Teil 3: Wer kann je diesen Anblick vergessen!

3. Teil des Fluchttagebuchs: - Ostpreußen, Januar 1945: der Beginn einer großen Völkerwanderung ­- der Flucht der Deutschen vor der näher rückenden Roten Armee. Über Jahrzehnte war das, jedenfalls in den offiziellen Bereichen unseres Landes, tabu. Zu schwer wiegt die deutsche Schuld an Krieg und Völkermord, an Auschwitz und an 20 Millionen russischer Opfer des deutschen Aggressionskrieges.

Erst in jüngerer Zeit rücken auch die Leidtragenden auf deutscher Seite ins Blickfeld. Die ARD-Produktion "Die Flucht", deren zweiter Teil gestern abend zu sehen war, wird für viele Menschen ein Eintauchen in schmerzlichste Erinnerungen gewesen sein. Der Film konfrontiert aber auch die jüngeren Generationen mit einem Kapitel deutscher Geschichte, das in so großem Stil so gefühlsreich und doch so objektiv noch nicht gezeigt wurde.

Es gibt nur wenige private Niederschriften der Flucht. Die folgende Dokumentation jener grauenvollen acht Wochen stammt aus dem Familiennachlass unserer Feuilletonchefin Sabine Dultz.

Ende Januar 1945 begann für Benno Dultz (70) und seine Frau Lisbeth (69) die Reise ins Ungewisse. 1300 Kilometer legte das Ehepaar zurück: von ihrem Gut Kämmersbruch übers Haff bis nach Mecklenburg und später ins hessische Arolsen. Für seine Enkel und Urenkel hat Benno Dultz die Stationen der Flucht aufgeschrieben. Er benutzte dabei die Tagebuchaufzeichnungen, die seine Frau während der Flucht fast täglich schrieb.

Und so endet das Tagebuch des Benno Dultz

6. Februar 1945

In stockfinsterer Nacht ging es von Kahlberg aus, wo von anderen Trecks Wagen in dem sehr bergigen Gelände die steilen Berge herabstürzten und zerschellt unten liegen blieben und wo Militärtransporte sie zur Seite drängten, über die schmale Nehrung. Es gab Tote an Menschen und Pferden, viel Klagen und Weinen. Viele Flüchtlinge mussten ohne ihre zu Tode verunglückten Angehörigen, ohne ihre Fuhrwerke und ihre Habseligkeiten zu Fuß weiterziehen.

Plötzlich setzte schweres russisches Artilleriefeuer von irgendwo von der Festlandküste auf die Nehrung ein, die Granaten gingen aber gottlob zu hoch. Es war ein sehr ungemütliches Gefühl. Eine Laterne, ein Licht oder Streichholz durften auf der ganzen Nehrung nicht angezündet werden, um den Russen nicht die Fahrstraße zu zeigen.

Weiter ging es in dieser Nacht über die einzige schmale Nehrungsstraße Schritt für Schritt, oft aufgehalten und behindert, über Vogelsang nach Stutthof, wo wir nachmittags ankamen. Wir waren also von morgens sechs Uhr des 5. Februar bis nachmittags des 6. Februar ohne größere Unterbrechung über das Haff und die Nehrung gefahren, also etwa 32 Stunden hintereinander.

Zwischen den Trecks wanderten Tausende Flüchtlinge zu Fuß mit ihrer geringen Habe über die Nehrung, saßen am Waldrande oder an den Chausseegräben, um neue Kräfte zu sammeln für den weiten Weg, oder lagen halbtot oder halbverhungert herum. Niemand konnte diesen Tausenden der großen Völkerwanderung recht helfen. Wer kann je diesen Anblick vergessen! Man sah hier auf der Nehrung, wie aus den gefallenen Pferden ganze Fleischstücke von den erschöpften und hungernden Menschen herausgeschnitten waren, um den Hunger zu stillen.

So hatten wir denn die Nehrung glücklich hinter uns. Hier in Stutthof brachte unser Treck in einem Sammellager die Nacht auf Stroh zu. Eine so überfüllte, verpestete Notunterkunft, dass ich die Nacht über auf meinem offenen Wagen sitzen blieb. Eine dünne Suppe und etwas Brot gab man uns.

7. Februar 1945

Morgens weiter über Tiegenhof auf die Weichsel zu nach Käsemark (Westpreußen). In einem kleinen, von den Einwohnern verlassenen Hause fanden wir notdürftige Unterkunft. Hier in Käsemark wurden zwei uns liebe Betriebsangehörige, Richard Voss und August Heinrich, von den Wagen zum Volkssturm heruntergeholt, ebenso der Gefangenenwachmann der acht polnischen Zwangsarbeiter.

8. Februar 1945

Von hier ging es über Trutenau nach Praust a. d. Weichsel, südlich von Danzig. Hier bekamen wir von freundlichen Menschen, Siedlern, ein kleines warmes Zimmer. Wir fühlten uns geborgen, da wir uns hier von der Front etwas weiter entfernt hatten. Bei Letzkau oder Käsemark hatten wir auf einer Fähre über die Weichsel setzen müssen. Auf der Fähre fanden bei jeder Überfahrt nur sechs bis acht Wagen Platz. Fast einen dreiviertel Tag standen wir mit vielen anderen Trecks vor der Fähre, bis wir herankamen. Die Fähren fuhren Tag und Nacht, hin und her.

9. Februar 1945

Von Praust morgens nach Braunsdorf bei furchtbarem Schneetreiben und zugeschneiten Wagen.

10. Februar 1945

Nach Berent, dort ins Gemeinschaftlager im Amtsgericht. Ich hatte auf dem ganzen Treck bisher immer vorwärts gedrängt und die Frauen zum Waschen und Backen und zur Versorgung ihrer kleinen Kinder auf die Zeit vertröstet, wenn wir über die Weichsel wären. Aber nun hörten wir, dass russische Heere auch von Süden her immer weiter auf Danzig und die Ostseeküste vordrangen. Wir mussten also so schnell wie möglich weiter.

11. Februar 1945

Bei hohem Schnee und großer Kälte ging es weiter nach Sultenschien, Ankunft abends 18 Uhr. Gemeinschaftslager ohne Stroh.

12. Februar 1945

Bei furchtbar kaltem Stiemwetter und eisigem Wind nach Groß-Kapitz (Pommern). Unterkunft im Pfarrhaus.

13. Februar 1945

Bei demselben eisigen Wetter nach Gut Rambow.

14. Februar 1945

Von hier über Kosemühle nach Gut Kose. Dort war unser Sohn in früheren Jahren als Eleve in der Wirtschaft gewesen. Als wir den Namen Kose auf der Ortstafel lasen, ließ ich den Treck sofort am Chausseegraben halten und fuhr bei dem Gutshaus vor. Obwohl es erst 15 Uhr war ­- alle Trecks durften immer erst, wenn es dunkel wurde, Quartiere beziehen -­, wurden wir von der Familie sehr freundlich aufgenommen, auch der ganze Treck. Wir hatten ein schönes, warmes Zimmer in dem großen Haus und jeder ein Bett.

15. Februar 1945

Abfahrt über Stolp nach Klein-Brüskow. Hier verlor ich einen Treckwagen mit dem Schmiedemeister Bartkuhn und Familie und Familie Böhnke. Dieser Wagen, zu dem mein Kämmerer hingelaufen war, um etwas zu reparieren, kam kurz vor Stolp von dem Treck ab. Auf einen anderen Weg durch die Polizei eingewiesen, haben wir diesen Wagen mit den Menschen nie mehr gesehen und getroffen.

16. bis 27. Februar 1945

Durch Mützenow, Natzmershagen, Rügenwalde, Dammshagen, Köslin, Schulzenhagen, Kolberg, Dorf Glansee, Klein Zeppelin, Dorphagen, Pribbernow...

28. Februar 1945

Bei entsetzlichem Sturm und Regen nach Langenberg. Hier kamen wir an die Oder. Sechs bis sieben Stunden an der Fähre gewartet, bis wir übergesetzt wurden, weiter nach Pölitz, weiter nach Trestin. Sehr schwerer Tag, 16 Stunden unterwegs.

1. März 1945

Oderübergang.

2. bis 16. März 1945

Mit unserem Treck unter anderem Station gemacht in Gut Stolzenberg, Gut Mentin, Brüskow (Uckermark), Schönwerder, Woldegk, Waren am Müritzsee, Lankow bei Schwerin, Rosenow. Schließlich Rhena, Kreis Schönberg (Mecklenburg), wo die Endstation unseres Trecks sein sollte. Wir wurden jedoch drei Kilometer weitergeschickt zur Domäne Hof Bülow, etwa 30 Kilometer vor Lübeck.

17. März 1945

Hier sollten wir Standquartier beziehen. Im Guts-haus kamen wir sehr gut unter und fanden auch andere Flüchtlingspaare vor. Man gab uns zu essen gegen Bezahlung.

In Bülow waren von den aus Kämmersbruch mitgeführten 65 Personen, darunter acht polnische Gefangenenarbeiter und ein Gefangenenwachmann, zehn Wagen und 20 Pferden nur noch vier Personen (wir und zwei Polenkutscher), zwei Wagen und vier Pferde angekommen. Da zwei Wagen mit 17 Personen in Ostpreußen beziehungsweise in Pommern vom Treck fortgekommen sind und drei Mann zum Volkssturm weggeholt wurden, mussten wegen unterwegs ausfallender Wagen und Pferde 41 Menschen des Trecks auf Eisenbahnstationen zurückgelassen werden. Sie sollten per Bahn nach Mecklenburg transportiert werden. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.

Wie es mit Benno und Lisbeth Dultz weiterging

Auf Hof Bülow fand die Flucht des Ehepaars ihren vorläufigen Schluss. Hier erlebte es das Kriegsende, dann die amerikanische, danach die britische Besatzung. Dann, im Juni 1945, kamen die Russen nach Mecklenburg. Für diesen Fall hatte Benno Dultz vor "weiterzutrecken"; den Wagen hatte er bereits fertig. Aber der Weg über die Elbe war schon gesperrt. Die letzten beiden Pferde wurden ihnen von den Besatzern weggenommen. Es bestand also keine Möglichkeit mehr, überhaupt weiterzuziehen.

Zunächst blieben die alten Leute daher in Bülow. Ihr ältester Sohn war bei Königsberg gefallen. Der zweite kam, entlassen aus amerikanischer Gefangenschaft, zu ihnen. Weiter ging es zum Ostseeort Elmenhorst. Hier fanden sie Arbeit auf dem staatlichen Gut.

Schikanen von Seiten der kommunistischen Verwaltung zwangen 1949 den Sohn, über Nacht nach West-Berlin zu fliehen. Nun packten auch Benno und Lisbeth Dultz wieder ihre Sachen und flüchteten abermals -­ auf abenteuerlichem sowie beschwerlichem Weg zu ihrer Tochter, die mit ihrer Familie in Fürth eine neue Bleibe gefunden hatte. Hier lebten sie bis 1954. Dann zog das Ehepaar nach Arolsen, Kreis Waldeck (Hessen), in ein Altenheim, wo Lisbeth 1955 und Benno 1963 starben.

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