube gefunden und schon bald ein Klüngel aus Immobilienkonzernen und Kommunalpolitik freigelegt wird, scheint alles auf einen Mord in diesem Milieu hinauszulaufen.

Doch Drehbuchautor Bernd Schwamm genügte dieses vielschichtige Sujet ganz offensichtlich nicht und auch nicht die obligatorische Erweiterung des Plots um einen familiären Konflikt. Also musste noch ein Veteran der kroatischen Faschisten her und obendrein eine Leiche aus der Zeit nach der Stunde Null ausgegraben werden – um diesen Krimi mit dem längst wohlfeil gewordenen Aspekt der verdrängten Vergangenheit endgültig zu überladen.

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Ein Glück, dass Dominik Graf Regie geführt hat, sonst wäre„Aus der Tiefe der Zeit“ ein platter, pseudokritischer Reißer nach Art der Privaten geworden, so verwechselbar wie postmoderne Parkhäuser. Trotzdem fragt man sich, ob ein Krimi so viele exaltierte Typen (und so viele sinnlose Schüsse) braucht, um den Zuschauer zu fesseln. Die schräge Ex-Artistin (Erni Mangold), ihr jähzorniger Sohn (Martin Feifel), seine Geliebte (Meret Becker), das Faktotum des Hauses (Mi(s)el Mati(c)evi(c)) – ihre bühnenreifen Auftritte lassen die Handlung in zusammenhanglose Szenen zerbröseln, sie verschütten das Drama, das dieser Krimi eigentlich erzählen wollte. Da können sich die Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) und andere Figuren noch so sehr über die frank und frei agierenden Baulöwen echauffieren.

Immerhin erschafft Graf, unterstützt von Kameramann Alexander Fischerkoesen, grandiose Bilder seiner Heimatstadt. Er hat eben einen Blick für München, für das große Ganze ebenso wie für die Details, die Straßenfluchten, Schaufensterfronten, Hinterhöfe, Dachgärten. Aber die Virtuosität des Filmemachers kann die Mängel des Drehbuchs nicht ausgleichen. „Warum haben wir nicht mal wieder so einen simplen Fall, wo ein Mann seine Frau erschlägt...?“, fragt Leitmayr an einer Stelle seufzend. Ja, das wäre doch eine Idee.

Rudolf Ogiermann

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