Talk zu Hanau

Maybrit Illner (ZDF) zum Anschlag in  Hanau: „Rassismus ist die Norm“

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Maybrit Illner reagierte mit einer Extraausgabe ihrer Talkshow auf den Anschlag in Hanau und fragte: „Rechter Terror außer Kontrolle?“

  • ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ mit Extra-Ausgabe zu Hanau
  • Von Armin Laschet kommen nur gut gemeinte Appelle
  • Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent und Autorin Kübra Gümüşa legen Finger in die Wunde

Die Namen der Opfer

  • Ferhat Unvar 
  • Gökhan Gültekin 
  • Hamza Kutovic 
  • Said Nessar El Hashemi 
  • Mercedes
  • Can Gülcü 
  • Bilal Gökçe 
  • Sedat Gürbüz 

Das sind die Namen von Opfern eines wahnsinnigen Mörders, dessen Wahnsinn auf dem Boden der Normalität wuchern konnte. Einer Normalität, die stets zwischen „uns“ und „den anderen“ unterscheiden zu müssen glaubt. Aber es gibt sie nicht, „die anderen“. Denn das sind wir selbst. Seit einigen Jahren ist es im deutschen Sprachgebrauch üblich, von „Menschen mit Migrationshintergrund“ zu sprechen, wenn man „die anderen“ meint, die vielleicht nicht Müllermeierschmidt heißen. 

Maybrit Illner (ZDF) spricht über rassistisch motivierten Morde von Hanau

Aufgeklärte Zeitgenossen haben immerhin schon gemerkt, dass die Frage nach der Herkunft eines Menschen, der nicht die Hautfarbe von Toastbrot hat, mindestens unhöflich ist. Es ist höchste Zeit, den „Migrationshintergrund“ ganz in den Hintergrund zu verbannen. Und dann zu vergessen. 

Meine Eltern sind aus Slupsk, einer Stadt, die mal Stolp hieß und heute in Polen liegt. Habe ich jetzt einen Migrationshintergrund? Oder gehöre ich zur „deutschen Mehrheitsgesellschaft“, wie ZDF Anchorman Claus Kleber im „heute journal“ recht unbedarft formulierte? 

Maybrit Illner (ZDF) zu Hanau: Zwei Gäste legen den Finger in die Wunde

Die rassistisch motivierten Morde von Hanau* sind nicht der erste, aber der jüngste (entsetzliche) Anlass, in den Spiegel zu schauen und dem eigenen Rassismus nachzuforschen, der „Angst vor dem schwarzen Mann“, die uns in den Fünfzigern eingebläut wurde. Und es ist bei aller Problematik der Talkshows ein Verdienst, dass Maybrit Illner zu ihrer „Spezial“-Ausgabe zwei Gäste eingeladen hatte, die den Finger in die Wunde legten: den Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent und die Autorin und Journalistin Kübra Gümüşa. Beide begnügten sich nicht mit dem auch hier wieder gepflegten Kratzen an der Oberfläche, mit dem Fingerzeig auf die Brandstifter, sondern zeigten die Streichhölzer in unseren eigenen Händen. 

Aber es fing übel an mit einem Einspieler, indem von den Hanauer Toten und ihrer „mangelnden deutschen Abstammung“ die Rede war. „Mangelnd“: Geht's noch? 

Maybrit Illner (ZDF) zu Hanau: Von Armin Laschet kommen nur gut gemeinte Appelle

Immerhin wurde daran erinnert, dass seit 1990 mehr als 200 Menschen von Rechtsextremen ermordet wurden. „Wie oft eigentlich noch“ fragte Maybrit Illner bei ihrem Versuch, einmal provokant zu sein. Da sie Armin Laschet fragte, kamen nur gut gemeinte Appelle als Antwort. Oberfläche eben. Sicherlich muss die Polizei mit mehr Experten im IT-Bereich ausgestattet werden, müsste auch der Verfassungsschutz in rechtsextremen Netzwerken aktiv sein. 

Aber dass „die Gesellschaft aufgerüttelter“ sein müsse? Ist sie schon, nur einige in der Politik brauchen da noch etwas. Laschets Innenminister Herbert Reul zum Beispiel. Er hat die Shisha-Bars als Hort der Kriminalität ausgemacht. Und konnte sich des Beifalls der Hetzer von der AfD (und der „Bild“) sicher sein. Danach fragte Illner den Landesvater aber nicht, der dann eifrig mit dem Finger auf die AfD als die parlamentarischen Vertreter des Rechtsextremismus deutete. 

Maybrit Illner (ZDF) zu Hanau: Rechtsextremismus gibt es seit den 60er Jahren

Aber Rechtsextremismus gibt es in der Bundesrepublik schon seit den sechziger Jahren, erklärte Quent und erinnerte an des Oktoberfest-Attentat – genauso wenig aufgeklärt die die NSU-Morde, bei denen sich die Behörden genauso beharrlich weigern, die offensichtliche Beteiligung von mehr als den bekannten Tätern offenzulegen, wie Kübra Gümüşa und auch Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linken im hessischen Landtag, hervorhoben. 

Aber die zuständigen Stellen klammern sich gerne an die verharmlosende Version vom „Einzeltäter“: eine Irreführung, wie Quent schon im „heute journal“ dargelegte hatte: Rassismus* sei nicht nur rechtsaußen zu finden; er sei gesellschaftlich gemacht. Der Täter habe sich seine Opfer rassistisch ausgesucht, seinen Wahnvorstellungen entsprechend, die auch als Echo medialer Darstellungen zu verstehen seien. 

Maybrit Illner (ZDF) zu Hanau: Täter fallen nicht vom Himmel

Maybrit Illner spezial, ZDF, von Donnerstag, 22.35 Uhr. Mediathek

Das bestätigte Kübra Gümüşa: Täter fielen nicht vom Himmel. Sie ging noch weiter und erklärte, Rassismus sei die Norm. Man müsse „proaktiv anti-rassistisch werden“. Das beginne, so assistierte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (B´90/Grüne), schon bei der Sprache. Gümüşa gab ein Beispiel: Sie erinnerte daran, dass Menschen in Not zur „Flüchtlingswelle“ erklärt und ihnen so ihre Persönlichkeit abgesprochen worden sei. 

Janine Wissler erwähnte einen CSU-Innenminister, der nicht nur die Migration zur „Mutter aller Probleme“ erklärt, sondern an seinem 69. Geburtstag auch stolz verkündet hatte, er habe 69 Afghanen abgeschoben: der ganz alltägliche Rassismus... Der stehe schon in den Schulbüchern, so Quent, und finde seine Fortsetzung etwa in scheinbar seriösen Foren wie „Welt online“ , wo ein durchgeknallter Blogger von „Kulturmarxismus“ schwadroniere. 

Maybrit Illner (ZDF) zu Hanau: Kein Raum zur Selbstreflexion in Talkshows

Und dann ging Kübra Gümüşa auch noch die Gastgeberin und ihr Metier an: Wie in den sozialen Netzwerken polarisierende Inhalte gefördert würden, so ginge es auch in den Talkshows darum, mit seinen Meinungen gegeneinander anzutreten, statt Raum zur Selbstreflexion zu lassen. Das sei ein Problem.

Haben Seehofer und Söder was dazugelernt, wollte Illner ausgerechnet von Armin Laschet wissen. Eine rhetorische Frage. Immerhin sei aber beim Verfassungsschutz die Sensibilität gewachsen, wusste Quent – und zwar, seit Hans Georg Maaßen nicht mehr Chef ist. 

Anne Wills Talkshow nach den Hamburger Wahl landete wieder beim Desaster von Thüringen.

Von Daland Segler

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Talkshows sollten nicht länger eine Bühne für Parteikämpfer sein. Die geben sich, egal, welche Partei sie vertreten, nicht viel. Die Kolumne.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/ZDF

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