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Glückwunsch, Bambi: Schauspielerin Eva Longoria, Preisträgerin von 2007, küsst zärtlich das goldige Reh.

60 Jahre Bambi

Ein Reh zum Träumen

München – Der Bambi hat Geburtstag: Der Medienpreis, der in Gestalt eines goldenen Rehkitzes verliehen wird, wird 60 Jahre alt. Längst ist der Bambi zu einem riesigen Medien-Spektakel geworden. Begonnen hatte alles mal im stillen Kämmerlein.

Da sitzt sie wieder, die Bellissima, ganz vorne bei Senator Franz Burda. Es ist 1969, und die Jury ist verliebt in sie. Gerade haben sie ihr den neunten Bambi in Folge geschenkt: Das Gold-Kitz ist wie gemacht für die Bella Donna mit den Rehaugen. Jetzt wird Sophia Loren aber müde, sie will ins Bett. Als sie auf ihr Zimmer geht, vergisst sie ihr¦e Handtasche neben dem Senator. Der, ganz Gentleman, geht zu ihr hoch. „Ich klopf‘ an die Tür“, erzählt er später, „da steht sie im Negligé. Oh, Strohbächle, war die schön!“
Die Loren war ein schöner Traum, und der badische Verleger Burda schenkte ihn dem deutschen Publikum im Jahres-Takt. Ums Träumen geht es beim Bambi ja im Kern, um Glanz und Glamour, um einen Hauch große Welt. Der bläst nun, zum 60. Jubiläum, in Offenburg, wo der Burda-Stammsitz liegt, und so langsam gerät die sonst beschauliche 60 000-Einwohner-Stadt aus dem Häusle: Bäcker preisen Bambi-Semmeln an, die Bürgersteige sind mit roten Hollywood-Sternen gepflastert und das aktuelle Lebensmotto Offenburgs („Wir sind Bambi“) prangt an Bussen und Plakaten. Klar, dass in den Schaufenstern Gold-Rehe aus Pappe kleben.
Das Vorglühen ist nichts im Vergleich zum Mega-Spektakel, das heute Abend steigt. Dort gilt: Superlative sind gerade gut genug. 1800 Mitarbeiter sind engagiert, darunter 45 Köche, 80 Hostessen und 150 Servicekräfte. Der Rote Teppich ist rekordverdächtige 320 Meter lang. In der Halle hängen 14 Kameras, die Live-Bilder in die Wohnzimmer liefern – etwa von Preisträgern wie Meg Ryan, Keanu Reeves, Hardy Krüger, Christine Neubauer, Til Schweiger und Frank Plasberg (siehe auch Menschen-Seite). Die Sängerin Britney Spears stellt ihren neuen Song Womanizer live vor. 500 Magnum-Flaschen Champagner liegen auf Eis, Harald Schmidt wird zum dritten Mal moderieren.
Kaum vorstellbar, dass die ersten Bambis fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit verliehen wurden – in Film-Ateliers oder bei Film-Premieren im Kino, stets von seriös dreinblickenden Herren, die „stolz auf ihren ersten Wirtschaftswunder-Smoking waren“, wie Filmjournalist Will Tremper schrieb. Und: „Die Bauchbinde hatte schon wieder was zu halten.“
Denn am Beginn der Bambi-Ära mussten die Deutschen das Träumen erst wieder lernen. 1948 wurden erstmals Porzellan-Rehe vergeben, an die Schauspieler Marika Rökk und Jean Marais, das war im Jahr der Währungsreform. Es gab neues Geld, das nach Kriegs- und Hungerjahren die Schaufenster wieder zu füllen begann. Über Nierentischen leuchteten Tütenlampen. Der Sohn des Senators, Hubert Burda, trat da als „ein Steppke in kurzen Hosen“ in Erscheinung, so Tremper. Heute ist er ein Medien-Gigant und Gastgeber der Bambi-Gala.
Fernseher gab es in der jungen Bundesrepublik nicht viele, und so wurden die ersten Bambis als Film-Preise verliehen. Damals wählten nicht die Chefredakteure von Burda die Preisträger, sondern die Leser der Zeitschrift „Film-Revue“. 1955 gab es in Karlsruhe die erste große Gala, den Preis erhielt das Film-Traumpaar Maria Schell und O.W. Fischer. Bald zog der wachsende Bambi-Ruhm Weltstars aus Rom, Paris, Hollywood an. 1957 bekam Rock Hudson das erste seiner sieben Gold-Rehe.
1962 übernahm Franz Burda die „Film-Revue“ und mit ihr den Bambi. Er erweiterte ihn ab Mitte der sechziger Jahre zu einem Film- und Fernsehpreis. In den achtziger Jahren wurde der Bambi zu einem Allround-Medienpreis: Ausgezeichnet wurden nun auch Modedesigner, Wissenschaftler, Sportler, Autoren – und 1999 die Rettungshundestaffel Augsburg.
Bis 1964 wurden Bambis in Karlsruhe, danach in München verliehen. Dann ging es kreuz und quer: 1971 flog man die Preisträger nach Monte Carlo zu Gracia Patricia, 1972 fuhr ein Bambi-Sonderzug voller Stars nach Salzburg, 1973 schipperte sie ein Dampfer zur Bodensee-Insel Mainau. 1974 ging es in den Schnee von Ruhpolding, und auf der Einladung stand nicht „Dunkler Anzug erbeten“, sondern: „Warme Unterwäsche nicht vergessen!“ Sopranistin Anneliese Rothenberger fuhr in Sandaletten mit auf die Alm, und als alle speisten, fiel Neuschnee. „Wir haben die Ärmste fast bis ins Tal getragen“, plauderte Peter Alexander später aus. Seine Bambi-Herde ist zehn Tiere stark.
Manche Momente sind in Erinnerung geblieben – weil sie groß oder peinlich waren. 1984 stammelten sich Ursula Andress und Helmut Berger so blamabel durch ihre Laudatio auf Giorgio Moroder, dass die Rede später im leeren Studio noch einmal fürs Fernsehen aufgezeichnet werden musste. 1987 hob Alain Delon seinen Bambi gen Himmel und sagte mit bewegter Stimme: „Für dich, mein Puppele!“ Er meinte die 1982 verstorbene Romy Schneider, die nie einen Bambi bekommen hatte. 1988, kurz vor dem Mauerfall, knabberte das kleine Reh ein Schlupfloch in den sozialistischen Wall gegen den Kapitalismus: Geehrt wurde Eislauf-Star Katharina Witt. 1990 fand der Bambi erstmals im einig Vaterland statt – in Leipzig mit Preisträger Kurt Masur.
Der „Courage“-Bambi für den Scientologen Tom Cruise 2007 sorgte für Zunder – auch weil viele nicht einsahen, was mutig daran gewesen sein sollte, einen Film über den Hitler-Attentäter Stauffenberg zu drehen. Den nötigen Respekt wiederum ließ die Band „Lemon Tree“ 1996 vermissen. „Wir lieben Rehe“, sagte Sänger Peter Freudenthaler, „besonders mit Preiselbeeren.“

von Robert Arsenschek

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