Das Unglück vermenschlichen

- In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 erlebte Deutschland die folgenschwerste Naturkatastrophe der Nachkriegszeit. Das Sturmtief "Vincinette" fegte über die Nordseeküste hinweg und ließ zahlreiche Deiche bersten. Ganze Stadtteile von Hamburg standen unter Wasser, 315 Menschen starben, die meisten wurden im Schlaf von den Fluten überrascht. Der Regisseur Jorgo Papavassilou hat in seinem aufwendig produzierten Zweiteiler "Die Sturmflut" versucht, die Geschehnisse von damals in Bilder zu fassen und an einzelnen, allerdings fiktiven Schicksalen begreifbar zu machen. Neben Benno Fürmann und Nadja Uhl spielt Jan Josef Liefers (41) eine der drei Hauptrollen.

Die Dreharbeiten zur "Sturmflut" liefen unter extremen Bedingungen ab. So wurde bei minus sieben Grad am und vor allem im Essener Baldeneysee gedreht. War Ihnen vorher klar, worauf Sie sich da einlassen?

Jan Josef Liefers: Ja, natürlich. Sonst packt man so etwas nicht. Man muss sich auf so eine Sache vorbereiten, körperlich fit sein. Das erlebt man als Schauspieler nicht jeden Tag - aber letztendlich sind das wohl die Geschichten, die man noch seinen Enkeln erzählen wird. Wir hatten natürlich auch Unterstützung. Am Set stand zum Beispiel ein Becken mit warmem Wasser. Aber, ganz ehrlich, wenn man einmal im kalten Wasser saß, hat man sich zweimal überlegt, ob man dort rein geht. Denn aus der Wärme noch mal ins Kalte zu gehen - das ist dann noch härter als beim ersten Mal. Trotzdem haben wir nur einen kleinen Geschmack dessen bekommen, was die Menschen damals wirklich erlebt haben. Schließlich wussten wir immer, dass auf uns abends ein trockenes, warmes Hotelzimmer wartet.

Ist die "Sturmflut" ein Katastrophenfilm mit Liebesgeschichte oder ein Liebesdrama vor dem Hintergrund einer Naturkatastrophe?

Liefers: Wenn man sich so ein Thema vornimmt wie die größte deutsche Naturkatastrophe, dann wird man dem mit einem Genrebegriff nicht gerecht. Das "richtige Leben" richtet sich ja auch nicht nach Genres. Außerdem gibt die persönliche Geschichte fiktiver Figuren dem Film eine besondere Kraft über das Bedrückende des Ereignisses selbst hinaus. Trotzdem ist der Bezug zur Realität wichtig. Die Menschen in Hamburg sind alle mit Geschichten um diese Flut herum groß geworden. Deshalb kann man als Drehbuchautor nicht einfach irgendwas daherschreiben. Wir wollten das Unglück vermenschlichen, aber es sollte keine vorhersehbare Schmonzette werden, sondern etwas, das man ernst nehmen kann. Das sind wir den Überlebenden von damals schuldig.

Alle Figuren scheinen in dieser extremen Situation das Bedürfnis zu haben, mit ihren Lebenslügen aufzuräumen . . .

Liefers: Ich denke, dieses Bedürfnis ist ganz normal, wenn man Angst hat, jemanden zu verlieren. Hinzu kommt, dass Benno Fürmann, Nadja Uhl und mir wichtig war, dass jede der Hauptfiguren ihr Geheimnis hat. Wir wollten keine dieser Fernsehtröten sein, die nur Klischees erfüllen - Benno als der Held, Nadja als die Frau zwischen zwei Männern und ich als der Böse. Da wäre doch jedem klar, wie es ausgeht. Man muss aufpassen, dass solche Figuren erwachsene Menschen bleiben, damit das erwachsene Menschen auch ernst nehmen können. Manchmal sieht das Fernsehen heute leider so aus, als würden nur Idioten zuschauen.

Sie selbst sind aber doch auch sehr oft auf dem Bildschirm zu sehen. Allein im vergangenen Jahr haben Sie acht Filme gedreht . . .

Liefers: Das stimmt, und deshalb werde ich 2006 auch deutlich kürzer treten. Ich denke gerade viel darüber nach, was von all diesen Dingen wirklich gemacht werden muss. Man kann nicht ständig nur Output produzieren, sondern muss auch mal wieder Reserven sammeln. Das tut man aber nicht beim Drehen oder auf Tour, man braucht Zeit zum Nachdenken und Lesen, um aus der Mühle rauszukommen.

Und zu welchem Ergebnis kommen Sie beim Nachdenken?

Liefers: Ich habe immer weniger Lust, Teil dieser großen Zeittotschlagmaschine zu sein. Darum scheint es im Fernsehen vorwiegend zu gehen. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass man einfach mal eineinhalb schöne Stunden hat, und ich habe solche Sachen auch schon gemacht. Aber ich merke an mir selbst, dass ich darauf immer weniger Lust habe. Ich möchte mit Dingen zu tun haben, die eine Relevanz besitzen, sich zu schwierigen Fragen äußern - auch wenn sie dann nicht so runtergehen wie Öl. Denn das ist letztendlich doch das, was bleibt.

Das Gespräch führte Melanie Brandl.

RTL, Sonntag und Montag, jeweils um 20.15 Uhr.

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