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TV-Jahresrückblick von A bis Z

Aufstiege, Abstiege, Ausstiege

Wer kam, wer ging, was wurde zum großen Erfolg, was hat man schon wieder vergessen? Ein – nicht immer ganz ernst gemeinter – Rückblick auf Namen und Ereignisse des Jahres in der deutschen Fernsehlandschaft.

A wie „Alle auf den Kleinen“ – Oliver Pochers RTL-Spielshow ist eine schlechte Kopie von „Schlag den Raab“. Nur einmal sorgte die Sendung heuer für Schlagzeilen, als Sportlerruine Boris Becker (46) gegen den 35-Jährigen antrat. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen darüber, wie sich Becker, das Idol einer ganzen Generation, vor vier Millionen Zuschauern zum Affen machen ließ.

B wie Breyer, Jochen – Der Sportjournalist mit dem Abiturientengesicht löste den kumpeligen Michael Steinbrecher beim „Aktuellen Sportstudio“ im ZDF ab und absolvierte eine souveräne Premiere. Jaha, es gibt auch Fragen an Studiogäste, die über „Ist die Meisterschaft/die Champions League/die Nationalmannschaft/ ein Wechsel zum FC Bayern ein Thema?“ hinausgehen.

C wie Claudia Schiffer – Das Ex-Supermodel ließ in der Pro Sieben-Castingshow „Fashion Hero“ junge Modedesigner um den Sieg kämpfen. Das war ungefähr so packend wie dabei zuzuschauen, wenn der Schneiderlehrling Stoffballen nach Farben sortiert. Und so wanderte das Format nach nur einer Staffel in die Altkleidersammlung.

D wie „Dschungelcamp“ – Der Moderator hat gewechselt (vom verstorbenen Dirk Bach zu Daniel Hartwich), die Speisekarte für die ehemals (viertel-)prominenten Kandidaten, die für zwei Wochen dem Vergessen entrissen werden, ist die gleiche geblieben. Wer die meisten Maden schafft und auch im übertragenen Sinn am tiefsten im Dreck wühlt, gewinnt.

E wie „Ein Fall für zwei“ – Nach 32 Jahren und 300 Folgen sah sich der mittlerweile 70-jährige Claus Theo Gärtner außerstande, als Frankfurter Privatdetektiv Josef Matula wie vom Drehbuch verlangt über drei Meter hohe Zäune zu klettern und den Main zu durchschwimmen. Das sah das ZDF ein und schickte den kleinen Blonden in Rente.

F wie Fischer, Helene – Plattenmillionärinnen wie sie muss man nicht mehr pushen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen tat’s trotzdem und präsentierte die blonde Sängerin und ihr brünettes Pendant Andrea Berg in jeder, aber auch wirklich jeder Musikshow, die die Intendanten werden ließen. Macht zusammen zweihundert Prozent Mainstream.

G wie Gottschalk, Thomas – Den großen Blonden zog es zurück zu seinen Wurzeln. Zweimal moderierte der 63-Jährige bei Bayern 3 – und ließ dabei so manchen Nachwuchsradiomann alt aussehen. Auch im Fernsehen konnte Gottschalk mit einer Prise Nostalgie punkten. Die Premiere von „Die 2 – Gottschalk und Jauch gegen alle“, ein Quiz über Leben und Werk der beiden Stars, sahen bei RTL 6,8 Millionen Fans.

H wie „Hattinger“ – Der Regionalkrimi boomt weiterhin, vor allem die Verfilmungen populärer Romane erfreuen sich großen Publikumsinteresses. Spitzenreiter war heuer „Hattinger – Ein Chiemseekrimi“ (ZDF) mit Michael Fitz (sechs Millionen Zuschauer) vor „Dampfnudelblues“ (ARD) mit Sebastian Bezzel (5,39 Millionen). Auf immerhin noch vier Millionen bundesweit brachte es die jüngste „Kluftinger“-Adaption „Seegrund“ mit Herbert Knaup (ARD).

I wie Inka Bause  – Die 45-Jährige, die in ihrem RTL-Format „Bauer sucht Frau“ die Heiratskandidaten stets wie Deppen behandelt, sollte im ZDF das mausetote Konzept des Nachmittagstalks wiederbeleben – und scheiterte wie in ihrer Kuppelshow die Friseuse, die plötzlich Kühe melken muss. Auch ihren Job beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) ist Bause los. Moderatorin sucht Show.

J wie Joker – Bei „Wer wird Millionär?“ sollen sie den Kandidaten weiterhelfen, wenn die mit ihrem Latein am Ende sind. Auf einen Telefonjoker wie Waldemar Hartmann sollte man sich jedoch nicht verlassen, wenn es um Fußballfragen geht. Das bewies der emeritierte Sportjournalist beim jüngsten Prominentenspecial, als er Deutschlands Weltmeisterschaft im eigenen Land „vergaß“. Aber wie heißt es im Sport so schön: „Wir müssen jetzt nach vorne schauen!“

K wie Karin Tietze-Ludwig – So berühmt wie sie oder ihre Nachfolgerin Franziska Reichenbacher wird wohl so schnell keine „Lottofee“ mehr. Die traditionelle Ziehung der Glückszahlen findet jetzt im Internet statt, die Moderatoren Nina Azizi und Chris Fleischhauer auf der Straße wiederzuerkennen ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto.

L wie La Brass Banda  – Die Kultband vom Chiemsee um Frontmann Stefan Dettl trat heuer zum deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) an. Das Publikum war begeistert, die Jury nicht – und so unterlag die Truppe knapp Cascada mit Frontfrau Natalie Horler. Das Ende ist bekannt, Cascada schaffte beim Finale im schwedischen Malmö nur Platz 21. Mit bayerischer Blasmusik wäre das (vielleicht) nicht passiert.

M wie Musik  – Sie war auch heuer in Fernsehfilmen und Serien stets zu laut. Weshalb man die Fernbedienung nicht aus der Hand legen sollte, damit man einerseits versteht, was gesprochen wird – und andererseits die Kinder nicht geweckt werden, wenn die dialogbegleitende Big Band zu viel Lärm macht.

N wie „Neues aus der Anstalt“ – Die Politkabarettsendung des ZDF steht vor einem Neuanfang. Urban Priol und Frank-Markus Barwasser erklärten beim Abschied nach sieben beziehungsweise drei Jahren, man wolle aufhören, solange die Zuschauer das noch bedauern. Das tun wir – und hoffen, dass es mit Claus von Wagner und Max Uthoff so scharfzüngig weitergeht.

O wie „Operation Zucker“  – Das deutsche Fernsehen ist besser als sein Ruf, vor allem, wenn in fiktionalen Produktionen relevante Themen in eine spannende Handlung gepackt werden. „Operation Zucker“, ein Thriller über Kinderprostitution mit Nadja Uhl, war heuer so ein – zu Recht preisgekröntes – Beispiel, in Erinnerung bleiben auch „Mobbing“ mit Tobias Moretti und „Die Auslöschung“ über eine Demenzerkrankung mit Martina Gedeck und Klaus Maria Brandauer (alle ARD).

P wie „Polizeiruf 110“ – Der ARD-Sonntagabendkrimi mit DDR-Vergangenheit ist so etwas wie eine Spielwiese für Autoren und Regisseure, die mit interessanten Ermittlertypen und neuen Erzählformen experimentieren wollen. Dabei kommt oft Spannendes heraus wie in München, manchmal geht der Schuss aber auch daneben, wie in Magdeburg, wo Claudia Michelsen angestrengt einen weiblichen Rambo geben muss. Waffe weg!

Q wie Quote  – Sie war auch 2013 das Maß aller Dinge.

R wie Rundfunkgebühr – Sie heißt nun Rundfunkbeitrag und wird pauschal pro Haushalt erhoben und nicht mehr pro Gerät. Prompt erwarten ARD und ZDF Mehreinnahmen von einer Milliarde Euro bis zum Ende der laufenden Gebührenperiode. Einiges spricht dafür, dass bis Ende 2012 doch mehr Bundesbürger als vermutet zwar eifrig die Öffentlich-Rechtlichen sahen und über sie schimpften, auf die Zahlung der Gebühr jedoch gerne verzichteten.

S wie „Schlachthof“ – Aktueller und politischer wollten Otti Fischers Erben Michael Altinger und Christian Springer mit der BR-Nachfolgesendung werden. Doch ein Tresen statt des Stammtisches macht ein Format noch nicht innovativ. Bisher ersetzt Hektik den satirischen Biss. Das muss noch besser werden.

T wie „Tatort“ – Egal, ob die Fälle packend sind oder fad, die Schauspieler sich die Seele aus dem Leib spielen oder nur uninspiriert ihren Text aufsagen, die Kultkrimireihe erzielt Sonntag für Sonntag Mörderquoten – heuer bis zu 12,99 Millionen bei der Münsteraner Episode „Summ, Summ, Summ“. Weshalb die ARD-Anstalten immer neue Teams installieren. Allein in Bayern sollen, wie zu hören war, drei neue Dienststellen aufgemacht werden – die Kripo Feuchtwangen (Mittelfranken), die Kripo Waldmünchen (Oberpfalz) und die Kripo Tittmoning (Oberbayern). Die Hauptdarsteller stehen noch nicht fest. Sicher ist nur, dass alle Nebenrollen von Berlinern gespielt werden.

U wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ – Der ZDF-Dreiteiler, produziert von Deutschlands erfolgreichstem Fernsehmacher Nico Hofmann, erzählt in drastischen Bildern die Erlebnisse von fünf jungen Menschen in den Kriegsjahren 1941 bis 1945. Die Kritiken waren überwiegend positiv, die Zuschauerzahlen auch – im Schnitt rund sieben Millionen sahen zu.

V wie „The Voice“ – Die Euphorie über dieses Pro-Sieben-Sat.1-Gegenprogramm zu den „Superstar“-Inszenierungen von RTL hat sich längst gelegt. Die Quoten der dritten Staffel waren wie die der zweiten nur durchschnittlich. Aber immer noch besser als die von „The Taste“, einer Castingshow für Köche, die auf sehr kleiner Flamme köchelte.

W wie „Wetten, dass...?“  – Vom jungen Wilden entwickelte sich Moderator Markus „Freue mich sehr“ Lanz im Lauf des Jahres immer mehr zum kalauernden Kasperl, den Rest besorgte die Redaktion, die ihm die C-Promis des Privatfernsehens auf die „Macht’s Euch gemütlich“-Couch setzte. Spät wurde „spektakulär“ gegengesteuert und Assistentin Cindy ebenso entsorgt wie die „Challenge“. Jetzt ist alles fast wie früher – außer der Quote, wofür sich das ZDF beim Beau aus Bozen sicher „sehr sehr herzlich“ bedankt.

X, Y wie „XY – ungelöst“ – Der nach wie vor vielgesehene ZDF-Klassiker mit Rudi Cerne muss noch lange im Programm bleiben, sonst ist diese Chronik unvollständig.

Z wie Zamperoni, Ingo – Es dauert noch ein paar Jahre bis zur Berufung des 39-Jährigen zum „Mister Tagesthemen“. Einstweilen präsentiert Tom Buhrow-Nachfolger Thomas Roth die ARD-Nachrichtensendung im Wechsel mit Caren Miosga. Wenn der 62-Jährige dran ist, schalten die Zuschauer die Stehlampen aus. Roths Haare (weiß) und vor allem seine Zähne (so weiß, weißer geht’s nicht) tauchen dann die deutschen Wohnzimmer in gleißendes Licht.

Rudolf Ogiermann

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