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„Was wir machen, ist im besten Sinne authentisch“: Talkmoderatorin Bettina Böttinger, wird 60.

Großes Geburtstags-Interview

Bettina Böttinger: „Meine Gäste spüren die gute Vorbereitung“

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Köln - Sie mache „Unterhaltung, die von einer gewissen Sinnhaftigkeit geprägt ist“ – so beschreibt Bettina Böttinger ihre Gesprächssendungen im WDR Fernsehen. Im Merkur-Interview spricht sie über ihre Talksendungen, die Wut der Bürger, AfD-Politiker und ihren Streit mit Harald Schmidt.

Es begann im Jahr 1991 mit „Parlazzo“ und ging weiter mit „B. trifft“, das die gebürtige Düsseldorferin von 1993 bis 2004 moderierte. Seit 2006 lädt Böttinger immer freitags um kurz nach 22 Uhr zum „Kölner Treff“. Jüngstes Kind ist der erst vor wenigen Wochen gestartete Zuschauertalk „Ihre Meinung“. Für Schlagzeilen abseits ihres Jobs sorgte die Journalistin, die am heutigen Montag 60 wird, im Jahr 1996, als sie von Harald Schmidt in dessen Show (damals Sat.1) mit einem derben Spruch als lesbisch geoutet wurde.

Sie sind seit langem erfolgreich mit Talkshows, haben aber immer noch keine Sendung im Ersten. Was ist da schief gelaufen?

Das weiß ich auch nicht. (Lacht.) Ich erinnere mich aber daran, dass in den Anfängen von „B. trifft“ der damalige Fernsehdirektor Jörn Klamroth die Sendung im WDR Fernsehen halten wollte. Das fasse ich als Kompliment auf.

„Hart aber fair“ hat den Sprung vom Dritten ins Erste geschafft.

Ja, klar, aber wenn Sie sich die Talkschiene im Ersten anschauen, dann ist da kein Platz für Boulevardtalk, wenn ich das mal so nennen darf. Wir hatten die sehr erfolgreiche Sendung „Boulevard Bio“, diese Sendung sollte eigentlich Sandra Maischberger übernehmen. Sie hat sich aber Richtung Polittalk orientiert und da auch längst etabliert. Unterhaltungstalk wird eben immer auf den Freitagabend in den jeweiligen Dritten prorammiert, während das Erste der Politik vorbehalten ist.

Wenn Sie definieren müssten, was den „Kölner Treff“ unverwechselbar macht, was würden Sie antworten?

Zunächst einmal ist das Besondere, dass ich alleinige Gastgeberin bin, anders als bei Sendungen wie der „NDR Talkshow“ oder „Riverboat“ beim MDR. Und sicherlich sind die Formate durch die Personen geprägt, die sie präsentieren. Wir haben in allen Formaten immer auch Nicht-Prominente eingeladen, die man üblicherweise nicht im Fernsehen sieht.

Da sind Sie heute aber nicht mehr allein, auch ein Markus Lanz im ZDF lädt gerne einmal Nicht-Prominente ein.

Wir haben aber damals, und das meine ich in aller Bescheidenheit, mit diesem Konzept angefangen und es auch beibehalten. Alle Gäste, ob prominent oder nicht so medienerfahren, spüren die gute Vorbereitung, sie fühlen sich sicher, ernst genommen und lassen sich so auf Gespräche vor der Kamera ein.

Die Öffentlich-Rechtlichen sind unter Dauerbeschuss, da fallen oft die Begriffe „Lügenpresse“ und „Zwangsgebühr“. Belastet Sie das nicht – als prominenter Kopf einer Institution, die ein so schlechtes Image zu haben scheint?

Ich beziehe das nicht auf mich. Ich kann nur sagen, dass ich gerührt bin über das positive Feedback vieler Zuschauerinnen und Zuschauer. Das war und ist für mich immer eine ganz besondere Währung, dass ich den Ton zu treffen scheine und sehr vielen Menschen das Gefühl gebe, dass das, was wir machen, im besten Sinne des Wortes authentisch ist.

Also täuscht der Eindruck, den man gewinnt, wenn man in den Sozialen Netzwerken über ARD und ZDF liest?

Das weiß ich nicht. Sicher ist, dass das im Netz eine gewisse Dynamik bekommt. Es erfüllt mich mit großer Sorge, was sich an Wut breit macht gegen alles, was etabliert zu sein scheint, ob Politik oder Medien. Selbst ich, die ja mit ausnahme von „Ihre Meinung“ keine klassische Polittalkshow macht, bekomme auf Facebook oder anderswo Beschimpfungen ab. Da geht es nicht um Fakten, sondern darum, sich Luft zu machen. Für das gesellschaftliche Klima ist das höchst gefährlich.

Woher kommt diese Wut?

Ich denke, viele Menschen fühlen sich abgehängt in diesem Land, in dem die soziale Marktwirtschaft stets wichtig war. Solidarität ist der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält, und diese Solidarität ist nicht zuletzt durch die Politik in den letzten Jahren aufgeweicht worden. Die Zahl der Niedriglohnempfänger wächst, und das wirkt sich nicht nur auf die aktuellen Lebensbedingungen aus, sondern führt am Ende direkt in die Altersarmut. Das ist eine Entwicklung, gegen die sich die Menschen irgendwann stellen werden.

Haben die Medien nicht ein bisschen Mit- schuld mit ihrer Politikerschelte?

Das glaube ich nicht. Mich verwundert, dass so viele AfD-Vertreter im Fernsehen zu Wort kommen, und frage mich manchmal, wohin das führt.

Thomas Baumann, der Ex-Chefredakteur der ARD, sagt, man wolle lieber mit Alexander Gauland reden als über ihn.

Ich würde in meine Sendung keine rechtsradikalen Politiker einladen, weil jedes Gespräch mit ihnen eine Eigendynamik hat, die man nur bedingt steuern kann. Wenn ich mir beispielsweise Frauke Petri anschaue, die alle konkreten Fragen weglächelt und immer die gleichen Argumente wiederholt, dann weiß ich, dass uns das nicht weiterbringt.

Den Vorwurf, immer dieselben Politiker einzuladen, macht man den Talkshowmachern schon lange.

Natürlich lädt man immer wieder Parteivertreter ein, von denen man weiß, dass sie meinungsfreudig sind. Polittalkshows sollen ja nicht nur das politische Bewusstsein schulen, sondern haben letztlich auch einen gewissen Unterhaltungswert. Trotzdem finde ich, dass die AfD überrepräsentiert ist.

Ist „Ihre Meinung“ nicht auch eine ganz demonstrative Offerte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens an die Menschen, die glauben, von der Politik nicht gehört und in den Medien nicht mehr repräsentiert zu werden?

Ja, das kann man so sagen. Ich kann Politikerinnen und Politikern nur empfehlen, sich die Sendung anzuschauen, damit sie mitbekommen, wie die Lebensrealität der Menschen aussieht.

„Ihre Meinung“ hätte es doch vor zehn Jahren auch schon geben können. Ist man jetzt erst darauf gekommen, weil man gemerkt hat, dass herkömmliche Gesprächsrunden den Erfordernissen nicht mehr gerecht werden?

Wir haben vor ungefähr zehn Jahren ein Format ausprobiert, das an die Sendung „Het Lagerhuis“ im niederländischen Fernsehen angelehnt war. Da haben ganz normale Leuten, vom Juristen bis zur Krankenschwester, über aktuelle Themen diskutiert. Das wurde bei uns nicht weiterverfolgt, weil man Bedenken hatte, dass eine Laiendiskussion den Details politischer Entscheidungen nicht gerecht wird. Vielleicht sind wir wirklich etwas spät dran, aber jetzt gibt es uns ja, und die Sendung ist sehr erfolgreich.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Harald Schmidt?

Über diese Frage stöhne ich immer ein bisschen. Das ist 20 Jahre her und heute kein Thema mehr. Das war eine Form von Denunziation, die es bis dahin im Fernsehen nicht gegeben hatte. Ich wollte ihm in seiner Sendung meine Meinung sagen, genau das habe ich gemacht, und damit war der Fall für mich erledigt.

Haben Sie sich mal abseits der Kameras ausgesprochen?

Nein, das war eine öffentliche Auseinandersetzung, und ich habe öffentlich gesagt, was ich davon halte. Ich beobachte allerdings seit einigen Jahren – dafür mache ich aber nicht Harald Schmidt verantwortlich –,dass der Ton auch in sogenannten Unterhaltungsformaten schärfer, auch verächtlicher geworden ist. Es gibt einen Typus von Comedian, der sagt: „Was witzig ist, bestimme ich!“ Auch wenn es andere persönlich verletzt. Wenn ich mir so etwas anhöre und ansehe, dann wundere ich mich nicht, dass man dergleichen auch mehr und mehr auf der Straße hört. Die Menschen ahmen diesen Ton nach. Da haben die Medien eine Verantwortung, der sie gerecht werden sollten.

Das Gespräch führte

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