+
Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) ist außer sich vor Wut. Hat der Freund seiner Tochter etwas mit der Videobotschaft zu tun? 

Vorab-Kritik zum Fall „Schock“

Wien-Tatort: Sind unsere Kinder wirklich solche Psychowracks?

  • schließen

Über den Wien-Tatort werden die Zuschauer noch am Montag reden. Das Thema: eine ganze Generation kurz vorm Nervenzusammenbruch. Lesen Sie eine Vorab-Kritik und die wichtige Bewertung eines Jugendforschers. 

Manche Zuschauer haben sich genervt vom Tatort im Ersten abgewandt. Zu langweilig, zu durchschnittlich, zu wirr, zu politisch - ihre Gründe sind verschieden. Geben Sie dem Fall aus Wien am 22. Januar eine Chance. Wenigstens für die ersten zwei Minuten. Denn der Einstieg ist so krass, so eindringlich, so ungewöhnlich, wie wir ihn selten im Tatort gesehen haben. Wir sind es gewohnt, dass uns der Sonntagabendkrimi zuerst eine Leiche in der Gerichtsmedizin auftischt und dann den Mörder sucht. Diesmal ist es anders. Der Mord soll noch begangenen werden. Da hockt ein junger Mann über die Webcam seines Notebooks gebeugt und spricht mit uns. „Bevor ich Ihnen sage, worum es geht, ist es wichtig, dass Sie eines wissen: Ich bin normal. Völlig normal. Sofern das überhaupt irgendjemand von sich behaupten kann. Sie werden das Gegenteil denken. Und was noch entscheidender ist: Sie werden das Gegenteil fühlen. Wenn aber das, was ich sage, eine große Anzahl an Menschen erreicht, dann besteht theoretisch die Möglichkeit, dass einige noch etwas anderes denken und fühlen. Und zwar, dass man Ihnen nicht die Wahrheit gesagt hat. Nicht die ganze Wahrheit. Es wird ein ziemlicher Schock, aber vielleicht leitet man daraufhin die notwendigen Maßnahmen ein.“ 

Und dann stellt sich der Mann (Schauspieler Aaron Karl) seinen Zuschauern vor: „Mein Name ist David Frank. Die Namen meiner Eltern sind Agnes und Hans-Georg Frank. Ich werde meine Mutter, meinen Vater und anschließend mich selbst töten. Und ich werde mich bemühen, Ihnen zu erklären warum.“ Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln in diesem Tatort aus Wien (gelangen Sie hier zu unserer Tatort-Themenseite), bilden eine Sonderkommission. 

Tatort „Schock“ aus Wien:  Entführer sichert sich online die größt mögliche Aufmerksamkeit

David Frank (Aaron Karl) kündigt in einem Onlinevideo an, erst seine Eltern, danach sich selbst zu töten.

Die Ermittlungen ergeben: Das ist nicht irgendeine Wiener Familie, die der Sohn, ein 23-jähriger Medizinstudent, auslöschen will. Seine Eltern gehören zu den angesehensten Akademikern - die Mutter Star-Anwältin, der Vater ein mehrfach mit wichtigen internationalen Preisen ausgezeichneter Mathematiker. Ist das ein Einzelkind, das in einer Villa lebt, vermutlich in Wahrheit keine echten Probleme hat und sich hier im online verbreiteten Drohvideo (über „Dark Tube“ - kicher, kicher) nur wichtig macht vor der riesigen Internetöffentlichkeit? Die Sonderkommission glaubt: David Frank meint es ernst. Sie darf keine Zeit verlieren, muss die die entführten Eltern finden. Der Entführer sichert sich online die größt mögliche Aufmerksamkeit und gibt dem Team in einem zweiten Video einen Hinweis: „Ich glaube, jemand, der es erklären kann, ist Sarah Adler.“Ziemlich raffiniert, den Rechercheweg sogar vorzugeben. Sarah Adler (Mercedes Echerer) arbeitet an der Universität als Dozentin für Soziologie. Sie hat ein gesellschaftskritisches Buch über die Generation Y geschrieben (Generation Y, weil sich Y in der englischen Sprache wie das Fragewort „Why“ - „Warum“ spricht), die ihrer Meinung nach unter kolossalem Leistungsdruck bei gleichzeitig minimalen Zukunftschancen leidet. David Frank zitiert aus diesem Buch. Es wirkt geradezu so, als machten Dozentin und Student gemeinsame Sache. Das denken auch bald die Eisner und Fellner. Und dann gibt es noch diesen verdächtigen Kommilitonen, der ausgerechnet der neue Freund von Eisners Tochter ist. Eisner ist außer sich vor Wut, so haben ihn die Tatort-Zuschauer selten gesehen. Das ist sein Tatort. Kollegin Bibi Fellner kommt über lange Zeit in diesem Film nur eine Nebenrolle zu. Eisner erfährt, dass er in Wahrheit wenig über seine Tochter weiß, über ihre Gefühle. 

Eisner pfeift auf Hierarchien, hat keinen Nerv, eine Pressekonferenz zu geben, will stattdessen den Doppelmord und den Selbstmord verhindern. Und das sagt er auch der Bundesministerin für Inneres, seinem Vorgesetzten und dem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in aller Deutlichkeit und Respektlosigkeit. Eisners Genervtheit, Verbissenheit, spielt Harald Krassnitzer sehr gut. Die Ermittler stoßen auf eine radikale Gruppe. Ein Mitglied spielt Robert Seethaler, der österreichische Autor des Bestsellers „Ein ganzes Leben“.

Wien-Tatort mit besonderer Kameraführung und besonderen Dialogen

Es sind die Dialoge dieses Wien-Tatorts, die im Gedächtnis bleiben. Ein starkes Drehbuch. Der Tatort ist kühl inszeniert. Achten Sie auf die Kameraführung, die Perspektive. Sehr oft von oben. Das hat auch etwas über den Film zu sagen. Die Menschen in diesem Krimi werden von oben begutachtet, bewertet. Er passt zu dem, was David Frank der Welt vorwirft: Junge Leute kaputt und abhängig von Medikamenten zu machen, indem sie einen wahnsinnigen Leistungsdruck aufbaut und ihnen jeglichen Optimismus nimmt. Eine Welt, die hohe Erwartungen an junge Menschen stellt. Auch die Kommissare stehen unter enormem medialen und zeitlichen Druck. Um dies bildlich zu verdeutlichen, wird etwa die Konferenz des Ermittlerteams zwischendurch von oben gefilmt. Es ist ein steriler, moderner Raum. Die Tatort-Zuschauer sind eigentlich abgeranzte, wuselige Büros und Besprechungszimmer gewohnt. 

Jugendforscher: David Franks Lage trifft auf sehr kleinen Teil der Angehörigen der Generation Y zu

Am Sonntagabend und Montag werden die Zuschauer darüber diskutieren, ob junge Leute wirklich solche Psychowracks sind, wie von Drehbuchautor und Regisseur Rupert Henning pauschalisiert dargestellt. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann widerspricht: Die Filmzusammenfassung und die Darstellung von David Frank klingen für ihn nicht nach einem für die Generation Y typischen Portrait, sagt er auf Merkur.de-Anfrage. Ein Zerrbild einer ganzen Generation also. „Die Kennzeichnungen, die in dem Film auftauchen, lassen sich nicht verallgemeinern. Da wird ein Einzelfall dargestellt. Dessen Lage trifft auf einen sehr kleinen Teil der Angehörigen der Generation Y zu.“ Die Mehrheit reagiere gelassen und fühle sich nicht unter sehr starkem Wettbewerbsdruck. „Allerdings fühlen sich diejenigen ausgegrenzt, die schlechte Schulabschlüsse haben“, sagt Hurrelmann. 

Wie kommentiert Schauspieler Krassnitzer die im Tatort schockierend dargestellte Situation junger Menschen? Im Interview mit dem ORF sagt er: „Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg können wir dieses Versprechen ‚Unseren Kindern soll´s mal besser gehen‘ nicht mehr erfüllen. Wenn wir uns die Probleme wie den Klimawandel, die Flüchtlingskrise sowie die sich verändernde Ökonomie anschauen, sind die so groß, dass die kommende Generation das nie allein bewältigen kann. Ich sehe unsere Verantwortung darin, hier Weichen zu stellen.“

Wie denken Sie als Zuschauer darüber? Nehmen Sie als Aufhänger für Ihre Diskussionen ein Zitat von David Franks Vater: „Seine Chancen nicht zu nutzen, ist krank, undankbar, vertrottelt.“

So sehen Sie den Tatort aus Wien im TV und in der Mediathek

Das Erste strahlt den Wiener Tatort „Schock“ am Sonntag, 22. Januar, um 20.15 Uhr aus. Wiederholungen sehen Sie am Sonntag um 21.45 Uhr auf One, am Montag (23. Januar) um 0.20 Uhr auf One sowie am Dienstag (24. Januar) um 0.35 Uhr im Ersten. Wie jeden Tatort können Sie auch „Schock“ 30 Tage nach Erstausstrahlung in der ARD-Mediathek gucken. 

Lesen Sie Kritiken vergangener Tatort- und Polizeiruf-Fälle

„Sturm“ (Tatort aus Dortmund), „Fangschuss“ (Tatort aus Münster), „Borowski und das dunkle Netz“ (Tatort aus Kiel), „Nachtsicht“ (Tatort aus Bremen), „Tanzmariechen“ (Tatort aus Köln), „Der scheidende Schupo“ (Tatort aus Weimar), „Wacht am Rhein“ (Köln-Tatort), „Land in dieser Zeit“ (Frankfurt-Tatort), „Klingelingeling“ (München-Tatort), „Dunkelfeld“ (Berlin-Tatort), „Sumpfgebiete“ (Polizeiruf München), „Es lebe der Tod“ (Wiesbaden-Tatort), „Taxi nach Leipzig“ (Jubiläumstatort, die 1000. Tatort-Folge), „Borowski und das verlorene Mädchen“ (Kiel-Tatort). Gelangen Sie hier zu allen TV-Kritiken der vergangenen Tatort- und Polizeiruf-Fälle.

sah

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Einen überraschenden Fake gibt es! Was ist bei „Bares für Rares“ eigentlich echt?
Horst Lichter sorgt mit seiner Trödel-Show „Bares für Rares“ täglich für hohe Einschaltquoten. Da stellt sich die Frage: Ist da alles echt oder ist einiges an der Show …
Einen überraschenden Fake gibt es! Was ist bei „Bares für Rares“ eigentlich echt?
„The Voice“: Ein Franke vertritt Bayern im Finale
Der 17-jährige Benedikt Köstler aus Burgthann bei Nürnberg vertritt Bayern beim Finale von „The Voice of Germany“. Allein unter Frauen ist er der einzige männliche …
„The Voice“: Ein Franke vertritt Bayern im Finale
Gefährlichster Recall aller Zeiten: DSDS-Jury muss mit Waffen bewacht werden
In der neuen Staffel von DSDS reisen Jury und Nachwuchssänger nach Südafrika. Nicht nur gesanglich eine große Herausforderung.
Gefährlichster Recall aller Zeiten: DSDS-Jury muss mit Waffen bewacht werden
Teilnehmerfeld von Dschungelcamp 2018 steht: Ex-Bundesligastar dabei  
Und jährlich grüßt das Känguru: Auch im Januar 2018 werden wieder so genannte Stars ins Dschungelcamp einziehen, zum Beispiel ein Schlagerstar, ein Model und ein …
Teilnehmerfeld von Dschungelcamp 2018 steht: Ex-Bundesligastar dabei  

Kommentare