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Enthüllungs-Journalist Günter Wallraff und RTL-Reporterin Caro Lobig.

Demütigung und Schikanierung

Team Wallraff: Schockierende Zustände in Behinderten-Einrichtungen

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München - Getarnt als Praktikantin und mit versteckter Kamera arbeitet eine Reporterin aus dem „Team Wallraff“ in Einrichtungen für behinderte Menschen. Was sie dabei sieht, lässt einem den Atem stocken.

Das RTL-Format „Team Wallraff - Reporter undercover“ sorgt mit seinen Recherchen wieder einmal für Aufruhr. Nach Aufdeckung um besorgniserregende Zustände auf dem Fernbus-Markt und an deutschen Autobahn-Raststätten schickte der legendäre Investigativ-Journalist Günther Wallraff seine Kollegin Caro Lobig in der Folge am vergangenen Montag in verschiedene Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Als Praktikantin Steffi arbeitet Lobig für einige Tage in verschiedenen Heimen und dokumentierte ihre Erlebnisse mit einer versteckten Kamera. Die Bilder, die dabei entstanden sind, enthüllen zum Teil grauenhafte Zustände, gleichgültige Betreuer und einen respektlosen Umgang mit den oft hilflosen Menschen.

Betreuer schikanieren behindertes Mädchen 

Als erstes führte es die Undercover-Praktikantin in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Leverkusen. Dort lernt Lobig die junge Lisa kennen. Die junge Frau Anfang 20 ist geistig behindert und in ihrer Motorik stark eingeschränkt. Weil sie ihren Speichelfluss nicht kontrollieren kann, trägt sie ein Tuch um den Hals, das diesen auffängt. Bereits an ihrem ersten Tag spielt sich vor Lobig eine unfassbare Szene ab: Als sich das Tuch von Lisas Hals löst, bittet Lisa einen Betreuer ihr zu helfen. Doch anstatt es ihr wieder um den Hals zu binden, macht dieser sich einen „Spaß“ daraus und wickelt ihr das vom Speichel nasse Tuch um die Augen. 

„Es ist ein respektloser Umgang mit Hilflosen. Und damit ist es eine Kränkung und eine Erniedrigung. Das geht gar nicht“, meint Pflege-Experte Claus Fussek, als er die Bilder sieht. Und das war noch einer der eher harmloseren Vorfälle.

Wenig später geht Lisa über den Gang, in dem auch einer der Gruppenleiter steht. Dieser sieht deutlich, dass die junge Frau auf ihn zu läuft, lässt aber sein Bein ausgestreckt stehen, sodass sie darüber stolpert und stürzt. Anstatt Lisa wieder auf die Beine zu helfen, wird der Betreuer erst pampig und macht sich dann über ihr Ungeschick lustig.

Beim Mittagessen - einer Tätigkeit, die ihr aufgrund ihrer Behinderung nicht leicht fällt - reißen ihre Betreuer geschmacklose Witze über Lisa: Sie vergleichen den weißen Joghurt um den Mund des Mädchens mit Sperma. Fussek ist fassungslos: „Da fällt dir nichts mehr ein. Das ist krank." Das abschließende Urteil des Pflege-Experten ist knallhart: "Die Menschen, die hier arbeiten, würden im Tierpark keine Stelle bekommen - weil ihnen die Empathie fehlt."

Freiheitsberaubung bei Einnässen

Auch in der nächsten Einrichtung, die Lobig als Pflege-Praktikantin genauer unter die Lupe nimmt, sind die Zuständer miserabel. In Speyer werden die Bewohner eines Behindertenheims - 60 Menschen, darunter auch viele Senioren mit Behinderung - von ihren Pflegern konstant angeschrien und hart bestraft, wie die versteckten Bilder von Lobig zeigen. Beispielsweise wird ihnen das Essen gestrichen, genauso wie auch der Mittagsschlaf. Ein Bewohner muss stundenlang in einem dunklen Zimmer sitzen und darf nicht heraus - nur, weil er sich eingenässt hatte. Ein schlimmer Zustand, meint auch Fussek: „Das ist eine massive Form von Freiheitsberaubung.“

Einrichtung reagiert

Am Montag entschuldigte sich der Geschäftsführer der Einrichtung in einer Presse-Erklärung und betonte, man habe bis zu dem Bericht keine Kenntnisse von den darin kritisierten Zuständen dort gehabt. Man habe jeden vorgeworfenen Kritikpunkt mit den Mitarbeitern und der Prüfbehörde abgearbeitet, nachdem man die zuständige Beratungs- und Prüfbehörde selbst eingeschaltet hatte. Tags drauf habe man vier der insgesamt elf Mitarbeiter nach einer Anhörung freigestellt. "Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die wie hier gezeigt, lieblos mit hilfebedürftigen Menschen umgehen, die glauben, dass strafende Maßnahmen die richtige Antwort für ein angebliches Fehlverhalten geistig behinderter Menschen sind“, hätten keinen Platz in der Einrichtung, hieß es.

Team Wallraff auch in Bayern

Auch in Bayern wurde eine Einrichtung vom Team Wallraff inspiziert. Drei Tage lang filmte die Undercover-Praktikantin die Arbeit in einer Erdinger Förderschule, wie merkur.de berichtet hatte Nachdem ein Mitarbeiter Lobig auf einem Foto im Internet erkannte, war die Verunsicherung dort groß. Was könnte das RTL-Format wohl zeigen? Letztendlich kam die Einrichtung aber nicht in der Sendung vor. Dort scheint man also alles richtig gemacht zu haben und die Befürchtungen, in einem schlechten Licht dargestellt zu werden waren umsonst. Der Sender selbst schweigt dazu.

Wer die Folge verpasst hat, kann sie sich in der RTL-Mediathek ansehen

Raúl Krauthausen wagt den Selbstversuch

Raúl Krauthausen war neben Claus Fussek auch als Experte in der „Team Wallraff“-Folge geladen. Der Aktivist und Moderator hat die Glasknochenkrankheit und lebt in einer eigenen Wohnung, erhält lediglich eine sogenannte persönliche Assistenz. Krauthausen hatte zuvor dennoch das Selbstexperiment gewagt und fünf Tage in einem Pflegeheim verbracht. Er zieht aufgrund dieser Erfahrung ein klares Resumée.

mpa

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