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Paraderolle: In der TV-Serie „King of Queens“ spielte Stiller neun Jahre lang den schrulligen Arthur.

„King of Queens“-Star Jerry Stiller stirbt mit 92

Der wahre König von Queens

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Der US-amerikanische Comedy- und Serienstar Jerry Stiller ist mit 92 verstorben. Und mit ihm ein Stück Fernsehgeschichte.

Kein Anschluss unter dieser Nummer. Wer die Tastenkombination „555 NASE“ wählt, wartet vergeblich darauf, dass Jerry Stiller abnimmt. Mit 92 Jahren ist der ungemein liebenswürdige und ebenso lustige Komödiant und Schauspieler am Montag verstorben. „From natural causes“, aus Altersgründen wohl, wie sein Sohn Ben Stiller, ebenfalls Schauspieler, via Twitter mitteilte.

„555 NASE“ – alle Fans der Fernsehserie „King of Queens“ erinnern sich wehmütig an die Szene, in der Stiller als kauziger Arthur Spooner sein erstes Handy bekommt und voller Stolz jedem seine Kontaktdaten ins Ohr brüllt. Total egal, ob ihn überhaupt jemand danach gefragt hatte. Arthur Spooner ist Kult. Weil er für genau das steht, was eine klassische Sitcom ausmacht. Eine, bei der man nicht wie bei heutigen komplex verschachtelten Serien-Epen wie „Game of Thrones“ ständig zurückspulen muss. Nebenher bügeln? Von wegen. Kaum hat man eine Sekunde zu lang auf den Hemdkragen geschaut, ist die nächste wichtige Person zur Strecke gebracht. Nicht so bei „King of Queens“. Da konnte man gewiss sein, dass auch in der nächsten Folge und der übernächsten und scheinbar bis in alle Ewigkeit Arthur Morgen für Morgen aus seinem Kellerzimmer nach oben rumpelt, um das Leben von Tochter Carrie (Leah Remini) und Schwiegersohn Doug (Kevin James) auf seine Weise zu bereichern.

„Love him so much“ twitterte Kevin James zu diesen Fotos, die ihn mit Stiller in „King of Queens“ (o.) und bei einem Treffen 2017 zeigen.

Kevin James war es, der Stiller Ende der Neunzigerjahre dazu überredete, in der Reihe mitzuspielen. Zu dem Zeitpunkt hatte der damals 71-Jährige das Showbusiness eigentlich hinter sich lassen wollen. Was natürlich völliger Unsinn gewesen wäre. Weil einer wie er eine Bühne brauchte. Einfach, um Lebensfreude zu verbreiten. Mit Witz, Klamauk und Albernheiten.

Die Kindheit im Brooklyn der Dreißigerjahre muss so ziemlich das Gegenteil davon gewesen sein. 1927 wurde Stiller dort als ältestes von vier Kindern geboren. Die Mutter Hausfrau, der Vater Busfahrer. Beide ihrerseits Kinder von aus Europa immigrierten Juden. Es waren ärmliche Verhältnisse, in denen Stiller nach und nach das Theater für sich entdeckte – und damit die Möglichkeit, über das Spiel in andere Welten einzutauchen. Nach seinem Militärdienst studierte er Schauspiel an der Syracuse University.

Mit „Seinfeld“ startete er richtig durch

Mit seiner Frau, der Schauspielerin Anne Meara, führte er von der Hochzeit 1954 bis zu ihrem Tod 2015 ein gemeinsames privates und berufliches Leben. Sie bekamen die Kinder Ben und Amy (auch sie Schauspielerin) und tourten als Comedy-Duo. Zusammen traten sie sehr erfolgreich in diversen Shows und Formaten auf. Ihre Sitcom „The Stiller and Meara Show“ (1986) wurde allerdings schon nach wenigen Wochen abgesetzt.

Ein heutiger TV-Klassiker sollte es sein, mit dem Stillers Karriere richtig Fahrt aufnahm: Von 1993 bis 1998 spielte er Frank Costanza in „Seinfeld“. Auch hier also wieder einen Typen, den fast jeder in seiner Verwandtschaft hat: dieser schrullige alte Mann, der tierisch nerven kann – aber einen doch immer wieder dazu bringt, ihm alles zu verzeihen. Der Lohn für Stiller: eine Emmy-Nominierung, der American Comedy Award – und Millionen Fans.

Eine schrecklich lustige Familie: Jerry Stiller, seine Frau Anne (re.) und die gemeinsamen Kinder Amy und Ben.

Danach sollte Schluss sein. Wäre nicht Kevin James mit der Figur des Arthur Spooner um die Ecke gekommen. Welch ein Glück. Neun Jahre und neun Staffeln lang lieferten sich Stiller und James ihren Schlagabtausch. Im Grunde beide zwei kleine Jungs, die um die Aufmerksamkeit von Tochter/Ehefrau konkurrierten. Wie der 1,65 Meter kleine Stiller als Arthur seine Brust nach vorn und das Kinn nach oben reckte, wann immer er seinen Willen gegenüber dem größeren (und breiteren) Doug durchsetzen wollte, bleibt genauso in Erinnerung wie seine Versuche, auch mal etwas für den Familienhaushalt beizutragen („Schon wieder im Bingo gewonnen!“ „Wirklich? Wie viel?“ „Elf Mäuse! Familientreffen, hopp hopp!“).

Am Ende jeder Episode musste sich dieser Arthur Spooner freilich immer geschlagen geben. Lebte der alte Kauz doch auf Kosten des Jüngeren. Wer zahlt, schafft an. Oder wie Arthur es einmal gegenüber seinem Schwiegersohn kommentierte: „Es ist deine Welt, ich lebe nur darin.“ Dass das nun nicht mehr stimmen soll, möchte man nicht glauben. Keine immer gleiche Kulisse mehr, kein Lachen aus der Konserve, keine herrlich belanglose Berieselung ohne jeden perfekt konstruierten Handlungs-Twist. Mit Jerry Stiller ist auch ein Stück US-amerikanische Fernsehgeschichte gestorben.

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