Teil 2: Über dünnes, mürbes Eis

Teil 2 des Fluchttagebuchs: - Ostpreußen, Januar 1945: der Beginn einer großen Völkerwanderung ­ der Flucht der Deutschen vor der näher rückenden Roten Armee. Über Jahrzehnte war das, jedenfalls in den offiziellen Bereichen unseres Landes, tabu. Zu schwer wiegt die deutsche Schuld an Krieg und Völkermord, an Auschwitz und an 20 Millionen russischer Opfer des deutschen Aggressionskrieges.

Erst in jüngerer Zeit rücken auch die Leidtragenden auf deutscher Seite ins Blickfeld. Wenn heute in der ARD der zweite Teil "Die Flucht" gesendet wird (20.15 Uhr), wird das für viele Menschen ein Eintauchen in schmerzlichste Erinnerungen sein. Der Film konfrontiert aber auch die jüngeren Generationen mit einem Kapitel deutscher Geschichte, das in so großem Stil so gefühlsreich und doch so objektiv noch nicht gezeigt wurde. Es gibt nur wenige private Niederschriften der Flucht. Die folgende Dokumentation jener grauenvollen acht Wochen stammt aus dem Familiennachlass unserer Feuilletonchefin Sabine Dultz.

Ende Januar 1945 begann für Benno Dultz (70) und seine Frau Lisbeth (69) die Reise ins Ungewisse. 1300 Kilometer legte das Ehepaar zurück: von ihrem Gut Kämmersbruch übers Haff bis nach Mecklenburg und später ins hessische Arolsen. Für seine Enkel und Urenkel hat Benno Dultz die Stationen der Flucht aufgeschrieben. Er benutzte dabei die Tagebuchaufzeichnungen, die seine Frau während der Flucht fast täglich schrieb.

Und so geht das Tagebuch des Benno Dultz weiter

27. Januar 1945

Schon in der Nacht hatte ein eisiger Schneesturm eingesetzt und die Wege verschneiten tief. Früh am Morgen waren wir wieder auf den Wagen, einen Durchbruch der russischen Panzer und ein Steckenbleiben im Schnee befürchtend. Der Weg führte uns über Arnsberg nach Tykrigehnen. Unzählige Trecks waren auf der Straße, und es war kaum vorwärts zu kommen. Da in Tykrigehnen alles überfüllt war, fuhr ich auf schmalem, tiefverschneitem Wege, wo wir immer Pferde von einem Wagen an den anderen vorlegen mussten, nach dem sehr entfernten Dorf Liebnicken. Die Pferde waren vollständig erschöpft. Spät abends waren wir dort. Nach langem Suchen fand ich ein Zimmer beim Gastwirt. Auch unsere Leute fanden dort irgendwo Strohlager in Häusern, nur die armen Pferde mussten wieder draußen stehen. Obgleich die Kampffront nahe dem Dorfe war, wollte ich den Frauen mit ihren kleinen Kindern und den überanstrengten Pferden einen Ruhetag gönnen.

28. Januar 1945

Aber am Abend dieses Tages waren die Kämpfe in den Wäldern dem Dorfe so nahe, dass ich nachts um 20 Uhr alle Wagen anspannen ließ. Wir fuhren also von Liebnicken nachts ab. Erst den meterhoch verschneiten Weg nach Tykrigehnen zurück, von dort Richtung Zinten.

29. Januar 1945

Unser Treck kam um fünf Uhr früh bei stärkstem Schneetreiben und großer Kälte bis Korschellen. Es war noch stockdunkel und durch die Schneewehen nicht die Hand vor den Augen zusehen. Auch dort und in diesem furchtbaren Wetter musste der Treck draußen stehen, da im Dorf und um das Dorf herum Hunderte von Trecks aufgefahren waren, die keine Unterkunft dort mehr finden konnten. Da wir schon im Kämmersbruch gehört hatten, dass die Russen schon bei Elbing bis an das Haff vorgedrungen seien, dass uns also der Weg diesseits des Haffs abgeschnitten sei, so hatte ich oft den Gedanken erwogen, über Königsberg, Pillau, Ostsee mit meiner Gefolgschaft von Trykigehnen aus weiter zu flüchten. Als wir aber hier und von Liebnicken aus viele Schober, Häuser und Sonstiges südlich Königsberg brennen sahen, wusste ich, dass auch dieser Weg für uns nicht mehr gangbar war.

Der einzige mögliche Fluchtweg war also nur noch über das Haff und die Frische Nehrung. Aber ob die Russen den Ausgang der Nehrung von dem nahen Elbing aus nicht auch besetzt und gesperrt haben würden, bevor wir zu ihm kämen, wer konnte es wissen? So zogen wir von Trykigehnen aus südwärts mit tausend anderen Trecks, Fuhrwerk hinter Fuhrwerk, Schritt für Schritt, eingeengt, behindert und aufgehalten durch marschierende Wehrmachtsteile, durch zerbrochene Wagen und durch ermüdende Pferde.

31. Januar 1945

Morgens früh sechs Uhr fuhr ich mit dem Treck nach Dt.-Thierau. Es war nicht vorwärts zu kommen in dem hohen Schnee und ewig behindert durch andere Trecks. Zu einem Kilometer brauchten wir an manchen Stellen über eine Stunde. Weiter ging es nicht, wir waren ja auch erst um 21 Uhr dort. Waren wieder 14 Stunden unterwegs gewesen. Zuerst saßen oder standen wir in der eiskalten Kirche. Da diese aber so von Menschen und Rauch angefüllt war, zogen wir es vor, die letzten Stunden der Nacht auf unserem Wagen, eingehüllt in unsere Pelzdecken und Pelze, zu verbringen. Irgendetwas Warmes bekamen wir nicht zu essen. Wir hatten nur etwas Brot und Speck. Wenn wir uns auch eine ganze Menge Mundvorräte von Kämmersbruch aus mitgenommen hatten ­- u.a. einen Sack Mehl, Fleisch, Butter, einen Kübel mit Schmalz, Speck und Brote und geschlachtete Hühner -­, so waren diese Vorräte bis auf einen geringen Rest schon aufgebraucht, zum großen Teil auch aus der Lebensmitteltonne von unserem Kastenwagen fortgestohlen worden.

1. Februar 1945

Die Front schien hier ganz nahe zu sein. Morgens mussten alle Trecks ganz übereilt Dt.-Thierau verlassen, da das große Dorf ganz frei gemacht wurde und man Beschuss des Ortes durch die Russen befürchtete. Eingeklemmt in andere Trecks fuhren wir durch an vielen Stellen meterhohen Schnee auf Umwegen nach Hanswalde. Ihr könnt Euch wohl gar nicht denken, wie schwer es auf solchen Fahrten ist, vorwärts zu kommen. Tausende Wagen hintereinander. Immer wieder gibt es Aufenthalt, Warten, Stehen und Fluchen. Fällt ein Wagen aus, weil er im Schnee stecken bleibt oder ein Rad und so weiter kaputt gegangen ist, so wird er einfach an die Seite oder in den Chausseegraben geschoben und andere Wagen setzen sich fort. Damit ist der Treck zerrissen, und er findet sich bestenfalls erst dort zusammen, wo er übernachten will. Oft auch entsteht dadurch längerer Aufenthalt, dass Wehrmachtsteile vorbeigelassen werden müssen. Hier in Hanswalde fanden wir bei einer hilfreichen Familie ein leeres Zimmer und konnten uns ­ die Nacht auf Stroh liegend ­ etwas erwärmen.

2. Februar 1945

Wir blieben diesen Tag und die folgende Nacht über in Hanswalde. Die Frauen wollten Brot backen und für ihre Kinder Wäsche waschen und trocknen.

3. Februar 1945

Erst am Nachmittag kamen wir auf die völlig verstopfte Straße. Dann fuhren wir, immer begleitet von Artillerie- und Gewehrfeuer, die ganze Nacht hindurch in vollkommener Dunkelheit über Braunsberg nach Alt-Pasarge, einem Fischerdörfchen am Frischen Haff. Heftiger Regen hatte eingesetzt und durchnässte uns auf unserem offenen Jagdwagen. Einen Schirm hatten wir nicht mitgenommen. Er hätte uns auch während des ganzen Trecks wenig genützt bei den Schneestürmen und dem während der ganzen Wochen immer herrschenden starken Winde.

4. Februar 1945

Kurz vor Alt-Pasarge mussten wir über das Flüsschen Pasarge mit brüchigem Eis. Endlose Trecks standen hier aufgefahren, um an einer fahrbaren Stelle über das schon etwa 15 Zentimeter unter Wasser stehende Flüsschen -­ eine Brücke war nicht vorhanden -­ herüberzukommen. Bis wir herankamen, dauerte es viele bange Stunden. Vor uns lag nun das Haff. Und über dem Haff sahen wir russische Flieger, die die Trecks auf dem Eis zusammenschossen und dann auch das Dorf beschossen, in dem wir waren. Weiter konnten wir an diesem Tage nicht.

Um gegen den Fliegerbeschuss unsichtbar und etwas mehr gesichert zu sein, hatte ich meinen Jagdwagen in das einige Meter hohe Schilf am Haff fahren lassen. Bei eiskaltem Nebel übernachteten Eure Großmutter und ich auf dem offenen Wagen, eingehüllt in unsere nassen Pelze und Decken.

5. Februar 1945

Um sechs Uhr früh trat ich mit dem Treck zur Überfahrt über das Haff an, vor und nach uns Hunderte anderer Trecks. Die Frauen wollten die Überfahrt über die schwache Eisfläche, auf der auch schon viel Wasser stand, und aus Angst vor russischen Fliegern nicht mehr wagen. Ich aber bestand darauf und beruhigte sie, indem ich ihnen sagte, alles andere wäre nicht so schlimm, als den so nahen Russen in die Hände zu fallen. So fuhren wir denn auf die große spiegelglatte Eisfläche, die von Eisspalten zerrissen war, welche von den Wagen aus unter dem darüber stehenden Wasser schlecht zu erkennen waren. Auch ein Pferd meines Trecks geriet in eine solche Spalte, konnte aber vermittels Leinen vor dem Ertrinken gerettet werden.

Auf dem Eise lagen sehr viele tote Pferde, zerschossene Wagen und unendlich viel Gerät von dem Fliegerbeschuss des vorigen Tages umher, während die verwundeten oder erschossenen Menschen schon an Land geholt waren. Wir hatten insofern Glück, dass deutsche Flieger an diesem Tage über dem Haff und der Nehrung waren, und die Russen es daher vorzogen, nicht zu erscheinen. Eine tragfestere Route über das Haff war von Fischern mit Stangen abgesteckt und soll täglich ganz früh des Morgens auf größere Spalten und Wunen hin kontrolliert bzw. abgeändert worden sein.

Da das Eis dünn und mürbe war, so sollten die schweren Ernte-Treckwagen mit 50 Metern Abständen fahren. Ich sah oft, wie sich die Eisdecke unter der schweren Last bog. Tausende Wagen sah man zugleich auf dem Haff, dazwischen Tausende Flüchtlinge und Soldaten zu Fuß. Frauenburg, Braunsberg, Heiligenbeil waren in der Nacht ­ wir waren am Tage vorher gerade durch Braunsberg gezogen ­ von Fliegern mit Bomben belegt und teilweise zerstört worden, auch dortige große Wehrmachtslazarette.

Verwundete Soldaten und Zivilisten an Stöcken und Stäben humpelnd, viele ohne Schuhe, alte Lappen und Säcke um Hände und Füße, Kopf und Körper als Verbände gewickelt, Männer und Frauen mit Kindern, ihr gerettetes Hab und Gut vor sich in dem Wasser hinschiebend, bestaubt von dem Schutt und der Asche der zusammengebrochenen Häuser dieser Städte -­ so zogen sie über die sie vorläufig rettende Eisfläche und dann über die Nehrung, müde, hungrig und verzweifelt. Und wenn die Trecks auch viele mitnahmen, so konnten wir doch nicht unsere Wagen zu sehr und immer mehr auf der mürben Eisdecke belasten. All diese unglücklichen und beklagenswerten Menschen hatten noch einen weiten Weg vor sich zu den Lazaretten in Danzig oder anderen Unterkunftsmöglichkeiten. Auf der langen einsamen Nehrung werden sie eine solche nicht gefunden haben.

Da die Eisdecke in der Nähe der Nehrung mit hohem Wasser umgeben und dort nicht mehr tragfähig war, mussten wir etwa eine Stunde nach Süden ausbiegen und konnten erst bei Kahlberg auf festerer Eisdecke auf die Nehrung kommen. Aber die Ufer waren dort sehr steil, die Pferde krank und übermüdet, die Fuhrwerke fuhren sich oft fest, und man kam nicht vorwärts. Alle aber hatten den Wunsch, vom Eise herunterzukommen.

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