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An der österreichisch-tschechischen Grenze ermitteln Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser).

Kritik zum ORF-Krimi

Wiener Tatort: Mit erstaunlich viel Leichtigkeit

München - Schwerer Stoff, mit erstaunlicher Leichtigkeit erzählt: Der Wiener Tatort nimmt in "Grenzfall" Zeitgeschichte ins Visier. Die Kritik zum ORF-Krimi.

Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien und was er aus einstigen Nachbarn machen kann, die ungesühnten Verbrechen der Nazis – nicht zum ersten Mal nimmt der österreichische „Tatort“ Zeitgeschichte ins Visier. Auch „Grenzfall“, der jüngste Fall von Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), handelt vom Unfrieden, den politische Konflikte zwischen Menschen gestiftet haben, die weiter miteinander leben (müssen).

Nächtliche Schüsse damals, kollektives (Ver-)Schweigen heute – schnell zieht Autor und Regisseur Rupert Henning den Zuschauer hinein in eine Geschichte, in der es um die Narben geht, die die europäische Teilung zwischen 1945 und 1989 hinterlassen hat, überall entlang der Grenze zwischen Ost und West, auch im idyllischen niederösterreichischen Waldviertel. Henning verstrickt seine Figuren zum Glück nicht in ideologische Diskussionen, hier ging’s einfach ums Geld, das in den Sechzigerjahren drei junge Burschen zu Spitzeln des tschechoslowakischen Geheimdienstes werden ließ, mit tragischen Folgen für viele Flüchtlinge – und für sie selbst.

Geschickt entlastet der Autor das Ermittlerduo von der Bürde, den neuen Mord im stillen Tal der Thaya und seine lange Vorgeschichte selbst von A bis Z aufzuklären (samt allen unvermeidlichen moralischen Appellen). Dafür gibt’s Max (Harald Windisch), den Journalisten und Hinterbliebenen der Bluttat von einst, der hilft, Licht ins Dunkel des Kalten Krieges zu bringen.

Viele Szenen schildern daneben ganz unspektakulär das gesellschaftliche Klima im Kleinen und im Großen – die Sprachlosigkeit im Dorf, der Wille, die alten Geschichten unter allen Umständen unter der Decke zu halten. „Tatort“-Debütant Henning bringt erstaunlich viel Leichtigkeit in ein potenziell schweres Sujet und sorgt für eine Pointe, die jedem allzu verbissenen Ermitteln die Spitze abbricht. Wenn Kriminalisten mit ihrer Weisheit am Ende sind, hilft nur noch die Archäologie.

Rudolf Ogiermann

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