Ein totes Baby auf dem Seziertisch

Frankfurt - Fernsehdirektor verteidigt den jüngsten ARD-"Tatort" gegen den Vorwurf zu drastischer Darstellungen.

Die ARD hat mit einer "Tatort"-Folge erneut Anstoß erregt. In der am Pfingstmontagabend gesendeten Folge "Der frühe Abschied" wird ein totes Baby kurz vor der Obduktion in der Gerichtsmedizin gezeigt. Medienexperte Jo Groebel übte in der "Bild"-Zeitung Kritik: "Es scheint, als habe man den Film so aufpeppen wollen." Es sei dramaturgisch nicht notwendig gewesen, diese Szene zu zeigen, so Groebel.

Der Fernsehdirektor des Hessischen Rundfunks (HR), Manfred Krupp, der zugleich Jugendschutzbeauftragter des Frankfurter Senders ist, sagte am Dienstag, über die Szene sei bei der Abnahme des Films "durchaus länger diskutiert worden, weil sie an die Nieren geht". Beim HR habe sich kein Zuschauer über den "Tatort" beschwert. Bei der ARD in München hieß es, nur vier Zuschauer hätten auf die umstrittene Szene reagiert, aber nicht unbedingt nur negativ. Am Sonntag zuvor habe es weit mehr Aufregung um den Wiener "Tatort" gegeben, weil der Dialekt teilweise nicht verstanden worden sei.

Krupp sagte, nach zwei öffentlichen Vorführungen des Films vor der Ausstrahlung - beim Krimifestival in Wiesbaden und bei einer öffentlichen Voraufführung mit fast 1000 Zuschauern - habe niemand geäußert, dass die Szene nicht zumutbar sei. Er wolle aber überhaupt nicht bestreiten, dass es eine schwierige Sequenz sei, betonte Krupp.

Zu seinen Gründen, als Jugendschutzbeauftragter keine Einwände erhoben zu haben, sagte er, man müsse die umstrittene Szene im Gesamtzusammenhang des Films sehen. Die Frage sei, wie weit man gesellschaftliche Realität darstellen wolle. Angesichts realer Fälle von Kindesmisshandlung und toten Babys in Tiefkühltruhen befürworte er die Darstellung der Härte der Realität. Die jüngste "Tatort"-Folge zeige aber auch, dass man sich vor einer vorschnellen Verurteilung hüten müsse und hoffnungslos überforderte Eltern nicht unter einen Generalverdacht stellen dürfe.

Im Fernsehen gebe es immer mehr Stoffe, die in der Gerichtsmedizin spielen. "Die Zuschauer sind drastischere Szenen gewohnt", sagte der HR-Fernsehdirektor. Er betonte, der Schnitt der Gerichtsmedizinerin werde nicht gezeigt. Außerdem könne man erkennen, dass das tote Kind eine Puppe sei. "Das ist in dieser Szene keine Schwäche, sondern mindert den Effekt", meinte Krupp.

Den "Tatort" mit den Frankfurter Ermittlern Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) war mit 6,11 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 21,5 Prozent Tagessieger am Pfingstmontagabend. "Der frühe Abschied" (Regie: Lars Kraume) handelt von einem drei Monate alten Baby, das plötzlich tot im Bett liegt.

Die Mutter wird von ihrem Ehemann verdächtigt, dem Kind etwas angetan zu haben. Das Paar hat schon sein erstes Kind durch ungeklärte Umstände verloren. Die Ermittlungen der beiden Kommissare ergeben keine Anzeichen für einen gewaltsamen Tod des Kindes.

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