Zum Töten gezwungen

- Politische Dokumentarfilme haben Konjunktur: Von Michael Moores "Bowling for Columbine" bis hin zu Erwin Wagenhofers "We feed the World" prangern sie an, rütteln wach. Mit "Lost Children" kommt nun ein äußerst bemerkenswertes Exemplar der Gattung erstmals ins Fernsehen: Der Kinofilm von Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz lässt Kindersoldaten aus dem Norden Ugandas von ihren Erlebnissen im Krieg erzählen.

Was der Zuschauer zu hören bekommt, ist haarsträubend, erschreckend, aber es ist die Realität, vor der wir die Augen verschließen. Seit knapp 20 Jahren herrscht in dem afrikanischen Land Krieg. Heute Abend zeigt Arte die gemeinsam mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) produzierte Dokumentation in einer kürzeren Fernsehfassung beim "Themenabend Kindersoldaten".

"Kann man von Frieden träumen, wenn man nur Krieg kennt?", fragt der Film. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Uganda haben Frieden in ihrem Land noch nie erlebt. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit findet zwischen der Regierungsarmee und der fanatisch-religiösen Rebellenorganisation Lord's Resistance Army (LRA) der längste ununterbrochene Bürgerkrieg statt. Es ist ein brutales, systematisches Morden. Die LRA entführt dafür hunderttausende Kinder aus ihren Dörfern und zwingt sie zum Töten. Wenn es den Kindern gelingt zu fliehen, haben sie meist keine Perspektive: In ihren Dörfern gelten sie als verloren, als "lost children", die ihre Hände niemals mehr von Blut reinwaschen. Vier Kinder zwischen acht und 14 Jahren, die der LRA entkommen sind, berichten von ihren Erfahrungen.

"Die Mittel für den Krieg kommen aus dem Westen."

Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi

Stoltz und Ahadi, beide selbst von Kriegserlebnissen in der Kindheit geprägt, waren mehrere Monate in dem Land, filmten ohne Drehgenehmigung und nur mit einem kleinen Team. "Wir wollten das unvorstellbare Geschehen aus der Sicht der Kinder zeigen", erzählt Regisseur Ahadi. Die Filmemacher gehen dabei sensibel vor, nie voyeuristisch, schauen aber auch nicht weg. Da ist zum Beispiel Jennifer, 14 Jahre. Fünf Jahre tötete sie im Auftrag der Rebellen. Die Bilder verfolgen sie Tag und Nacht: Anzünden der Hütten, Töten von Zivilisten, Zerstückeln anderer Kinder, Vergewaltigungen und sogar Kannibalismus. Sozialarbeiter versuchen geduldig, die Angst der Kinder abzubauen, sie wieder lebensfähig zu machen. "Das gelingt nicht immer", sagt Ahadi. Für viele sei die einzige Perspektive die Regierungsarmee, die die Kinder mit offenen Armen empfängt.

"Aber wie kann das sein? Wie kann eines der ärmsten Länder der Welt so lange einen solchen Krieg finanzieren?", fragt Ahadi und legt den Finger in die Wunde: "Die Mittel für den Krieg kommen aus dem Westen." Seit der Uraufführung auf der Berlinale 2005, dem Kinostart im November und vielen Vorführungen vor Politikern, Journalisten und in rund 40 Schulen hat der Film laut Ahadi schon etwas bewirkt: Eine halbe Million Euro konnte gesammelt werden. Wenngleich im Norden Ugandas die Kindsentführungen durch die LRA zurückgingen, dürfte der Krieg noch Jahre andauern. Dass danach eine zerstörte Gesellschaft mit traumatisierten Menschen zurückbleibt, macht der Film schonungslos deutlich.

Für ihre Leistung wurden die Filmemacher mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Panorama-Publikumspreis auf der Berlinale 2005, dem UNICEF-Filmpreis sowie dem Deutschen Filmpreis 2006.

Arte, heute, 20.40 Uhr.

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