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TV-Kritik

So war Til Schweigers erster Tatort

Hamburg - Til Schweiger gab am Sonntag sein „Tatort“-Debüt. Er war eindrucksvoll, offenbarte aber auch seine schauspielerischen Schwächen. Lesen Sie hier die Kritik:

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Rapport bei der attraktiven Staatsanwältin, der Neue muss erklären, warum er gleich beim ersten Einsatz drei Menschen erschossen hat. Im Schlepptau hat Nick Tschiller (Til Schweiger) eine junge osteuropäische Zwangsprostituierte namens Tereza (Nicole Mercedes Müller), die er vor ihren Zuhältern schützen will. Das Gespräch dauert nicht lang, hinterher raunt das Mädchen dem Kommissar in gebrochenem Deutsch amüsiert zu: „Sie chat Dir auf Arsch geguckt!“

Szenen wie diese gibt es viele in Til Schweigers „Tatort“-Debüt „Willkommen in Hamburg“, sie zeigen, bisweilen augenzwinkernd, dass der Held unwiderstehlich ist, auch wenn er einmal nicht herumballert. Nick Tschiller – das ist einer, der den faulen „Kiezfrieden“ stört, der sich (fast) im Alleingang mit einem schier übermächtigen Gegner anlegt und dafür von den männlichen Kollegen respektiert und von den weiblichen bewundert, wenn nicht sogar angehimmelt wird.

Man kann nicht anders als den Hut zu ziehen vor der Chuzpe, mit der Til Schweiger die Krimireihe gekapert und ihr seinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt hat. Und wie immer bei seinen erfolgreichen Projekten hat der 49-Jährige mit dem richtigen Riecher für das beste Ergebnis nichts dem Zufall überlassen, weder beim Plot noch beim Personal oder der Regie.

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Hier geht’s nicht um Mord im Reihenhaus, sondern um Menschenhandel. Ein skrupelloser türkischer Clan, der minderjährige Mädchen in seine Gewalt bringt, sie willenlos macht und reichen (deutschen) Freiern zuführt – das ist politisch unkorrekt genug, um die Zuschauer schnell auf Tschillers Seite zu bringen. Der Kommissar kann von der ersten Minute an als Beschützer traumatisierter Kindfrauen Punkte sammeln und sich für sie in Gefahr bringen, schließlich hat er ja selbst eine Tochter im Alter der Opfer zuhause. Apropos Tochter – es ist so platt, dass es schon fast wieder gut ist, wie konsequent sich Til Schweiger hier selbst als „Kokowääh“-Papa zitiert. Der Kämpfer gegen das Böse als ungeübter Erzieher – sehr niedlich!

Autor Christoph Darnstädt und Regisseur Christian Alvart inszenieren ihre Hauptfigur ansonsten immer wieder hemmungslos als Kampfmaschine, die nach kurzem Sprint sogar einen Lieferwagen einholt und stürmt. Dass dabei auch bei ihm selbst reichlich Blut fließt, ist kein Widerspruch – für die gute Sache zu kämpfen tut eben auch mal weh.

Doch die grandiosen Bilder und Actionszenen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte neben vielen konzeptionellen Stärken wie dem klug konstruierten Duell mit dem zur Gegenseite übergelaufenen Ex-Partner (Mark Waschke) auch ihre Schwächen hat. Das von seinem neuen Kollegen Yalcin Gümer (Fahri Yardim) vom Krankenbett aus bediente Netbook erweist sich als Alleskönner, der so manchen Knoten durchschlägt, wenn klassische Ermittlungsarbeit nicht mehr weiterhilft.

Fahri Yardim spielt Schweiger an die Wand

Überhaupt Fahri Yardim – er ist die eigentliche Überraschung in diesem Debüt. Die Dialogszenen zeigen seine große Schauspielkunst und offenbaren zugleich schonungslos, wie begrenzt die diesbezüglichen Möglichkeiten des eigentlichen Hauptdarstellers sind. Nick Tschiller lässt keine Sekunde vergessen, dass es sich hier eigentlich um Til Schweiger handelt, der (wieder) bei der Kripo angeheuert hat. Dem Rest des Films sieht man an, dass viel Geld in die Effekte gesteckt und in gute Schauspieler investiert wurde – zu nennen sind hier unter anderen Tim Wilde als Nicks Chef und Britta Hammelstein als seine Kollegin Ines Kallwey.

Til Schweiger und seine Entourage haben den „Tatort“ nicht neu erfunden, sehenswerte Folgen wie diese gab es schon vor ihm und wird es auch in Zukunft geben. Dennoch sollten sich die ARD-Verantwortlichen diesen Coup eine Lehre sein lassen – und nicht nur Schweiger, sondern auch den anderen „Tatort“-Machern so viel Engagement zuteil werden lassen. Dass es daran oft mangelt, mit dem entsprechenden Ergebnis – auch dafür gab es in der Vergangenheit genügend Beispiele.

Rudolf Ogiermann

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