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"Man muss aufpassen, dass man keinen Tunnelblick bekommt": In Daniel Harrichs Film wird Ulrich Chaussy von Benno Fürmann gespielt.

Fast 25 Jahre später

Chaussy über Oktoberfestattentat: "Thema hat mich nicht losgelassen"

München - Im Interview spricht BR-Reporter Ulrich Chaussy über seine langjährigen Recherchen zum Oktoberfestattentat vom 26. September 1980.

Es ist bis heute der schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Beim Oktoberfestattentat am 26. September 1980 wurden 13 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt, viele von ihnen schwer. Offiziell wurde der 21-jährige Gundolf Köhler, Anhänger der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“, als alleiniger Täter ermittelt. Der BR-Journalist Ulrich Chaussy (*1952) hat diese These von Anfang an bezweifelt. Gemeinsam mit dem Anwalt Werner Dietrich hat er recherchiert, Ungereimtheiten aufgedeckt und Augenzeugen befragt. Aufgrund seiner Erkenntnisse ordnete Generalbundesanwalt Harald Range schließlich am 11. Dezember vergangenen Jahres, nach mehr als drei Jahrzehnten, die Wiederaufnahme der Ermittlungen an. Der Film „Der blinde Fleck“, zu sehen heute um 20.15 Uhr im Ersten, erzählt von Chaussys Suche nach der Wahrheit.

Herr Chaussy, was waren Ihre Gedanken, als Sie von der Wiederaufnahme der Ermittlungen hörten?

Ich konnte es erst gar nicht glauben. Ich habe auch nicht mehr daran geglaubt, dass es noch einmal dazu kommt. Ich beschäftige mich mit dem Thema ja nun schon seit 30 Jahren, und in dieser Zeit gab es – meiner Auffassung nach – schon zweimal zuvor die Situation, dass die Bundesanwaltschaft die Akten wieder hätte öffnen müssen. Doch die Anträge wurden abgelehnt.

Wann war das?

Schon 1984 hatte Werner Dietrich den ersten Antrag auf Wiederaufnahme gestellt. In diesen Antrag waren auch Recherchen von mir eingegangen. Im Kern ging es darum, dass es so viele neue Indizien und Zeugen gab, dass die offizielle These der Alleintäterschaft nicht mehr haltbar war. Verschiedene Zeugen hatten Gundolf Köhler am Tatort intensiv mit anderen Menschen reden, ja streiten gehört und gesehen. Diesen Hinweisen wurde damals nicht nachgegangen. Der zweite Antrag auf Wiederaufnahme wurde 2010 gestellt. Die Bundesanwaltschaft hatte zwar eingestanden, Asservate höchstselbst vernichtet zu haben, wurde aber dennoch nicht tätig – mit der Begründung, es gebe ja nun keine neuen Tatsachen.

Was vermuten Sie – warum wurden die Anträge wirklich abgelehnt?

Das ist schwierig zu beantworten. Im Jahr 1984 gab es – bis auf wenige Ausnahmen – kein wirkliches gesellschaftliches Interesse an diesem Thema. Ich rede hier vor allem von unserer Stadt München. Da gab es keinen Aufstand, da hat im Grunde keiner gesagt: „Das geht doch so alles nicht. Der Rechtsfrieden in dieser Stadt ist gestört, wenn nach nur zwei Jahren Ermittlungen im schlimmsten einzelnen Terrorfall der BRD-Geschichte die Akten geschlossen werden.“ Ja, und 2011 hat die Bundesanwaltschaft die Stirn besessen zu behaupten: „Es gibt keine neuen Hinweise.“ Es ist der Phantasie des mündigen Betrachters überlassen, wo auf der Skala von Desinteresse bis hin zu Strafvereitelung im Amt diese Aussage einzuordnen ist.

Warum werden gerade jetzt die Ermittlungen neu aufgenommen?

Zum einen gibt es eine neue Situation: Eine wichtige Zeugin, die damals nicht ernst genommen wurde, ist bereit, sich nach 34 Jahren erneut zu Wort zu melden. Sie hatte damals Flugblätter gefunden, auf denen der Name Gundolf Köhler stand – zu einem Zeitpunkt, als der von der Polizei noch gar nicht bekanntgegeben worden war. Der Verfasser muss also Täterwissen gehabt haben. Zum anderen denke ich, dass das NSU-Debakel zu der Wiederaufnahme beigetragen hat.

Inwiefern?

Es gibt starke Parallelen, vor allem, was die Unfähigkeit angeht zu sehen, dass vom rechten Rand Gefahr droht und ein Gewaltpotenzial aufgebaut wird. Das war damals wie heute so. Nur: Hätte man in den Achtzigerjahren genauer ermittelt und die rechten Netzwerke genauer beobachtet, hätte man vielleicht Ende der Neunzigerjahre frühzeitig erkennen können, welche Gefahr sich im „Thüringer Heimatschutz“ zusammenbraute, aus dem sich dann der NSU entwickelte.

Ihr Film hat auch dazu beigetragen, dass die Ereignisse von 1980 ins Bewusstsein zurückkehren.

Ja, das ist wohl so. Ich hatte nicht erwartet, dass ein solcher Film auch dazu beiträgt und der Druck auf die Behörden erhöht wird. Ich wollte mit dem Spielfilm eigentlich meine Arbeit an dem Thema abrunden und abschließen. Nun ist wieder Bewegung in der Geschichte, der Weg öffnet sich, diesen Anschlag vielleicht doch noch aufzuklären. Darüber bin ich sehr glücklich.

Kommen wir mal zu Ihnen persönlich – seit 30 Jahren beschäftigen Sie sich mit dem Oktoberfestattentat. Im Film sagt Ihre Frau an einer Stelle: „Du drehst ja langsam durch.“ Gab es solche Momente tatsächlich?

Dieses Zitat gehört sicher zu den dramaturgischen Zuspitzungen im Film. Aber natürlich ist es nicht immer einfach, wenn man sich so einem Thema mit nicht nachlassendem Interesse widmet. Man muss aufpassen, dass man keinen Tunnelblick bekommt. Aber ich habe ja Gott sei Dank auch immer etwas anderes gemacht, war ganz normaler Redakteur und Autor beim Bayerischen Rundfunk. Und ich bin immerhin auch der Biograf von Rudi Dutschke. Dieses Buch ist mir genauso wichtig wie die Recherchen zum Oktoberfestattentat.

Wo waren Sie selbst, als das Attentat geschah?

Ich war damals auf einer Reise nach Athen und habe von dem Attentat aus der Zeitung erfahren. Angefangen zu recherchieren habe ich aber erst nach dem Ende der Ermittlungen Ende 1982. Das Thema hat mich von da an nicht mehr losgelassen.

Das Gespräch führte Stefanie Thyssen.

Im Anschluss an den Film

zeigt die ARD um 21.45 Uhr die Dokumentation „Attentäter – Einzeltäter? Neues vom Oktoberfestattentat“. Sie schildert den aktuellen Stand der Ermittlungen. Der Senderverbund kündigt „Informationen neuer, exklusiver Zeugen“ an, durch die sich die Chance eröffne, den Mittätern und Hintermännern doch noch auf die Spur zu kommen.

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